Rolf Gross
DIE SOMMER
UNSERER
UNSCHULD
Pacific Palisades
1994
For
Barbara, Susanna and Cornelius
who for many years protected me
from the Dragons in my life
1982 - 1994
Vor nunmehr zwölf Jahren, im Sommer 1982, bat mich Susanne, sie war damals 22, meine "Geschichten aus dem Krieg" aufzuschreiben. Ich war entsetzt. Mit viel List und Tücke hatte ich es schlieb lich fertiggebracht, diese traumatischen Erlebnisse so weit zu verdrängen, dab sie mich nicht länger in meinen Träumen verfolgten. Sollte ich diese Erinnerungen wieder ausgraben, sie noch einmal durchleben? "Bitte, Pappi," sagte meine Tochter, "wir müssen mit deinen Geschichten leben und haben keine Möglichkeit sie zu erleben. Bitte schreib sie auf."
Nun liebe ich Geschichten zu erzählen und beim Nachdenken über diese Zeit fand ich, dab sich viele von meinen Erlebnissen wirklich gut zum Erzählen eignen würden, und einige von ihnen meinen Kindern sogar etwas über ihren "Pappi" verraten würden, was für ihr eigenes Verständnis brauchbar wäre. Dazu kam, dab ich seit Jahren meinen Vater bekniet hatte, etwas über sein Leben aufs Papier zu bringen, und er einfach meinen Wunsch nicht erfüllen konnte.
So entstand nach vielen Monaten Arbeit ein langer "Erlebnisbericht" auf Englisch, den auch einige meiner Freunde lasen. Sie glaubten mir zwar nicht immer, fanden ihn aber spannend und wollten mehr über unsere Familiengeschichte hören. Trotz mehrere Anläufe, den Krieg gewissermab en zu verlängern, ist aus diesen Versuchen nie ein Ganzes geworden.
Ich lernte auch etwas bei dieser Übung, die "Gespenster" meiner Jugend, die ich durch das Schreiben hervorzulocken versucht hatte, zeigten ihre Klauen nicht. Sie hockten weiter auf dem Boden meiner Seele.
Manchmal spürte ich ihren Feueratem in mir aufkochen, so zum Beispiel, als mich meine Schwester Christine, die inzwischen die Einzige ist, die sich noch an diese Zeit erinnern kann, wegen einer Einzelheit, oder wegen eines Lapsus meines Gedächtnis angriff: "Das war aber ganz anders, als Du das beschreibst." Sie ist eine temperamentvolle Frau, wenn sie mit mir zusammen ist, aber wenn ich sie dann preb te, verkroch sie sich wie die lydische Prinzessin in die Höhle zu ihrem eigenen Drachen, und fauchte ihren grob en Bruder Georg-der-Drachentöter an, sie allein zu lassen: "Huff! Huff!" würde sie sagen, wie im Märchen, "störe meine preziösen Kreise nicht".
Also meine Drachen existierten wirklich. Andere Menschen konnten sie anscheinend sehen und fürchten sich mächtig vor ihnen, nur ich kann sie nicht erkennen. Man mub also radikalere Methoden erfinden, schlob ich, um sie zu provozieren ihre Zähne zu zeigen.
Ich versuchte vieles, um ihnen auf die Spur zu kommen, und dann rief mich Cornelius eines Tages an, um mir eine Geschichte zu erzählen. Er hatte sich auf einer Studentenparty mit einem jungen Mann über die Probleme in Bosnien unterhalten. "Ich glaubte fest," sagte er, "dab es möglich sein müb te, die Feindseligkeiten zwischen den Serben und den Moslems durch einen verbesserten Lebensstandard und durch bessere "Erziehung" zu beseitigen. - Ich weib jetzt, dab das nutzlos ist." Der junge Mann war Pole und in Breslau geboren! "Nun," sagte Cornelius erschüttert, "sobald ich das herausgefunden hatte, geriet ich mit ihm in einen scheub lichen Streit um die Geschichte Schlesiens. Mein hoher Lebensstandard und meine exzellente Ausbildung halfen mir gar nichts, und dabei komme ich nicht einmal aus Schlesien - Pappi, du kommst dorther!"
Lebten meine Drachen in Polen?
Für diese Hypothese gab es mehrere bedenkenswerte Indizien: Physikerfreunde aus Gdansk schenkten mir, unwissend meiner "polnischen" Herkunft, auf einer Konferenz ein Bilderbuch über Polen, in dem ich eine Photographie des Bergbades in Habelschwerdt fand. Ich hatte einen sehr bösen Traum in der darauffolgenden Nacht. Aber die guten Menschen umringten mich besorgt am nächsten Morgen und versprachen mir, mich nach Bystryca Klodska zu fahren. Der böse Traum verzog sich wieder.
Nicht ganz so glimpflich ging ein anderer wortreicher Streit mit einem Krakauer Freund aus, der mir ein polnisches Geschichtsbuch ins Haus brachte, um mir zu beweisen, dab Schlesien seit dem 10. Jahrhundert polnisch gewesen wäre. Diesmal lieb sich mein Drachen nicht beruhigen, und - Barbara stand entsetzt daneben - unsere langjährige Freundschaft wäre um ein Haar entzwei gegangen, wenn Barbara es nicht verhindert hätte.
Nach dieser Episode lieb mir mein polnisches Ungeheuer keine Ruhe. Bei der geringsten Provokation spie es Feuer und Rache.
Mir wurde Angst. Ich wub te, dab ich einmal in meinem Leben eine Pilgerreise nach Schlesien würde machen müssen, um zu verstehen worin diese, meine "Heimat" besteht. Aber wie konnte ich mein militantes Gespenst davon abhalten, einem unschuldig patriotischen Polen in meines Vaters Haus die Zähne auszuschlagen? Ich brauchte jemanden, vorzugsweise eine Frau, die mir meine Hand halten würde und mich vor so einer Dummheit bewahren könnte. Niemand wollte mich jedoch auf dieser Reise begleiten, bis ich meine alte Tante Irmgard fragte. Die Gute sagte sofort zu.
Im Ende kam alles, wie so oft, ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte: In meines Vaters Haus wohnt eine sehr kluge Frau, die genau wub te, wie man Drachen besänftigt, nämlich nicht mit dem Schwert des Heiligen Georgs sondern mit weiblicher Feinfühligkeit.
Diese deutsche Version, um viele Erfahrungen vermehrt, ist deshalb meiner getreuen Tante Irmgard, Krystyna und ihrer Tochter Margot gewidmet.
Pacific Palisades, California,
im September 1994
I.
1931 - 1945
1.
Sie war eine starke Frau, die mich als kleiner Junge nachts mit ihrem unheimlichen Schnarchen ängstigte. Sie hatte ein gleichmä
b iges, rundes Gesicht mit einem vollem Mund, der ihr bis in ihr hohes Alter erhalten blieb und volles weib es Haar, das sie in einem Knoten trug, den sie in der Nacht aufmachte um das Haar hinunterzulassen. All dies lieb sie warm und vertrauenswert erscheinen, hätte mich nicht ein ironischer Zug um ihre kleinen, braunen Augen gewarnt, dab sie mich mit ihrer scharfen Zunge unversehends zerstören konnte.
Ich liebte sie sehr, meine Grob mutter. Sie war die eigentlich archetypische Frau in meinem Leben, die Frau, die das Wissen ums Leben besab . Von ihr ererbte ich meine besten Eigenschaften und all meine Fehler. Sie gab ihre eidetische Fähigkeit zu "sehen" an mehrere ihrer Enkelkinder, aber mir schenkte sie dazu ihre Stärke, ihre Vitalität und ihren Durst nach Leben.
So erscheint es kein Zufall zu sein, dab meine frühesten Kindheitserinnungen um sie kreisen, - oder ist dies nur, weil sie mich vor der Angst meine Mutter zu verlieren, beschützte, die mich beim Erscheinen der Zwillinge befiel. Meine Mutter hatte mich nämlich in Breslau in der Obhut ihrer Mutter zurückgelassen, als plötzlich zwei Geschwister zur selben Zeit erschienen, um mir meine bis dahin einzigartige Stellung streitig zu machen. Ich sehe noch meine stolze Mutter im Wohnzimmer in Glatz mit einem dieser winzigen, aber so mächtigen Kreaturen, an ihrer rechten und dem anderen an ihrer linken Brust. Ich aber wurde dem Kindermädchen überantwortet.
Die Zwillinge kamen im späten November 1933 in Breslau zur Welt.
Um den vergeblichen Versuchen meiner Mutter, mich von den Windeln zu befreien, ein Ende zu machen, setzte mich Grob mutter kurzerhand auf einen enormen weib en Emaillenachttopf, mit dem ich alsobald lernte, mit affenartiger Behendigkeit, in ihrem Wohnzimmer herumzurutschen. Ich erinnere mich besonders der Löwenfüb e des schweren Eb tisches, die ich bei diesen Reisen durch die Unterwelt entdeckte. Grob mutter lachte und erklärte, dab sie demnächst ein Bohnertuch unter meinem Topf befestigen würde, um sich auf diese Weise das Polieren des Parketts zu ersparen.
Es gab dort auch eine grob e Puppe mit vielen Unterröcken, deren baumelnde, mit Watte gefüllte Stoffbeine in völlig unanatomischer Weise an ihrem Körper angenäht waren. Sie hatte Porzellanhände, an deren einer alle Finger fehlten. Die Puppe hatten früher meiner Mutter gehört. Dann gab es noch eine gelbe Postkutsche, deren Pferde nicht mehr existierten, dafür kam sie mit einem Postillon, dessen Porzellankopf ein mächtiger Schnurrbart zierte, und einen zimmerhohen Berg von Bethlehem aus Stoff und Papiermache, der hinten eine Kurbel hatte, die meine Onkels für mich drehten, damit die Schäfer im Kreise herumliefen, der Schmied den Hammer schwang und die Engel flogen. Dieses mechanische Wunder hatte mein mythischer Grob vater gemacht, der ein berümter Erfinder, Grubenineinieur und Sprachgenie gewesen war - aber schon in meiner Mutter Kindheit diese Erde verlassen hatte.
Es mub kurz vor Weihnachten gewesen sein, denn diese alten Spielzeuge wurden nur zur Weihnachten herausgeholt. Ich schlief im Wohnzimmer auf dem grünen Sofa mit einer geschwungenen, hohen Lehne, das Onkel Gerhard mit der offenen Seite zur Wand drehen mub te, damit ich nicht herausfiel. Durch meine Träume geisterten die Glockenschläge der grob en Standuhr, das mysteriöse Ticken des Gasometers in der dunklen Entreehalle der Wohnung und das Klingeln und Gekreisch der Strab enbahn, die unten auf der Strab e um die Ecke fuhr.
Clausewitzstrab e 15 war eine höhlenartige, fin-de-siecle Wohnung im dritten Stock, voller dunkler, schwerer, wilhelminischer Möbel. In die vier oder fünf Zimmer gelangte man aus einer fensterlosen zentralen Eingangshalle, die selbst während des Tages von drei Gaslichtern erleuchtet wurde. In einer Ecke zählten die Schläge einer grossen Standuhr die Stunden, in der anderen, nahe der Eingangstür, tickte der Gasometer. Die hohen Türen hatten alle zwei Flügel, und die Decke war so hoch, dab Tante Grete, Grob mutters jüngere, unverheiratet gebliebene Schwester, die seit dem Tode von Grob vater ihr geholfen hatte, die fünf Kinder zu erziehen, eine Leiter benutzen mub te, um den Staub von dem schweren Leuchter überm Eb tisch zu wischen. Ein Zimmer war an das rundliche, ältliche Fräulein Hundt vermietet, der ich trotz der Bonbons, mit denen sie mich zu bestechen versuchte, nie ganz traute. Direkt neben Fräulein Hundts Zimmer befand sich eine finstere Kammer mit einem Wasserklosett.
Am Sonnabend füllte Tante Grete eine enorme, verzinkte Sitzbadewanne, wie die, in der Marat ermordet wurde, mit riesigen Mengen heib en Wassers, die sie auf dem Küchenherd erst für Stunden erhitzten mub te, und ich war gezwungen unter ihren Händen eine übergründliche Wäsche zu erleiden. Ich hab te Sonnabende.
Ich erinnere mich an Grob mutters Wohnung so gut, dab ich noch immer einen Plan der Zimmer mit allen Möbeln in den richtigen Plätzen zeichnen, oder die eingeäzten Muster in den Glasfenstern der Eingangstür beschreiben könnte. Ich erinnere mich der Namen und der Gesichter all der Menschen, die in der Wohnung wohnten, Tante Grete, Onkel Gerhard, Fräulein Hundt und der gelegentlichen Besucher, wie Tante Magda und Cousine Brigitte, aber Grob mutter kann ich nicht mehr sehen, so wie sie damals war.
Seit Tagen versuche ich Grob mutter heraufzubeschwören, sie zum Gehen und zum Sprechen zu bringen, so wie ich Tante Grete in ihrere Küche sehe und höre, aber es will mir nicht gelingen.
Dann erschien sie mir vorgestern auf einmal im Traum. Zu meiner Überraschung war sie viel keiner, als ich erwartet hatte. Sie war beinahe petit mit dem kleinen Knochenbau meiner Schwester Christine. Sie trug das dunkelgrau und schwarze Wochentagskleid, an das ich mich so gut erinnere, und sab in einem alten Korbstuhl. Ich wub te, dab sie ein abgetragenes Kissen unter sich hatte und ein anderes im Rücken, weil ich ihr die immer reinstecken mub te. Sie hielt die Hände in ihrem Schob gefaltet und um ihren Mund spielte ein leicht ironisches Lächeln. Irgendwie sab sie auf dem Balkon in Tante Magdas Wohnung in Gelnhausen, wohin sie und Tante Grete aus Breslau geflohen waren, aber das Zimmer hinter ihr war ihr Wohnzimmer in Breslau.
Ich hatte Schwierigkeiten sie anzureden weil meine Stimme versagte, und sie schien mich nicht hören zu können. Schlieb lich brachte ich es heraus: "Ich bin der Rolf, Grob mutter, sag doch was!" rief ich ihr zu - aber sie antwortete nicht und schien mich nicht zu bemerken.
Und dann sah ich plötzlich ganz klar, dab es gar nicht Grob mutter war, die da auf dem Stuhl sab , sondern der Wolf aus dem Märchenbuch, aus dem Mutter uns immer vorlas. Er hatte eine Spitzenhaube auf, wie sie Grob mutter nie getragen hätte, und sprach in der hohen Stimme, die Mutter mit Vorliebe beim Vorlesen dieser Geschichte für den Wolf gebrauchte: "Damit ich dich besser Fressen kann. . ."
Ich wub te sofort, was ich tuen mub te. Ich nahm ein Messer und schnitt dem Wolf den Bauch auf, und heraussprangen - nein, nicht meine Grob mutter, sondern meine Mutter und meine geliebte Cousine Brigitte, beide ganz weib bestaubt mit der Kreide, die der Wolf gefressen hatte, um den Ton seiner Stimme zu erhöhen.
Ich erwachte verwirrt durch die Numinosität dieses Traumes, ich habe nicht oft solche Träume. Aber heute morgen verstand ich plötzlich seine Bedeutung: Grob mutter in ihrem Stuhl ist eine "Ikone", meine Ikone, und ich bin ein Teil von ihr und sie ein Teil von mir, und deshalb kann ich sie nicht beschreiben.
Und als mir das schlieb lich bewub t geworden war, sah ich noch viel mehr, dab sie immer wieder neu in meinem Leben erscheint, reinkarniert, als meine Mutter, ihre Tochter, die mich mit ihr zusammen aufgezogen hat und in Brigitte, ihre Enkeltochter, die mich lehrte eine Frau zu lieben, in Susanne, Barbaras und meiner Liebe Tochter, und in Kelly, Susannes Tochter. . .
Bedeutungsvoll genug, Grob mutters Name war Anna. Und vor meinem inneren Auge sehe ich die Figuren von Anna-Selb-Dritt, die mich als Kind in den Dorfkirchen meiner schlesischen Heimat so faszinierten: Man konnte die Holzfigur Annas öffnen, um in ihrem Bauch Maria zu finden, in deren Bauch wiederum eine Figur Christi - am Kreuz zu sehen war.
Und von ganz weit weg tauchte noch eine andere Erinnerung auf, lang verschüttet. Brigitte, und ich wiegen das Christkind zwischen uns in der Weihnachtsstube in Grob mutters Wohnung und streiten uns, wer von uns beiden die Maria und wer den Joseph spielen darf.
Es mub Weihnachten 1935 gewesen sein, das erstemal dab ich Brigitte traf.
2.
Im August 1938 schickte mich meine Mutter wiederum nach Breslau. Die politischen Spannungen an der Grenze mit der Tschechoslowakei, 30 Kilometer von Glatz, wo wir seit der Geburt der Zwillinge wohnten, waren beängstigend geworden. Wir fürchteten einen Angriff. Schon war ein tschechisches Kriegsflugzeug über Glatz erschienen, und an der Grenze, auf der tschechischen Seite, sprossten, hinter Stacheldrahtverhauen, eine Kette schwerer Bunker wie Pilze in den Wäldern.
Ich war inzwischen in der Mitte meines ersten Schuljahres, und Mutter hatte strikte Anordnungen gegeben, dab ich täglich Schularbeiten machen müb te, denn, wie sich herausgestellt hatte, waren Schreiben und Buchstabieren nicht meine Stärke. Grob mutter entschied, dab sie dieser Aufgabe nicht gewachsen wäre und schickte mich zu Tante Irmgard, der jungen Frau von Onkel Hans, Mutters jüngstem Bruder. Dunkelhaarig, intelligent, schlank und mit kleinen Brüsten war Tante Irmgard eine entschiedene Ausnahme unter Mutters Verwandten. Und sie und Hans waren wirklich verliebt, sie hatten gerade erst geheiratet. Ich erinnere mich noch an ihre lichtdurchflutete, moderne Wohnung und an ihren betörenden Geruch, wenn sie sich über mich beugte, um meine Hand bei meinen Schreibübungen zu führen. Ich verliebte mich Hals über Kopf in sie, und sie wurde die Frau, mit der sich alle meine späteren Freundinnen würden messen müssen.
Die Schatten des Verhängnisses, die sich über unseren Köpfen wie die riesigen, grauen Heinkelbomber ausbreiteten, die in Formation mit schrecklichem Getöse eines Morgens über Onkel Hansens Haus brausten, wurden immer dichter. Noch nie hatte ich Flugzeuge von dieser Gröb e gesehen, und sie kamen ganz niedrig über unser Dach. Man konnte die schwarzen Eisernenkreuze, die auf ihre Flügel gemalt waren, ganz deutlich sehen, aber mein Stolz über "unsere Luftwaffe" konnte die Furcht, die sie in meinem Bauch erzeugten, nicht ganz überwältigen.
Es war um diese Zeit, dab ich auch "Unseren Grob en Führer" aus nächster Nähe sehen durfte, ein Jahr vor dem grob en Kataklysmus, der unsere Welt für immer verändern würde.
Trotz Grob mutters ausgesprochener Abneigung gegen ihn, sie nannte ihn ein "Parvenu", und meiner Eltern mehr zurückhaltenden Bemerkungen, hatte ich ein Bild Adolf Hitlers, im dunklen Stresemann seines Amtsantritts in 1933, über meinem Bett aufgehängt. So war es ein ganz grob es Ereignis, Ihn leibhaftig sehen zu dürfen. Die Gelegenheit war das "Grob e Jugendsportsfest 1938" in Breslau, das wegen seiner Nähe zu "Unserer Volksdeutschen Jugend" in der Tschechoslowakei und in Polen gewählt worden war.
Ganz Breslau war auf den Beinen. Die Stadt schwamm in einem Meer von Fahnen und Bannern. Überall sah man erregte und lachende Gesichter, - genauso wie sie Leni Riefenstahls Filme zeigen. Tausende von Menschen säumten die Straße auf der Er kommen mub te. Ich hatte mich, klein wie ich war, bis an das Seil hindurchgetunnelt, mit dessen Hilfe ein Kordon von SA-Männern in braunen Sturmhelmen mit Lederriehmen unterm Kinn die Massen zurückhielten.
Plötzlich, lief eine Welle von ekstatischen Heilrufen die Strab e entlang. Ich hob meinen Arm mit den vielen anderen Menschen zusammen und schrie "Heil! Heil!" so laut es meine kleinen Lungen zulieb en - und dann rollte Er vorbei, in Seinem prächtigen Horch Landau mit sechs verchromten Auspuffrohren auf jeder Seite des Kühlers, eine Hand an seinem Gürtelschlob , die andere zum "Deutschen Grub " erhoben im vorgeschriebenen Winkel von fünfzig Grad gegenüber der Horizontalen. Ich betrachtete den Winkel meines Armes und fand ihn unzureichend.
Auf dem Heimweg von diesem erhebenden Erlebnis überhörte ich Tante Grete mit einer anderen älteren Dame in der Strab enbahn über den drohenden Krieg tratschen. Beide waren Überlebende des letzten Krieges und jetzt erwogen sie die Frage, ob wir diesmal Frankreich besiegen könnten. Sie kamen zu einer äub erst schwarzen Prognose, aber Tante Grete fürchtete sich vor den harmlosesten Dingen wie Spinnen, Mäuse and mein Drehen am Volksempfänger.
Der "Volksempfänger" war die grob e Erfindung dieser Zeit, noch wichtiger als der Volkswagen. Das Ding enthielt, wie ich schnell herausgefunden hatte, eine einzige Radioröhre und einen einfachen Rückkopplungsknopf. Grob mutter hatte einen der allerersten gekauft. Er stand auf einem gehäkelten, weib en Deckchen auf einem separaten Tisch unter dem Bilde von Grob vater, und jeden Abend lauschten Oma und Tante Grete ehrfürchtig der Stimme des beliebtesten politischen Radiokommentators dieser Zeit. Zu HHause hatten wir ein imposantes Blaupunktradio in einem poliertem Walnußkasten, mit fünf Wellenskalen, einem grünen Magischen Auge, das einem zuzwinkerte und einem einzigen Steuerknopf, der mein technisches Verständnis weit übertraf. So war das Spielen mit Grob mutters Volksempänger eine grob e Versuchung, die durch ein striktes Verbot, das Ding anzurühren, nur noch erhöht wurde: "Junge," riefen die alten Frauen, "Du wirst das Radio noch kaputt machen!"
3.
Wir kommen gegen Mittag in Breslau an. Da wir keine Hotelvorbestellung haben, ist die Ankunft in der fremden Stadt, bis ein Zimmer gefunden ist, eine heikle Zeit. Dies ist Irmgards Stadt. Ich folge ihrer Intuition und den Schildern "Zentrum", bis sie auf einmal ausruft, "Da ist der Bahnhof!" Ich entscheide, dab es dort eine Touristeninformation geben müb te.
Die Bahnhofshalle ist ein Chaos. Ich kann niemanden finden, der Deutsch oder Englisch versteht, und ein Informationsbüro für Ausländer gibt es auch nicht. Wir scheinen der ehemaligen UdSSR mehrere hundert Kilometer näher gekommen zu sein.
Gott sei Dank, kümmert sich niemand um den illegal geparkten Volkswagen mit dem kalifornischen Nummernschild. Die arme Irmgard mub das Auto hüten. Schließlich sehe ich ein handgemaltes Schild "DAS ZIMMER" und finde in dem heruntergekommenen Büro, das sich darunter verbirgt, eine unfreundliche, ältere Frau, die ein paar Worte Englisch versteht. Ich mache ihr klar, dab ich ein Privatzimmer für drei Tage suchte.
"Passport" sagt sie mit einer offiziellen Stimme, die mich an die "gute, alte Zeit" in der UdSSR erinnert, und mir auf der Stelle das Blut in den Kopf jagt: Hier spricht der weibliche Animus! Ich ziehe meinen Pab heraus, und sie verschwindet mit ihm in ein Nebenzimmer. Nach zehn Minuten erscheint sie wieder und präsentiert mir einen Zettel mit einer Adresse und einem Preis von 900'000 Sloty. "You pay to Kassa!" sagt der Animus. Ich mub mich wirklich zusammennehmen, und versuche ihr klar zu machen, dab ich das Zimmer erst sehen möchte. Nichts zu machen. "Good room!" sagt die Lady, "People wait for you!"
Irmgard ist einverstanden. Mit einer Karte bewaffnet, machen wir uns auf den Weg. Irmgard macht den Lotsen, links herum, rechts herum, eine breite Hauptstrab e hinunter, uralte Strab enbahnen rumpeln uns entgegen. "Da drüben in dem Hotel haben Hans und ich unsere Hochzeitsnacht verbracht." Irmgard zeigt auf einen völlig herabgekommenen Hotelbau im orientalisierenden Jugendstil. "Es war einstmals das vornehmste Haus in Breslau." Eine Barriere, Bauarbeiten, und dann sitzen wir hinter einem, schwarze Abgase ausstob enden Diesellastwagen, festgefahren zwischen Sandbergen und aufgerissenem Pflaster. Ich fahre rückwärts wieder heraus, und folge gelben Schildern auf denen wahrscheinlich Umleitung steht. Die kleineren Strab en sind auf der Karte nicht zu finden, Strab ennamen oft auch nicht. Irmgard rät auf gut Glück.
Unter der Bahn hindurch, über leere, verwahrloste Trümmergrundstücke, an einer langen Ziegelmauer entlang, die Bahn darüber. Und da schwimmt ein Jahre alter Traum in mein Bewub tsein herauf, in dem ich an dieser Mauer entlang verzweifelt nach dem Weg zu Grob mutters Wohnung suchte und die richtige Strab e nicht finden konnte. Merkwürdig, genau wie jetzt.
Wir fahren noch einmal durch einen ganz engen Tunnel unter der Bahn hindurch. Da ruft Irmgard: "Jetzt weib ich, wo wir sind. Da drüben ist das Gericht. Da arbeitete Hans!" Sie zeigt auf eine neugotische, rote Backsteinburg mit Zinnen und einem Turm, dessen Uhr permanent auf halb drei stehen geblieben ist. Ich entdecke ebenfalls vage Erinnerungen an den Bau in meinem Gedächtnis. Vielleicht könnte ich jetzt die Strab e mit dem Zimmer wenigstens auf der Karte wieder finden.
"Jetzt mub gleich der Freiburger Bahnhof kommen. Wir sind ganz nahe. Jetzt mub t du links abbiegen," prophezeit Irmgards sechster Sinn. Ich bin gezwungen Entscheidungen weiter aufs Geradewohl zu fällen: Die nächste Strab e links ab ist Einbahnstrab e, also dann nicht. Ein Zaun in der Mitte der Strab e, wie komme ich auf die andere Seite? Eine Kreuzung von fünf, teilweise gesperrten Strab en, chaotischer Verkehr, hinter mir fangen sie an zu hupen, jetzt mache ich einfach eine, sicherlich illegale, Kehrtwendung.
Es dauert noch einmal zwanzig Minuten, bis wir vor dem Hauseingang mit der richtigen Nummer stehen. Wohnblocks aus den letzten Jahren vor dem Kriege, viele erwachsene Bäume, ein Parkplatz. Es hättte schlimmer ausgehen können.
Eine rundliche, durch ein hartes Leben und die ungesunde osteuropäische Ernährung stark gealterte Frau öffnet uns. In ihrer Aufregung sprudelt sie einen unaufhaltsam polnischen Wortschwall, zwischen den sie ab und zu ein paar deutsche Worten mischt. Ich suche verzweifelt nach slawischen Wörtern, sie kommen auf Russisch heraus.
"Du Russe?" sagt sie mib trauisch. "Ich will kein Russe in dies Haus." Ich beschwichtige sie, dab ich kein Russe wäre, sondern, um ihr Vertrauen einzuflöb en - ich schäme mich fast - ein "Professor" sei, der etwas Russisch gelernt hat. Das löst einen chaotischen Schwall von polnisch-deutschen Klagen aus. Sie beginnt zu weinen, dazwischen schimpft sie auf die Russen - auf Russisch.
Alles was ich verstehe ist, dab sie und ihre Familie von den Sowjets 1939-40 aus Ostpolen in die sibirische Tundra verschleppt worden waren, wo alle ihre Familienangehörige in den nächsten sieben Jahren umkamen. Als sie 1946 aus Sibirien repatriert wurde, war ihr Heimatdorf inzwischen von den verhab ten Russen bewohnt, so kam sie nach dem zerstörten Breslau. Ich umarme sie und wir lamentieren gemeinsam die Grausamkeiten dieser Welt. Irmgard nennt sie "Mama", was sie schlieb lich wieder zum Lachen bringt, und getröstet einigen wir uns, dab ich ausnahmsweise in ihrem Haus Russisch sprechen darf.
Während dieser stürmischen Begrüb ung stehen wir in einem grob en Zimmer, durch dessen, von Stores verschleiertes Fenster, die Sonne hereinfällt. Der Blick geht auf die Bäume des Kinderspielplatzes hinter dem Haus. Es ist gemütlich, bieder-bürgerlich möbliert, zwei Betten, ein Tisch mit Stühlen, rote Herzkissen auf den Bettdecken, Häkeldeckchen auf dem Tisch und alte, aber saubere Bettwäsche. Irmgard und ich sind uns schon lange einig, für 23 DM kann man kein besseres Quartier für uns beide finden - und die Wirtin ist unbezahlbar.
Nach wenigen Minuten kommt sie ohne anzuklopfen mit einem Riesentablett wieder herein, auf dem Wurst, Teegläser, Butter, Gurken, Fische, zwei Gläser Kirschenkompott und ein Berg Brot gehäuft sind. - Sie wird nie begreifen, dab wir manchmal allein sein wollen, oder dab wir nicht halb so viel essen können, wie sie sich's erhofft. Alle zehn Minuten kommt sie wieder und nötigt uns mit weinerlicher Stimme: "Warum Sie essen nicht! Bitte, essen Sie mehr!" dabei sagt sie "biete". Dieses Ritual wiederholt sich fortan jeden Morgen beim Frühstück - das nicht eingeschlossen im Zimmerpreis, 7.50 DM für zwei extra kostet. - Auf unseren Wunsch bringt sie uns dazu auch Kaffee und meine Augen gehen über, es ist der einzig genuine, auf dem Feuer aufgekochte, ostdeutsche Milchkaffee mit "Grund", den unsere Dienstmädchen zu kochen pflegten - heuer nahezu untrinkbar. Oh, mein Osteuropa - "Sieben Jahre mein Herz nach dir schrie!" sang Josepha aus Slovenien - Du bist unverrändert!
Später treffen wir Franz Puch, ihren 68-jährigen, aus Krakau stammenden Mann. Er ist eine Karrikatur Kaiser Franz-Josephs. Ein rührendes Männlein mit blitzenden Äuglein, schütterem, mittelgescheiteltem Haar und einem rötlichen, imposant seitwärts abstehenden Schnurrbart. Irmgard findet ihn himmlisch. Franz-Frantik spricht ganz flüssig Deutsch, und erzählt uns die ganze traurige Geschichte von seiner Frau Sibirienverbannung zum zweiten, aber noch lange nicht letzten Mal.
Zwei Tage führt mich Irmgard durch ihr Breslau. Ich übe mich im Sehen von Dingen, die ich tatsächlich nicht sehen kann: Ein grob er Park voller alter Bäume, "Hier war das Grab deines Grob vaters, der zu früh an einen Lungenentzündung starb, dort das von Brigittens Vater, er starb an Tbc." Unmarkierte Grasflächen, eine Bank, auf der wir eine halbe Stunde sitzen. Ich trinke eine halbwarme Coca-cola. Menschen wandern vorbei, niemand beachtet uns.
"Dort, zwischen den beiden Häusern war der Hutladen deines Urgrob vaters Laffert, des Vaters deiner Grob mutter, der zwei Frauen überlebte." Das Haus ist verschwunden und so ist das auf der Clausewitzstrab e. Die Gleise der Strab enbahn an der Ecke, deren Quietschen mich nachts wachhielt, sieht man noch, aber sie sind mit Teer vergossen. Direkt dahinter ein neugotischer Backsteinbau: "Das ist die Mädchenschule, in die deine Mutter und ich gingen, und in der Tante Magda meine Schwester Eka unterrichtete. Und dies war unsere Turnhalle." Die hohen Fenster sind gröb tenteils eingeschlagen.
Die einstmals evangelische Elisabethkirche, zu deren Gemeinde meine Grob - und Urgrob eltern gehörten, eines der Wahrzeichen der Altstadt, ist mit Brettern vernagelt, hinter denen sie seit fünfzig Jahren den Wiederaufbau betreiben. Die anderen protestantischen Kirchen, die noch oder schon wieder stehen, sind alle sehr geschmackvoll renoviert, aber inzwischen katholisch.
Der alte botanische Garten ist wieder eine wunderbare Pracht von Blumen, und die Kirchen der Dominsel, seit dem 18. Jahrhundert Sitz eines tschechisch-katholischen Erzbischofs, sind in sehr gutem Zustand. Dem heutigen Erzbischof von Schlesien mangelt es weder an Geld noch an Kirchgängern. Die Gottesdienste in den Kirchen sind überfüllt.
Nicht weit davon entfernt ein abbruchreifes Haus aus dem Ende des letzten Jahrhunderts, noch immer durchlöchert von Einschub stellen: "Hier haben wir in meinen Mädchenjahren gewohnt." berichtet Irmgard. "Oben wohnten wir und unten zwei katholische Priester. Und mein Gott, sieh, die Litfab säule steht noch, in die wir Schwestern von unserem Balkonerker aus immer von oben hinein Zielspucken veranstalteten."
Und wahrhaftig die Tonne der Litfab säule, Ironie des Schicksals, hat's überlebt, genau so unbekümmert wie eine kleine Säule mit einem Glaskästchen obenauf, die ich am nächsten Tag direkt neben dem halbverwüsteten preub isch-königlichen Stadtschlob in meinem Gedächtnis wieder entdecke. Einstmals enthielt der Glaskasten eine viel bewunderte Wetteranzeige. Die alte Windfahne obenauf dreht sich noch, aber der Kasten ist leer. Die neuen Bewohner der Stadt konnten ja nicht ahnen, was in dem Kasten einmal gewesen war.
Das Schlob ruft Erinnerungen an stolze Wanderungen unter Grob mutters Führung durch seine feierlichen Räume hervor: Hier begann 1813 der Aufstand der Nationen Europas gegen Napoleon, hier stiftete im gleichen Jahr König Friedrich Wilhelm III. von Preub en den Orden des Eisernen Kreuzes. . .
Auf der einen Seite des berühmten, wiederhergestellten, gothischen Rathauses auf dem Ring brüllt ein Lautsprecher einen Kommentar zu einem Schau-Basketballspiel junger Mädchen, auf der anderen preist ein anderer dröhnender Lautsprecher den neuesten MacDonald an. Darunter aber existiert, getreu wiederhergestellt, noch immer der Ratskeller, in dem Grob mutter mir eine Schlinge an der Wand zeigte, die zum Verprügeln betrunkener "Lümmel" benutzt worden war, und die mir immer einen heiligen Schrecken einflöb te.
Es hat mich als Kind schon immer geärgert, dab der "Ring" quadratisch ist und nicht rund, jetzt mub ich die Tatsache schlucken, dab die, nur in Schlesien gebräuchliche Bezeichnung "Ring", von "Rynek", Markt abgeleitet ist. Ein polnisches Lehnwort im Deutschen!
Irmgard schleicht zum dritten Mal um das Opernhaus herum und bringt schlieb lich den Wunsch heraus, eine Oper sehen zu wollen. Im Wissen, dab sie liebend gern in die Oper geht, lab ich mich, dem die Oper nicht wichtig ist, überreden, ihr den Spielplan vorzulesen, sie hat wieder einmal ihre Brille verlegt. An dem Abend gibt es Johann Straub 's "Zigeunerbaron", natürlich auf Polnisch.
"Ach," sage ich zu ihr, "willst du denn wirklich den albernen Zigeunerbaron von einem zweitrangigen Ensemble gesungen und einem drittrangigen Orchester gespielt, in einem provinziellen Opernhaus auf Polnisch genieb en?" Erst verteidigt sie, sogar ein wenig hitzig, Johann Straub , dann aber sagt sie beinahe schüchtern: "Es ist mir aber im Ende egal, was sie spielen, ich möchte doch noch einmal in die Oper gehen, in der ich mit meinem Vater so oft war, und in der ich später allein, auf einem Stehplatz ganz oben, so viele wunderbare Aufführungen erlebt habe. Weib t du, zu meiner Zeit war die Breslauer Oper gar nicht provinziell, sie war das Sprungbrett für Berlin."
Endlich verstehe ich ihr Interesse, und kaufe uns zwei Karten in der fünften Reihe im Parkett - so gut habe ich nur einmal mit geschenkten Karten gesessen - und sie kosten 60 000 Zloty, ganze 4 DM, das Stück!
Mama ist schrecklich aufgeregt und erlaubt uns so lange auszubleiben, wie es uns Spab macht. Sie würde auf uns warten. Und so gehen wir in die Oper, in unseren Touristenlumpen - wir haben doch nichts besseres anzuziehen.
Irmgard versichert mir, dab das Innere des Hauses noch genauso aussähe wie anno 1934, als sie zum erstenmal dort gewesen war. Sie zeigt mir sogar die Box, in der sie mit ihrem Vater gesessen hat. Gott sei Dank ist es so dunkel, dab mein zynisches Auge die Details der fabelhaften Restauration nicht entlarven kann.
Im letzten Moment setzen sich in grob er Eile eine ältere, gut angezogene Dame mit einer noch schöneren Tochter neben mich: "Entschuldigen Sie," sagt die Mutter zu mir, "ich bin schrecklich aufgeregt, dies ist das erstemal seit 50 Jahren, dab ich wieder in diesem Haus sein darf." Ich mub herzhaft lachen, und Irmgard gibt mir einen energischen Stob in die Rippen. Der Vorhang geht hoch, und dann singen sie für zwei verwirrende Stunden und gar nicht einmal so schlecht.
So kam es, dab wir, ich die schöne Tochter unterm Arm und Irmgard deren Mutter, anschlieb end nebenan ins "Metropol" zogen. Ein arroganter, unsäglich schlampiger "Ober" lieb sich herab, die Wünsche der deutschen Touristen entgegenzunehmen. Wir einigten uns schlieb lich auf Bier, weil die angebotenen Weine ungenieb bar erscheinen. Die ganze Szene hätte nahtlos in das Moskau der siebziger Jahre passen können, einschlieb lich des dicken Herausschmeib ers an der Eingangsdrehtür, der den Damen beinahe den Fub gestellt hätte, weil ich ihm kein Schmiergeld gab.
Irmgard und die Dame seufzen über die Verkommenheit des einstmals exklusiven Lokals, und Irmgard gesteht, dab Hans hier ihr seinen Heiratsantrag gemacht hätte: "Wir sab en an dem Tisch dort drüben. Er war mit einem wunderbaren Blumenstraub gekommen, der mir bereits alles im Voraus verraten hatte. Es war wahnsinnig aufregend. Und für eine Woche hab ich nicht einmal meiner Schwester davon erzählt."
Die Universität, in der mein Vater und Onkel Hans ihren Doktor erwarben, ist ebenfalls sorgfältig wiederaufgebaut, aber seitdem ist sie aus Mangel an Geldmitteln, völlig heruntergekommen.
In jeder Beschreibung des polnischen Breslau wird gleich nach dem Rathaus die wiederhergestellte barocke Aula, der Prunksaal der Universität, abgebildet. Beim näheren Zusehen entpuppt sich die Renovierung ihrer Wandmalereien als eine ganz grobe Arbeit.
Eine Gruppe siebzigjähriger deutscher Männer photographieren einander auf dem Ehrenpodium der Aula. Die intelligent aussehende Studentin, die die Eintrittskarten verkauft, ist die erste Polin, die sich von mir charmieren läb t. Sie spricht gut Deutsch und gibt bereitwillig, genaue und geschichtlich korrekte Auskünfte.
Gegenüber der Univerität trinken wir in einem winzigen Kaffee einen Capuccino, der uns den Milchkaffee unseres Frühstücks endlich vergessen läb t. Ein plötzlicher Regenguss vertreibt uns von den Gartenstühlen des Kaffees in die Universitätsbuchhandlung, wo ich das, gerade erst herausgekommene, Breslauer Kriegstagebuch eines katholischen Priesters entdecke: Eine vorbildliche Quellenausgabe in Deutsch, von zwei Polen ediert.
Ich kaufe den Band für den in Breslau geboren, geschichtlich interessierten Udo, Tante Irmgards Sohn, und lese dann jeden Abend fünfzig Seiten. Der Bericht aus dem letzten Winter 1944-45 in der "Festung Breslau" wirft ein unerwartetes Licht auf meine neuen Eindrücke in dieser Stadt.
Zum Beispiel stellt es sich heraus, dab die meisten der endlosen Flächenverwüstungen, die man überall heute noch sieht, zu Lasten der deutschen Wehrmacht gehen, das heib t, von dem halb wahnsinnigen Gauleiter Hanke befohlen wurden, um die Stadt besser verteidigen zu können. Nur ein Teil der Zerstörungen gehen auf Kosten tatsächlicher Kampfhandlungen. Imbesonderen wurden die alten Friedhöfe bereits von der Wehrmacht geschleift, um aus den Grabsteinen Barrikaden zu errichten - und nicht, wie zum Beispiel in Danzig, spätert von den Polen. In Breslau machte die polnische Verwaltung dann die grob en Parkanlagen aus den verwüsten Stätten, die heute den gröb ten Charm dieser Stadt bilden.
Eine andere Einsicht entspringt den, in dem Buch enthaltenen, Photographien aus dem Jahr 1945, die die ausgebrannten Gerippe der alten Häuser und Kirchen zeigen. Die alten Bauten, die heute noch stehen und von denen wir leichthin und erfreut sagen, dab sie "überlebt" haben, waren 1945 ausgebrannte Ruinen. Nun ist es leicht zu sehen, dab Breslau nach 50 Jahren immer noch vornehmlich von deutscher Gebäudesubstanz lebt. Diese Bürgerhäuser, und nicht nur historische Bauten, wurden unter grob en Kosten in einem Ausmab e restauriert, das in Westdeutschland, schon allein aus ökonomischen Gründen, undenkbar gewesen wäre.
Warum die polnische Regierung diese Ausgaben auf sich nahm, ist um so schwerer zu verstehen, als diese oft sehr alten, von deutschen Baumeistern erbauten Gebäude, die gröb te und für alle sichtbare Widerlegung der polnische Behauptung darstellen, dab Schlesien "seit Jahrhunderten geschichtlich polnisch" gewesen wäre.
4.
Als ich aus Breslau wieder nach Habelschwerdt kommen durfte, hatte der Krieg, offiziell unerklärt für ein weiteres Jahr, in Wirklichkeit schon begonnen: "Deutsche Truppen überschreiten seit den frühen Morgenstunden die Grenzen der Tschechoslowakei, um unsere deutschen Volksgenossen im Sudentenland zu befreien." verkündete das Radio.
Für Stunden fuhren sie die Stra
b e auf der anderen Seite des Kanalgrabens an unserem Glatzer Haus vorbei Richtung Süden. Alles was das Herz eines Jungen höher schlagen lassen konnte, Geschütze, Tanks, Lastwagen voller singender Soldaten, rumpelten durch die hereinbrechende Nacht. Wir Kinder sab en in der Hecke aus wildem Wein versteckt, fasziniert von dieser Parade, bis wir von Magdalene zwangsweise ins Bett gesteckt wurden.
Magdalene Weich war unser neues Kindermädchen. Sie stotterte schrecklich. Der Grund ihres Stottern war - und man nahm an, dab ich das nicht verstünde, - dab ihr Vater sie fürchterlich verprügelt hatte, als er entdeckte, dab sie von einem Besuch bei ihrem Onkel mit einer Geschlechskrankheit zurückgekommen war. Mutter hatte Magdalene nach diesem Unglück ins Haus genommen, um Lucie zu ersetzen, die sie bereits nach sechs Monaten hatte entlassen müssen, als es eines Morgens herauskam, da- sie vier Monate schwanger war.
All diese, von Geheimnissen umwobenen Ereignisse, beschäftigten mich sehr, zumal sie ungewöhnlich dramatische Konsequenzen hatten. Das Mysterium wurde noch weiter dadurch erhöht, dab ein Kollege von Vater unter Zungenschlagen und mit himmelwärts verdrehten Augen berichtete, dab ihn Lucies Schwangerschaft nicht wundernähme, wo er sie doch schon vor Monaten nachts, vor den Lichtern seines Wagens im Park mit einem Soldaten "in voller Blüte" hätte liegen sehen. Mein Schulweg führte täglich durch jenen Park, und so versuchte ich mir immer, Lucie dort in voller Blüte liegend vorzustellen.
Es waren schwierige Zeiten für uns alle. Mutter, vier Jahre nach den Zwillingen, war wieder schwanger. Das Kind war ihr grob er Wunsch gewesen , sie war beinahe vierzig. Ich erinnere mich nicht an ihr Aussehen in dieser Zeit, aber ihren Kontrolle über uns Kinder wurde schwächer je mehr sich der Tag ihrer Niederkunft näherte.
Wir wohnten am Rande des alten Glatz im Herrenhaus des ehemaligen Götzhofs, der einem kleinen Edelmann gehört hatte, den Friedrich der Grob e nach den schlesischen Kriegen als Stadtobmann eingesetzt hatte. Der Hof war kurz vor unserer Ankunft in Glatz verkauft worden, und das Herrenhaus mit seinen meterdicken Wänden war renoviert und in drei Wohnungen aufgeteilt worden. Wir mieteten die gröb im ersten Stock über dem ausgebauten Keller, der an einen langen, schmalen Garten grenzte. Ein Bach, in einen tiefen, ausgemauerten Kanal gezwängt, schützte uns vor der Strab e nach Habelschwerdt. Der Bach war wohl einmal ein Teil des Stadtwalles gewesen, jetzt flossen die Abwässer der benachbarten Grundstücke in ihn.
Anfangs schliefen wir Kinder in einem grob en Zimmer unten neben dem Heizungskeller, der Waschküche, in der im tiefen Nebel zweimal die Woche Wäsche gewaschen wurde, dem Kohlen- und Vorratskeller und der grob en Küche, in der die zwei Dienstmädchen regierten.
Im oberen Stock gab es eine Wohnzimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern und ein Eb zimmer mit einem grob en, uralten Mahagonitisch, von dessen geschnitzten Greifenfüb e ich, weil ich doch noch klein war, jeden Sonnabend mit einem Lappen den Staub abwischen mub te. Um den Tisch standen sechs Stühle mit Peddingrohrsitzen, die aus demselben Jahrhundert wie der Tisch stammten.
Der Tisch, die Stühle und eine schwere, antike Anrichte hatte uns Tante Hanna vererbt, eine mythische, ledige Cousine meines Grob vaters väterlicher Seite. Vater war eines Tage mit dem Auto ausgezogen, sie zu begraben. Diese Unternehmung versetzte mich für Tage in grob e Verwirrung, denn Vater hatte sich geweigert den Spaten mitzunehmen, den ich in seinen Wagen geschleppt hatte. Mutter hab te diese alten Möbel, aber das Schicksal hatte sich gegen sie verschworen, sie war prädestiniert, für den Rest ihres Lebens mit abgelegten Möbelstücken zu leben.
Das piece-de-resistance des Eb zimmers aber war ein Essensaufzug zur darunterliegende Küche, der, so lange wir in dieser Wohnung wohnten, nie mein mechanisches Interesse verlor. So stolz wie sie auf diese feudale Erfindung war, sie wurde allen Besuchern demonstriert, so grob war meiner Mutter Angst, dab ich eines meiner kleinen Geschwister darin verstauen könnte zu einer Fahrt in die Küche. Schwere Androhungen verbaten mir, je mit diesem Ding unbeaufsichtigt zu spielen.
Ihre Furcht war nicht ganz unbegründet, die Zwillinge folgten mir wie Schafe dem Ziegenbock. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich sie eines frühen Herbsttages dazu verführte mit mir den Ozean in einem grob en Dampfschiff zu überqueren. Der Heizungskeller war der Maschinenraum des Schiffes, und wir mub ten das Feuer unter den Kesseln schüren. Die Zwillinge schleppten Kohle aus dem Nachbarkeller, die ich in den Zentralheizungsofen schaufelte. Meine Mutter merkte nichts bis plötzlich das Sicherheitsventil der Heizung mit einem furchtbaren Knall und Zischen losging. Sie kam angerannt, sah was wir unternommen hatten und lief dann in Tränen nach oben, um alle Heizungskörper aufzudrehen. Meine Mutter in Tränen! Ich rannte hinter ihr her und voll der besten Absichten, drehte ich die Heizkörper, die sie schon aufgedreht hatte, wieder zu. Jetzt verlor sie ihre Fassung. Ich kann mich nicht erinnern, dab sie mich je wieder so furchtbar geschlagen hätte, und sie hatte eine sehr lose Hand. Sie schlug mich mit dem Rücken der rechten, an der sie ihren Ehering trug, ins Gesicht und trat mich mit Füb en. Schlieb lich sperrte sie mich in den Kohlenkeller, wo ich schrecklich unglücklich auf den Kohlen hockte, von denen wir noch vor kurzem mit so grob em Eifer in die Heizung geschaufelt hatten. Dort sab ich dann für Stunden und gedachte der Ungerechtigkeit dieser Welt und meiner so über alles geliebten Mutter.
Feuer spielte eine grob e Rolle in meiner Fantasie in diesen Jahren. Ich könnte nicht sagen warum. Nachts liebte ich mich in den Büschen des Gartens zu verstecken, um den Rauch zu beobachten, der aus dem Schornstein einer Bäckerei auf der anderen Seite der Strab e stieg, und mir die Angst einzureden, dab die Bäckerei gleich in Flammen aufgehen würde.
Vielleicht wurden diese Fantasien durch ein überlebensgrob es Gemälde an einer der Wände des Götzhofes geschürt, das einen Heiligen Florian zeigte, der auf Flügeln und angetan mit einen Helm und einem wallenden roten Mantel über dem brennenden Glatz schwebte. Die hungrigen Flammen, die aus dem Rathaus schossen, leckten schon an seinem Mantel. Aber vergeblich, Florian hielt, scheints ohne jede Mühe, in einer Hand einen riesigen, weib en Nachttopf, der genauso aussah wie der, auf den mich Grob mutter gesetzt hatte, aus dem er Wasser in die brennende Stadt gob . Unter dem Bilde sagte es: "Lieber Heil'ger Florian behüt' dies Haus, zünd andrer Leute Häuser an!"
Dieser verwirrende Spruch machte einen tiefen Eindruck auf mich. Was war in dem Nachttopf, war es wirklich Wasser? Und so erwachte ich eines nachts schreiend aus einem Traum, in dem der himmlische Feuersmann, getreu seiner zweideutigen Veranlagung über unserem Haus schwebte, das lichterloh und schrecklich brannte.
Mutter kam in mein Zimmer und versuchte mich zu beschwichtigen: "Rolfchen, es ist nur ein Traum. Sieh doch der Florian ist gekommen, um das Feuer auszugieb en." Aber ich heulte untröstlich weiter: "Mutti, der Florian gieb t Feuer aus." Sie mub ten mich schlieb lich in ihr Zimmer nehmen, und mich auf der "Ritze" zwischen ihren Ehebetten ganz fest in den Armen halten, um mich zu beruhigen. Dies war das einzige Mal, dessen ich mich entsinnen kann, dab ich in meiner Eltern Bett schlafen durfte.
Während dieses Winters wartete die ehemaligen, verfallenen Wirtschaftegebäude hinter unserem Haus darauf in weitere Wohnungen umgebaut zu werden. Die geheimnisvollen Ställe, mit ihren zerbrochenen Fenstern rochen noch nach den verschwundene Kühen, ein verrosteter Mistlader hing im düsteren Halbdunkel. Ratten huschten in die Abflub löcher, wenn wir uns dort einmal hineinwagten. In der Mitte des Hofes stand immer noch das Quadrat des ehemaligen Misthaufens, und in der hintersten Ecke des Hofes, im verlassenen Gemüsegarten, lagen alte Milchkannen und verrostete Maschinen herum.
Diese Areal war für Wochen der bevorzugte Spielplatz für mich und den Sohn eines ehemaligen Hofarbeiters, der nun arbeitslos, ein glühender Anhänger der Partei geworden war. Wir gingen dieser Familie aus dem Wege, und meine Besuche in deren Wohnung und mein Spielen mit dem Jungen, geschahen immer heimlich. Wir erfanden viele triste Spiele, wie zum Beispiel: Wetten wer am längsten in die alten Milkannen pissen konnte, oder wir folterten halbtote Ratten, die mein Freund mit einer Steinschleuder erlegte. Manchmal amüsierten wir uns aber auch nur damit, die übrigen Fenster in den Ställen mit Steinen einzuwerfen.
Die meisten dieser Untaten waren die Erfindung meines neuen Freundes, aber es war meine Idee gewesen, gro- e Erdklumpen unter die, auf der Straße vorbeifahrenden, Autos zu werfen. Irgenwie machte es mir ein riesiges Vergnügen die Geschosse zwischen den Rädern der Wagen gewisserma- en explodieren zu sehen. Wir hatten dies Spiel schon eine gute Stunde betrieben, als auf einmal einer der Fahrer stoppte, aus seinem Wagen ausstieg und mich in meinem Versteck hinter der Stalltür erwischte. Mein Freund, der gewiefter war als ich und schneller rennen konnte, war schon lange über alle Berge. So war ich dem erbosten Mann ganz allein ausgeliefert. Er drohte mit der Polizei. Ich fühlte wie meine Gedärme auf einmal flüssig wurden and rannte gerade noch schnell genug nach Hause, ehe ich in meine Hose machte. Meine nichtsahnende Mutter war besorgt, daß ich mir beim Spielen den Bauch verkühlt haben könnte.
Alles wäre gut gegangen und mit der Zeit vergessen worden, hätte nicht ein paar Wochen später ein Polizist vor unserer Tür gestanden. Ich geriet in Panik, und bat meine völlig verblüffte Mutter in großer Angst, mich bitte vor dem Polizisten zu beschützen. Sie hie- mich meine verborgenen Sünden vor dem Polizisten gestehen, und der schreckliche Mann verlangte meine sorfortige Auslieferung. Als er aber die kalte Angst in meinen Augen sah, lachte er und erklärte, daß er gekommen wäre, um die neue Adresse von Lucie zu erfragen. . .
Nach dieser Geschichte hatte Mutter ein ernsthaftes Gespräch mit Vater, und bat ihn, mich öfter in dem Wagen auf seine Überlandtouren mitzunehmen.
5.
Unser so lang erwartetes, viertes Geschwisterchen, ein Junge, erschien schlie
b lich eines frühen Morgens im Juni 1938 im Schlafzimmer meiner Eltern. Er war von einer Hebamme entbunden worden, als wir unten noch fest schliefen. Die Frau bearbeitete meine erschöpfte, aber glückliche Mutter noch mit heib en Tüchern, als mich Vater aufweckte und mit nach oben nahm, um den neuen Bruder zu bewundern. Ich hatte noch nie ein neugeborenes Baby gesehen, und so erschien mir dieses erschreckend abstob end, ein verschrumpelter alter Mann mit schütterem Haar und einem unverhältnismäb ig gro- en Mund, aus dem furchterregende Schreie kamen. Für mich war er eine Enttäuschung.
Meine Eltern aber waren glücklich. Ein verblichenes altes Familienphoto, in dieser Zeit im Garten in Glatz gemacht, zeigt uns zum erstenmal zu sechst. Meine Mutter, erfüllt und fruchtbar in einem Korbstuhl in der Mitte, konzentriert alle ihr Ausstrahlung auf das kleine Bündel in ihrem Schob . Mein Vater, die modische, später so verrufene Schnurrbartbürste auf der Oberlippe, trägt eine Nickelbrille und graue Breeches und lächelt unsicher auf seine Frau und die neue Brut herab. Dünn, mit äub erst kurzgeschnittenem Haar, sieht er eher wie ein Student von sechsundzwanzig Jahren aus, als der Mann von siebenunddreib ig, der er damals war. Ich stehe ganz rechts aub en und richte das Lachen, der von meiner Grob mutter geerbten Selbstsicherheit, auf den Betrachter. Die Zwillinge füllen den Raum zwischen Mutter und mir mit den ausdruckslosen Blicken erschreckter Hasen. Das Bild mub im Frühsommer aufgenommen worden sein, denn die Fliederbüsche im Hintergrund mit ihrem betäubenden Duft sind in voller Blüte.
Bald danach wurde Dieter von Grob vater Grob getauft, der als Pastor uns alle taufte, und der mit seinem langen, wilden, weib en Bart und seiner aufgeklärten Ironie mir immer als der nächste Repräsentant Gottvaters selber erschien.
Alle waren gekommen, die Grob eltern Grob , Oma Hammer und Tante Grete, zwei Wandervogelfreunde meiner Mutter, die zu Paten auserwählt waren und ein paar neuere Freunde aus Glatz. Es wurde das gröb te Fest meiner Kindheit. Meine Eltern waren nie besonders gesellig. Mein Vater, schüchtern und ungeschickt mit Menschen, besab fast keine Freunde und hab te gesellschaftliche Verpflichtungen jeglicher Art, und Mutter, von Natur aus gesellig aber einfach, hatte sich ihm schon früh angepab t und unterstützte Vater. Die Sage ging um und beide waren stolz darauf, dab sie sich schon zu ihrer Hochzeit geweigert hätten Wein zu servieren.
Diesmal aber wurde es ein grob es, in meines Vaters Augen heraldisches Fest in unserem Haus, zu dem die Eltern sogar zwei Köchinnen gedungen hatten, die, während wir in der Kirche waren, ein fabelhaftes Mittagessen kochten, das an einem riesigen Tisch im Garten serviert wurde. Es war ein wundervoller, sonniger Tag voller Farben, ungewohnter Gerüche und dem fröhlichen Geschwätz der Gäste. Zum Nachtisch gab es Eiskrem, ich erinnere mich besonders daran, weil sonst Eis für uns Kinder ein verbotenes Vergnügen war, weil das, nach meiner Mutter Ansicht, auf der Strab e verkaufte Eis, oft "schlecht" war. Die vielen Male, an denen wir uns später, unter Nichtachtung ihres Verbots, Eis kauften, straften sie allerdings der Übertreibung.
Dreib ig Jahre später, beim letzten Besuch meiner Eltern in Pacific Palisades, hatte Barbara für uns, Gerhard, seine Frau Anneliese, Peter und ein paar gute Freunde ein grob es Abendessen bereitet. Es war bei dieser Gelegenheit, dab mein Vater mit versagender Stimme die Erinnerung an Dieters Tauffest beschwor.
.
Vater unterrichtete, während des Winters, an der Landwirtschaftsschule in Glatz, eine staatliche Berufsschule für die Söhne der Bauern in den benachbarten Dörfern. Im Sommer, wenn die jungen Männer bei der Feldarbeit benötigt wurden, reiste er mit dem Auto durch die Dörfer, um Ratschläge für neue Arbeitsmethoden auszuteilen, oder um Saatkartoffeln, Getreidefelder, oder Tiere zu begutachten.
Im Jahre vor meinem Schulanfang habe ich ihn oft, in unserem Dreizylinder, Zweitackter, Vorderantrieb DKW-Cabriolet begleitet. Viele kleine Episoden aus dieser Zeit fallen mir jetz wieder ein: einmal fiel ich in einen Ententeich und Vater zog mir die nassen Hosen aus und wickelte mich in Zeitungspapier. Ein andermal stocherte ich gegen mein besseres Wissen in einem Ameisenhügel herum, und die lieben Tierchen attackierten mich zu tausenden unter meinen Hosen. Oder das Jahr der grob en Maul-und-Klauensäuche, in dem wir, ehe wir einen Hof betreten durften, Hände und Schuhe in Lysol waschen mub ten. Und dann die grob e Wallfahrt nach Maria Schnee.
Wir gehörten zu der winzigen protestantischen Minorität in der ansonsten tief katholischen Grafschaft Glatz. Die Mehrheit der Protestanten waren Lehrer, Beamte und andere "Gebildete", eine Tradition, die auf Friedrich den Grob en zurückging, der, nachdem er im Siebenjährigen Krieg Maria Theresia die Grafschaft abgenommen hatte, vorzugsweise getreue, protestantische Beamte dorthin entsandte, von denen viele die ehemaligen Unteroffiziere seiner siegreichen Armee waren.
Unsere katholischen Mitmenschen kamen mir entschieden anders vor. Zur selben Zeit aber übten ihre, die Sinne betörenden Kirchen eine gewaltige Anziehungskraft auf mich aus. Manchmal stahl ich mich auf meinem Schulweg in die Kirche der Minoritenschwestern, eine dunkle Höhle gefüllt mit den überladenen Altären des schlesischen Barocks voller goldener Engel, Spiralsäulen und wilder Bilder. Dieser Ort hinterlieb jedesmal einen tiefen, mystischen Schauder in mir, und meine Kleider rochen noch Stunden später verräterisch nach Weihrauch.
Im Vergleich dazu war unsere Kirche, die unter dem Einflub der Herrenhuter Brüder, einer ikonoklastischen, spezifisch schlesisch-pietistischen Gemeinde stand, ein kalter, weib er Raum bar jeglicher Ornamente bis auf ein riesiges von Wolken umschwebtes, blaues Auge in einem goldenen Dreieck über dem schmucklosen Altartisch. Gott weib , was sich der Maler beim Malen dieses Objektes gedacht hatte, oder welch alter Stich den guten Pastor verwirrte, der ihm dieses masonisch-ägyptische Symbol vorgeschlagen hatte. - Aber dann spukten in Schlesien unter den Evangelischen seit Jahrhunderten viele andere, noch merkwürdigerere, gnostisch-mystische Ideen. Unglücklicherweise lenkte mich diese Monstrosität immer stark von den guten Worten ab, die Pastor Schicha im Kindergottesdienst an uns richtete, zu dem wir auf Befehl meiner Mutter widerwillig, jeden zweiten Sonntag, gehen mub ten.
So steuerte die Wallfahrt mit den Bauern viele neue, farbige Bilder zu meinem katholisch-evangelischen Puzzle bei. Es war natürlich eine Ehre für meinen Vater, unserer anderen Religionszugehörigkeit zum Trotz, zu dieser Reise eingeladen zu sein. Wir wurden sehr früh am Morgen an unserem Haus von einem Bus voller Frauen in weiten, bunten Röcken mit ungezählten Unterröcken darunter abgeholt. Sie waren schon in bester Stimmung. Ich glaube nicht, dab sie viel getrunken hatten, aber allein einen ganzen Tag Urlaub von der harten Feldarbeit zu haben, genügte, um alle glücklich zu machen. Es wurde viel gesungen auf der Fahrt durch die Felder und Dörfer. Ein Mann spielte eine Mundharmonika, ein anderer eine Ziehharmonika zur Begleitung.
Maria Schnee, eine kleine, runde, weib e Kirche mit einem roten Ziegeldach sab auf einem steilen Bergkegel am Fuß des Glatzer Schneebergs. Die Bäume hatten gerade ihre ersten neuen Blätter bekommen und überall blühten Blumen in den Wiesen, roter Mohn, gelber Hahnenfub , Butterblumen und hohe Schafgarbe an den Wegrändern.
Der steile Weg zur Kirche war mit grob en, runden Pflastersteinen und an den steilsten Stellen mit steinernen Treppenstufen ausgelegt. Natürlich gingen alle zu Fub den Berg hinauf, aber ein paar junge Frauen rutschten auf ihren Knien, den Rosenkranz betend bergan. Vater erklärte mir, dab sie auf diese Weise ihre Sünden abbüb ten. Sünden? Fragte ich mich, was für furchtbare Übertretungen hatten sie begangen, die solch schreckliche Bub e erforderte. Ich konnte mir keine genügend schlimme Vergehen vorstellen, und meiner Mutter verschleierte Andeutungen von den dunklen Mysterien des Bösen trugen nichts zur Aufklärung dieses Rätsels bei, das mich für Monate beunruhigte.
Das innere Heiligtum der Kirche enthielt eine hochverehrte Madonnna, unter deren übergrob em Mantel sich Dutzende von kleinen Menschen versteckten. Die Kirche war von einem Umgang von Altären umringt, an denen Arme, Beine, Hände, Köpfe und in einer Kapelle Dutzende von Wickelbabies aus Wachs oder Silberblech hingen, Votivgaben von Pilgern, die geheilt, ihre Krücken gleich auch dort stehen gelassen hatten oder deren Wunsch nach einem Kind erhört worden war.
Meine Mutter fand diese Ausstellung menschlicher Gebrechen schauerlich. Mir aber erschienen sie und die Votivbilder, die dramatische Rettungen vom Ertrinken, dem Tod unter den wildgewordenen Pferden, oder aus einem brennenden Haus zeigten, ganz unmittelbar verständlich. Mutter vergab ja auch niemals bei ihrem abendlichen Nachtgebet an unserem Bett, alle kranken Freunde und Verwandten zu erwähnen.
Im Ende kaufte mir Mutter zwei kleine Votivkerzen, die ich anzünden durfte. Vielleicht kommt es durch dieses Erlebnis, dab ich die kleinen Kirchen in Bayern, Georgien oder Griechenland nie verlassen kann, ohne eine Kerze anzuzünden im Gedanken an Susanne oder auch nur, um dem einsamen Heiligen auf dem Altar Gesellschaft zu leisten
6.
Schon in den letzten Jahren vor dem Kriege konnte man gewisse Sachen nur schwer finden, dazu gehörte auch Schlagsahne. Ich kann beim besten Willen nicht sagen warum, aber genau wie es eine Kampagne "Die-deutsche-Frau-gebraucht-keinen-Lippenstift" gab, gab es auch eine gegen die Institution der Konditorei und gegen die Schlawiener, die dort guten Kaffe tranken und Kuchen mit Schlagsahne a
b en. Vielleicht war es, wie ein russischer Freund in einem anderen Zusammenhang einmal meinte, dab sich alle "Revolutionen" anfangs puritanisch gebärdeten, vielleicht aber fühlten sich die ungebildeten Parteimitglieder einfach unter dem Kaffeehauspublikum nicht wohl.
Zu unserem Glück hatte aber die Sahnetradition im alten k.u.k. Österreich-Ungarn, zu dem die Tschechoslowakei vor Kurzem auch noch gehört hatte, überlebt. So wurde für uns, Dank der "Befreiung Unseres Sudetenlandes" Schlagsahne für eine kurze Zeit wieder zugänglich - eben gerade auf der anderen Seite der Grenze - und meiner Mutter Verlangen nach Sahne wuchs über alle Mab en.
Bis zum Ende ihres Lebens liebte Mutter, trotz ihres späteren Übergewichts und den Drohungen ihres Doktors, Kaffee und Kuchen mit Sahne. Für mich aber war Sahne eine mythische Substanz, deren Wiederauftauchen das Ende des Krieges und aller Entbehrungen anzeigen würde. Ich bekam den himmlischen Schaum jedoch nur einmal zu Gesicht in dieser Zeit, als wir bei Nacht und Nebel heimlich über die Grenze in die Tschechoslowakei schlichen.
Die Erwartungen, mit denen ich auf diese Unternehmung mit meinen Eltern auszog, waren nahezu übersinnlich. Ich erinnere mich sogar noch an den Namen der Baude, zu der wir gehen mub ten: "Zur Scheidemühle". Von der metallurgischen Operationen des Scheidens von Gold und Silber abgeleitet, die dort einmal praktiziert worden waren, verleitete der Name Friedemann Popp, ein uns begleitender Freund meiner Eltern, auf dem ganzen Weg zu unanständigen Spässen, besonders da unsere Suche obendrein auch noch Sahne galt.
Es war in der Mitte des Winters von 37 auf 38, und man konnte nur auf Schneeschuhen dorthin gelangen. Der Schnee war tief und die Wälder unwegsam. Auf der anderen Seite machte der tiefe Schnee aber die Unternehmung überhaupt erst möglich, denn es gab ein striktes Verbot, die alte Grenze ohne schriftliche Erlaubnis zu überqueren, und in Sahne schwelgen zu wollen, war entschieden kein ausreichender Grund für so ein Bewilligung.
Nur verwandelte sich die Expedition zur Scheidemühle schnell in eine kleine Katastrophe. Es fing bald an sehr dicht zu schneien. Aus Angst vor den Grenzpatroullien, verloren wir den Weg mehrmals und irrten für Stunden planlos durch die schweigend weib en Wälder. Als wir die Baude schlieb lich doch fanden, war sie so vollgestopft mit illegalen Sahneliebhabern, dab sie einem Dampfbad glich. Und dann kam die größte Enttäuschung, ich fand das flauschige Zeug überhaupt und absolut uneb bar. Daraufhin bekam ich ein Glas Skiwasser, eine langweilig süb e Mischung aus viel Eiswasser und ein wenig Himbeersaft. Meine Mutter aber stopfte Unmengen von Sahne in sich hinein. Und waren es nun die Hitze in der Gaststube und die ungewohnte Anstrengung des langen Weges oder die Tatsache, dab sie vier Monate schwanger war, auf dem Heimweg mub te Mutter sich schrecklich übergeben und gab all die gute Sahne wieder auf.
Mutters Schicksal schien meine neugefundene Abneigung gegen das scheub liche Zeug völlig zu rechtfertigen, und selbst nach dem Ende des Krieges fühlte ich keine Versuchung, es noch einmal zu probieren, - bis wir im fernen Amerika entdeckten, dab Schlagsahne das wirkungsvollste Mittel gegen Heimweh ist.
7.
Die Sommer meiner Kindheit sind die Leuchtfeuer im Strom meiner Erinnerungen: 1947 Brigittens Sommer, der Sommer meiner ersten grob en Liebe, 1943 der Sommer in der Mühle der Schmidts, 1942 und 1941 die epischen Familien Zusammenkünfte auf Wollin an der Ostsee, 1938 der Sommer der grob en Flut und im Anfang war 1937 der Sommer unserer Unschuld, den wir an den Stränden von Usedom verbrachten, wo ich dem magischen Zauber der Ostsee verfiel.
Die ganze Familie in unseren DKW gepackt, das Dach sportlich offen heruntergeklappt, fuhren wir nach Norden. Vater am Steuerrad, die drei Kinder im Hintersitz und Mutter als Navigator. Alle fünf trugen wir weib e Rennkappen, die bis über die Ohren gingen. Wir fuhren auf der gerade erst eröffneten Autobahn von Breslau über Grünberg, dem Ort meiner Geburt, und Frankfurt-an-der-Oder, auf dem Autobahnring um die "Reichshauptstadt Berlin" herum nach dem winzigen Fischerdörfchen Koserow auf der Insel Usedom in der Odermündung. Wir hätten das beste Aushängeschild abgegeben für die "Junge Deutsche Familie der Zukunft", ein Jahr nach den "Grob en Deutschen Opympischen Spielen", neun Monate vor Dieters noch zukünftiger Geburt, und zwei Jahre vor dem Verlust Unser Nationalen Unschuld.
Ich sehe noch den sonnigen Tag, an dem wir die Autobahn mit siebzig entlang "rasten" voll Aufregung und nationalen Stolzes. Die Wiesen und Bäume flogen nur so vorbei. Mutter teilte Ohrfeigen aus, wenn immer ihr die heilige Ordnung im Rücksitz in Gefahr erschien. Und dann "mub te" Christine auf einmal ganz nötig, und Halten war verboten auf der Autobahn. Vater versuchte so langsam zu fahren, wie er konnte, damit Mutter Christine mit entblöstem Hintern überbord halten konnte. Und dann konnte Christine einfach kein Pipi machen, weil der Wind so stark blies! Und mittags hatten wir ein Picknick auf einem Autobahnrastplatz neben einem riesigen Bullen, der, nur durch einen einzigen, dünnen Stacheldraht von uns getrennt, auf einer Wiese weidete. Und Mutter konnte kaum ihr Brot herunterwürgen aus Furcht vor dem drohenden Tier. - Es war unser erstes, grob es Familienabenteuer.
Zwei Tage verbrachten wir in Frankfurt bei Onkel Gerhard und Tante Käthe Schmidt und ihren fünf Kindern. Tante Käthe war Vaters einzige Schwester. Ihnen ging es sichtbarlich besser als uns ärmlichen Beamten. Sie wohnten in einer riesigen Villa mit einem drei Stockwerke durchziehenden, zentralen Treppenhaus, das oben durch eine gläserne Pyramide beleuchtet wurde. Onkel Gerhard, jung und gewinnend, war der technische Direktor einer Schokoladen- und Kaffeefabrik. Das Haus gehörte der "Firma".
Im zweiten Stock gab es einen Wintergarten, eine für mich unerhörte Idee, wo Onkel Gerhard exotische Pflanzen zog, die er aus Südamerika mitgebracht hatte, wo er in Bolivien für zwei Jahre für die Firma eine Kaffeeplantage geleitet hatten. Eine Orchidee mit einer einzigen gelb-braunen Blüte strömte einen betörender, nach Schokolade und Vanille riechenden Duft aus, der das ganze Haus parfümierte. Ich kann diese Blüte noch immer riechen und habe ihresgleiche bis jetzt noch nicht wieder gefunden.
Die Schmidts hatten eine Köchin und ein Kindermädchen, das vergeblich versuchte, uns acht Kinder unter Kontrolle zu halten, während unsere Eltern gegrillten Fisch zu Mittag speisten, die letzte kulinarische Neuigkeit. - "Grillen," erklärte Tante Käthe mit ihrer lauten Stimme, "erhält die Vitamine."
Wir tobten durchs ganze Haus, vom Keller bis zum Dachboden, bis wir von den Erwachsenen als Plage in den labyrinthischen Garten verbannt wurden. Dort spielten wir dann Räuber und Gendarm, wobei die jüngeren Kinder, Gerhard, Christine und unsere Cousine Sabine und ihr Bruder Eberhard natürlich die Gendarmen abgeben mub ten. Jochen, ein Jahr jünger als ich und von meiner Diposition, wurde mein neuer Freund, während Peter sich heraushielt. Er war der älteste und wollte meine Führerrolle nicht anerkennen. Mit grausamer Genauigkeit fand ich, dab er "komisch" aussah, - wahrscheinlich weil er in Bolivien geboren worden war. Den letzten Vetter, Hartmut, übersahen Jochen und ich, er war der Träumer, der ohnehin in unsere rauhen Spiele nicht pab te.
Tante Käthe trug ihr Haar nach Wandervogelart in zwei dicken, um den Kopf gewundenen Zöpfen und dazu eine buntbestickte, indianische Bluse und einen handgewebten Rock. Sie war, ganz anders als ihr schüchterner Bruder, eine starke Frau mit einem "grob en Maul" - wie meine Mutter sagte, - das sie fürchtete.
Die "grob e Käthe", so genannt, um sie von meiner Mutter, die auch Käthe hieb , zu unterscheiden, wurde auch von anderen gefürchtet.
Sie hatte eine Art, tödliche Urteile von hoher Genauigkeit über andere Menschen auszusprechen, die empfindlichere Seelen zum Schaudern brachten. So bezeichnete sie meine Grob eltern in Gegenwart von uns Kindern einmal als "meine ärmlich, aber reinlich gekleideten Eltern." Wobei alle anwesenden diesem Epithet zuzustimmen schienen, sich aber beschämt und schweigend abwandten.
Trotz meiner Mutter schlecht versteckter Abneigung, empfand ich eine unmittelbare, leider nie erwiederte Zuneigung zu dieser ungeschminkt direkten Frau, die ich ihr durch alle Jahre, durch alle Auf und Ab und Ost gegen West, auch immer bewahrt habe. Sie war die letzte Person, die meine Mutter, bevor sie starb, bei Bewub tsein sah.
Fast alle, die noch lebten, waren zu meines Vaters Begräbnis nach Gelnhausen gekommen, meine geliebte Cousine Brigitte, meine Vettern Udo Hammer und Ernst Stölzel, Onkel Gerhard Hammer, Mutters letzter noch lebender Bruder und Barbara und ich aus dem fernen California. Christine hatte versprochen, trotz ihrer inneren Schwierigkeiten mit Mutter, ein paar Wochen später aus Hong Kong zu kommen, um sich um Mutter zu kümmern. Nur mein Bruder Dieter in Berlin entschuldigte sich mit seiner Krankheit. Mein Bruder Gerhard war bereits seit fünf Jahren tot. Noch viel mehr Menschen waren am Morgen auf dem Friedhof beim Begräbnis gewesen, Vaters Verehrer und Freunde vom Gelnhäuser Geschichtsverein und Herr Kienzler, der alte, schon taprige Nachbar von ihnen.
Mutter war glücklich.
Die letzten Jahre waren für sie zu einer schweren Probe geworden. Vater war, trotz eines klaren Kopfes, physisch sehr schnell verfallen. Er bildete sich ein, wie sein Vater an einem Prostatakarzinom sterben zu müssen, der Arzt aber fand nichts. Sein Herz spielte ihm nun wirklich mit, und eines Tages war er in der Stadt von fremden Menschen bewub tlos aufgefunden und ins Kankenhaus gebracht worden. Mutter dachte es wäre das Ende. Aber es sollten noch drei weitere, schwierige Jahre folgen. Dann verlor er mit einem Male sein Gehör.
Um diese Zeit besuchte ich sie für ein paar Tage. Wir konnten uns mit Vater nur noch schriftlich verständigen, und er wurde täglich störrischer. Mutter war mir beim Abschied um den Hals gefallen und hatte geweint. "Du hast keine Ahnung, was ich mit ihm durchmache." sagte sie. "Wenn Du da bist, lebt er auf, aber mein Alltag ist die reine Hölle." Ich nahm ihr das Versprechen ab, dab sie bis zu seinem Ende bei ihm bleiben würde.
Ich ahnte damals, dab ich ihn zum letzenmal gesehen hatte. Ein massiver, physischer Zusammenbruch ein paar Monate später zwang Mutter schlieb lich, ihn in ein Pflegeheim in Bad Orb zu bringen. Er starb wenige Tage später an sich selbst, Gott und der Welt bitterlich zerbrochen.
Und jetzt sab en wir alle um den Tisch in ihrem Haus und hatten Kaffe und Kuchen mit - Schlagsahne. Mutters erlöst frohe Stimmung breitete sich schnell unter all den Trauergästen aus. Wir hatten uns alle seit undenklichen Zeiten nicht mehr gesehen. Mir ging durch den Kopf, was doch die reichlichen Fressereien, die bei Begräbnissen in Schlesien auf dem Lande die Regel waren, für begnadete Einrichtungen gewesen wären. Barbara und ich machten Pläne mit Mutter, dab sie uns im nächsten Winter in California besuchen kommen sollte. Es schien, als ob sie noch einen ganzen neuen Lebensabschnitt ohne die Bürde ihres Mannes vor sich haben könnte. Wir flogen glücklich nach Hause.
Zwei Monate später war sie tot.
Käthe Schmidt, die von den Behörden der DDR für das Begräbnis ihres einzigen Bruders keine Ausreiseerlaubnis bekommen hatte, setzte es schlieb lich durch, dab sie fünf Wochen später doch noch reisen durfte. Meine Mutter, wie immer wenn die grob e Käthe im Anmarsch war, fürchtete sich vor ihrem Kommen, war aber dann doch froh, als sie eintraf. Sie schienen miteinander auszukommen. Christines Reise hatte sich verspätet.
Und dann erhielten wir, zwei Tage vor Christines Ankunft, von meinem Bruder Dieter aus Berlin einen Anruf, dab Mutter mit einer massiven Gehirnblutung bewußtlos, aber noch lebend, im Krankenhaus läge. Die Einzelheiten erfuhren wir erst nach Tagen.
Mutter war in den Keller gegangen, um für sich und Käthe - mein Gott, ich mache keinen schlechten Scherz - Schlagsahne zu holen, und dort hatte sie der Schlag überwältigt. Herr Kienzler, den die grob e Käthe zu Hilfe geholt hatte, erzählte mir noch kurz vor seinem Tode, wie Mutter ihn mit grob en, hilfesuchenden Augen im Keller, sich an der Kartoffelkiste mit letzten Kräften aufrechthaltend, um Erbarmen angefleht hätte. Sprechen konnte sie nicht mehr. Dann war sie zusammengesunken. Christine und Dieter fanden sie bei ihrer Ankunft in Gelnhausen bewub tlos im Krankenhaus. Tante Käthe, anscheinend völlig verstört, reiste überraschend ab und überließ Mutter ihren beiden Kindern. Sie hat niemanden von uns je eine Zeile zum Tode meiner Mutter geschrieben. Vielleicht hatten sie sich kurz vor Mutters Tod wieder einmal gestritten, und sie fühlte sich mitschuldig.
Bewub t, dab es mir ganz vielleicht möglich gewesen wäre, Mutter aus ihrem bewub tlosen Zustand, im wahren Sinne des Wortes, herauszureden - so wie es ein paar Jahre später Evelyn mit Dieter fertigbrachte - habe ich lang mit mir gerungen, noch einmal nach Gelnhausen zu fliegen. Geld- und Zeitnot und der Gedanke, dab es besser sei, die 83-jährige Frau in Ruhe sterben zu lassen, hielten mich von diesem Versuch schlieb lich ab. Sie starb zwei Wochen später. Und vielleicht war dieser Tod, im Zustand des Halbbewußtseins, ein Tod, der unter meiner Grob mutter Nachkommen oft vorkommt, ein guter Tod für sie. Ich jedenfalls, würde mir so einen Tod wünschen.
Am vierten Tag unserer Reise, auf der Suche nach der Fähre nach Usedom, verirrten wir uns inmitten der Salzwassersümpfe auf eine Nebenstrab e. Schlieb lich kamen wir an ein schwerbewachtes Tor zu einer offensichtlich militärischen Anlage. Man bedeutete uns, dab wir sofort umkehren müb ten. Meine Eltern rätselten für eine lange Zeit daran herum, was für ein militärisches Gebiet dies sein könnte, es existierte auf keiner unserer Karten. Später, während der Wochen in Koserow, wurden wir Zuschauer eines Marinemanövers am fernen Horizont, das von fantastischen Silberstreifen am Himmel begleitet war, wie wir sie noch nie gesehen hatten. Zehn Jahre später fanden wir heraus, dab wir Zeugen eines der ersten grob en Raketenabschüsse aus Wernher von Brauns Peenemünde gewesen waren.
Wir fanden das Haus, das meine Eltern gemietet hatten, in einem Kiefernwäldchen, wenige hundert Meter vom Sturz der Kalkfelsen entfernt, von denen man einen schmalen Sandstrand übersah und das stille, durchsichtige Wasser der Ostsee. In der entgegengesetzten Richtung sah man durch die Sonnenflecken im Wald hindurch das Schilf, das am Rande des Haffs wuchs. Ein Hafen der Stille, in dem man die Zeit atmen hören konnte.
Für Jahre habe ich nach diesem Sommer, nach dieser Landschaft gesucht, von diesem verlorenen Paradies meiner Kinderjahre geträumt. Hat es dies wirklich gegeben?
Eines Tages, als ich diesen Traum schon nahezu ganz vergessen hatte, bei einem langen, ermüdend einsamen Aufenthalt in 1976 in Moskau, wanderte ich ziellos in eine "Komissariya" am Oktyabrskaya Ploshad, einer Art teurem Trödelladen, in dem man den fin-de-siecle Bric-a-Brac seiner Grob eltern gegen japanische Hifigeräte und andere technische Modedinge eintauschen konnte. An diesem ungereimten Ort fand ich meinen Traum wieder. Zwischen antiken Samovars, alten Hochzeitskleidern und zaristischen Teeservicen stand ich auf einmal vor einer Wand, die mit den Sonntagsgemälden der Mütter und Grob mütter meiner russischen Freunde behangen war: eine Familie, die ihren Sonntagnachmittag auf der sonnenüberfluteten Veranda einer Datscha verweilte, eine junge Frau, die ein Buch lesend, am Rande eines Sees sab , Sonnenflecken, Blumen, Wiesen. . . Bilder, gezeichnet von der Zeit um die Jahrhundertwende, sentimentale Bilder. Vielleicht würden andere sie als Kitsch bezeichnet haben, sicherlich unbedeutend, aub er für den, der das Glück hatte, sich an die träge dahinsummenden Mittagsstunden der Sommer Osteuropas erinnern zu können.
Und endlich, genauso unerwartet, auf der Reise mit Tante Irmgard durch Schlesien im Juni 1994, entlang baumgesäumter Strab en durch die halbverlassenen Dörfer meiner Jugend mit ihren neuen, unaussprechbaren, polnischen Namen, durch die Berge östlich von Habelschwerdt, auf dem Weg nach Bad Altheide, in Brand, am oberen Ende von Spätenwalde, da fand ich sie wieder diese Landschaft der singenden Zeit, die still steht. Es gibt sie tatsächlich noch und nicht blob auf dem Grunde meines sentimentalen Gedächtnis.
Die Landschaft war das eigentliche Erlebnis auf der Suche nach meiner verlorenen "Heimat".
Was ist dann und wo ist "Heimat"? In den Menschen? Sie sind nicht mehr, sind seit 50 Jahren verschwunden. In der Sprache? Sie ist dort beinahe gänzlich vergessen, verdrängt. In der Geschichte, der Kultur, einer Religion oder Ideologie? - Ich weib nun, dab meine "Heimat" in der unterbewub ten Erinnerung an diese östliche Landschaft liegt und in der versponnenen Zeit, die in ihr schläft.
8.
Eines Tages fragte mich Walter Griesser, ein Kollege der auch einen deutschen Vater hat, verzweifelt ob meiner Dickköpfigkeit, einen Fehler in einer technischen Diskussion zuzugeben, "Sag mal, bist Du jemals in die Schule gegangen, und hat Dich irgend jemand jemals von etwas überzeugt, das Du nicht bereits zu wissen glaubtest? Mein Vater, wußte auch immer alles besser."
Die zweite dieser denkwürdigen Fragen habe ich noch immer nicht ganz enträtselt. Lange Beobachtungen bestätigten mir, da
b er zweifelsohne Recht hat, dab "die Deutschen" immer alles "schon gewub t" haben. Woher "wissen" sie, und warum müssen sie ihr Wissen dann auch noch so hartköpfig verteidigen? Ist es ein Trost oder eine Erleuchtung, dab ich schlieb lich unter meinen russischen und indischen Kollegen sehr ähnliche Tendenzen entdeckte? Sind es die Bilder, die Images, die Ikonen in unseren Köpfen? Und warum sollten andere Völker nicht mit solchen magischen Bildern leben? Warum nur die Deutschen, die Russen, die Inder und vielleicht ein paar andere? Hat dies unter anderem auch mit meinem vehementen Ablehnung jeglicher Anschuldigung - die ich mit Susanne teile - und mit meiner Unfähigkeit "Sünde" zu verstehen zu tun?
Die erste Frage ist einfacher zu beantworten: Ja, meine Mutter hat immer mit eisernem Willen darauf bestanden, dab wir in die Schule gingen, ob wir wollten oder nicht, ob die Schule zehn Kilometer entfernt war oder zwei, ob der Schnee zu hoch lag für den Bus oder wir keine Schuhe besab en, wir gingen in die Schule, basta. Dieses Prinzip und die oft schwierigen Zeitläufe brachten es mit sich, dab ich bis zu meinem Abitur sieben verschiedene Schulen besuchen mub te!
Wenn ich so meine Schuljahre überschaue finde ich, dab ich mich an ungezählte Mädchen erinnern kann, aber nur an zwei oder drei Lehrer, die mir etwas beigebracht haben, das noch immer Bestand hat. Im Austausch dafür könnte ich von Dutzenden farbenprächtiger, grausamer, oder unfähiger Freaks unter meinen Lehrern erzählen. Dazu kommt eine erschütternd lange Liste von Schabernak und Streichen, mit denen ich die dümmsten und unfähigsten unter ihnen oft gemein gequält habe, und um derentwillen dann meine Mutter, zu meiner Beschämung, regelmäb ig kommen mub te, um Vergebung zu erbitten und Besserung zu versprechen. Zum Teil war dieser Zustand eine Folge des Krieges, der die Fähigen auffrab und die Krüppel und alten Käuze in unsere Schulen schickte. Alles in allem ist es schon ein kleines Wunder, dab ich je etwas in der Schule gelernt habe. Obwohl ich kein schlechter Schüler war, ging ich nicht gern zur Schule.
Meine Schulzeit fing vergleichsweise gut an. Ich ging zum erstenmal, eine riesige Zuckertüte im Arm, Ostern 1938 in Glatz in die Schule. Als Folge des Grob en Konkordats, das die Katholiken Hitler abgezwungen hatten, bekamen die evangelischen Minoritäten ebenfalls eigene Schulen. Die evangelische Volksschule in Glatz war ein modernes Gebäude mit einem baumbestandenen Schulhof, einer Turnhalle und menschenwürdigen Toiletten, alles Dinge, die die Katholiken nicht besab en.
Die Schule lag am anderen Ende der Stadt, und so mub te ich schon sehr früh aufstehen, um die erste Stunde nach einem halbstündigen Weg zu erreichen, zuerst die Herrenstraße hinunter, an deren einem Ende wir wohnten, unterm Bahnhof hindurch und über die eiserne Neib ebrücke, an der Kirche der Minoriten und an der Synagoge vorbei, die bald in Flammen aufgehen würde, und schlieb lich den Berg hinauf durch den Park, in dem Lucie in Blüte gelegen hatte.
Es ist beinahe noch alles so, wie es vor fünfzig Jahren war. Ich gehen den Weg gleich am ersten Abend unserer Ankunft in Glatz mit Tante Irmgard. Das Herrenhaus des Götzhofes, unser Garten und der Graben sind unerklärlicherweise verschwunden. Wir standen auf dem, scheints erst kürzlich planierten Schutthaufen, unter dem die Erinnerungen an Lucie mit ihrem Kind, an die Ratten, den schrecklichen Polizisten und Dieters Taufe begraben liegen.
Aber, o Wunder, die Bäckerei und der Schornstein, der mich so geängstigt hatte, stehen noch genauso schwarz und drohend auf der gegenüberliegenden Strab enseite. Die alten, roten Backsteinkasernen am Berg gegenüber sind jetzt Mietshäuser. Hier war Irmgards Freund Linke stationiert, der uns drei eines Tages dabei ertappt hatte, dab wir die vorbeikommenden Soldaten von der relativen Sicherheit unseres Gartens aus zum Spab anspukten.
Die Herrenstrab e, ist viel kürzer als erinnert und hat ein paar Lücken in der grauen Zahnreie ihrer alten Bauten bekommen, durch die man eine Strab e mit verkommenen, wilhelminischen Villenhäuser sehen kann. In einem von ihnen wohnten Herr und Frau Direktor Hirsch in einer plüschen Wohnung. - Sollten sie etwa Juden gewesen sein? Der Name, das Haus, die plüsche Wohnung? - Eine langverschüttete Erinnerung an eine Weihnachtsparty für ihre verhätschelte Tochter treibt an die Oberfläche bei diesem Gedanken, um sich an meiner Mutter zu rächen. Bei den Hirschs hatten wir einen, über und über mit Lametta und künstlichem Schnee beladenen, Weihnachtsbaum vorgefunden, den Mutter Vater, als wir heimkamen, mit gerümpfter Nase beschrieb: "Mann , ich sag's Dir, der letzte Kitsch." - Ich, damals noch von der schönen Tochter fasziniert, war mir nicht so sicher, aber Mutters Urteil hatte die Kraft des Gesetzes, also verachtete ich seitdem Frau Direktor Hirsch ihres kitschigen Weihnachtsbaumes wegen. Wie heimtückisch Worte töten können.
Die Strab en um den Bahnhof sind stark verändert. Auf der Treppe zu den Bahnsteigen sehe ich noch Tante Magda mit Brigitte herunterkommen, um uns zu besuchen, und Tante Eva-Wippehaar, Onkel Gerhards glücklose, kinderlose Frau bei einer anderen Gelegenheit. Dieser winzige Bahnhof war mein Tor zur Welt, von hier fuhr ich auch das erstemal allein nach Breslau. Mutter hatte mir eigebläut, dab ich von niemandem etwas annehmen dürfte, und zu allem Überflub stand sie auch noch am Bahnsteig und heulte. Es verging keine Stunde und ich war bereits gezwungen, ihr Gebot zu brechen, als mir eine Mutter von drei Kindern im Abteil Schokolade anbot, die ich doch absolut nicht zurückweisen konnte.
Eine ganze Reihe von Häusern ist spurlos verschwunden, sind sie abgebrannt, Kriegsschäden gab es doch in Glatz fast keine? - Eine polnisch-amerikanische Freundin gibt eine bessere Erklärung, diese Häuser waren in Staatsbesitz und wurden, nachdem sie von den Mietern in Grund und Boden gewirtschaftet worden waren, einfach abgerissen. - Der Bahnhofsvorplatz erinnert an ostrussische Provinzstädchen. Wie dort, ist er abends mit bis zur Bewub tlosigkeit betrunkenen Männern, übersät. Die alte eiserne Neib ebrücke ist wegen Baufälligkeit für Autos gesperrt. Man hat mehrere Häuser abgerissen, um die Strab e über eine phantasielos neue Parallelbrücke zu leiten. Aber wir wohnen noch im alten, innen stark nach Sowjetisierung riechenden Hotel "Astoria" daneben und schauen hoch hinaus auf die Neib e, die alte Eisfabrik, und die Oberstadt mit dem charakteristischen Rathausturm und dem "Donjon," der k.u.k-friederizianischen Festung. Wie ehedem rattert der "internationale" D-Zug Stettin-Brünn-Wien jeden frühen Morgen mit altersschwachem Gerumpel und Tuten hinterm dem Hotel vorbei.
Ich ziehe Irmgard in die Minoritenkirche hinein, die äub erlich in gutem Zustand ist - aber die Mystik des Inneren ist vergangen. Es sieht grau und schmutzig dort aus, und die einst schönen Altäre sind verschwunden - ob das an meinen von Bayern verwöhnten Augen liegt?
Wie schwierig es ist Uneingeweihten seine Erinnerungen zu zeigen! Ich fühle mich schuldig, dab Irmgard all diese Dinge nicht sehen kann. Zur Enschädigung erzähle ich ihr von dem Weihrauch und den Minoritennonnen mit ihren Flügelhauben, die dort hausten, und entlocke ihr eine Reihe von ähnlichen Erinnerungen aus dem Breslau ihrer Jugendzeit.
Gegenüber finde ich den Marxschen Photoladen am unteren Brücktorberg, er hat sich in eine Droguerie verwandelt. Vater zog ihn dem Poppschen, trotz der Freundschaft, die ihn mit Friedemann Popp verband, vor, weil der Marx "typische" und nicht bloß schöne Bilder von der Glatzer Landschaft machte, bis Frau Marx mich eines Tages "Du elender Plotsch!" schimpfte, weil ich ihr auf den Fub getreten war, und Mutter sich vortan weigerte ihre Bilder dorthin zu tragen.
Bestürzt und verwirrt finde ich, dab , obwohl offensichtlich noch alles erhalten ist, ich mich in der Unterstadt nicht mehr zurechtfinden kann. Sollte mir mein stolzes, "unfehlbares" Ortsgedächtnis doch manchmal Schnippchen spielen?
In dem Loch zwischen den einst reichen Villen, wo die Synagoge gestanden hat, kündet keine Tafel von dem Unheil von 1938. Doch dann kommt Lucies Park, und Irmgard amüsiert sich kopfschüttelnd an meiner blumigen Geschichte. Sie wird sich auf unserer Fahrt noch an andere Geschichten gewöhnen müssen, die nicht ganz in ihre Vorstellung von meiner behüteten Jugend passen.
Die ehemalige evangelische Volksschule und ihre Umgebung ist immer noch deutlich am "Führerstil" erkenntlich. Sie wird von einer politischen Organisation bewohnt, nicht ganz zu Unrecht, denn dazu war sie eben schon ursprünglich vorgesehen gewesen.
Auf dem Rückweg kommen wir bei der Brauerei mit der drehbaren Wetterfahne auf dem Schornstein, bei Hunolds Garage - wie viele slawische Namen es doch gab - wo Vater immer den DKW warten lieb und die Kinder im Hinterhof Theater spielten, und unserem Kindergarten vorbei. Da ging ich für eine Zeit besonders gern hin, weil ich dort mit meiner allerersten Kinderliebe unbemerkt Händchen halten konnte. Sie hieb - oh Wunder des selektiven Gedächtnisses - Helga Naumann!
Mein erster Klassenlehrer war ein netter Mensch, der sich viel Mühe gab, mir beizubringen das alte Sütterlinalphabet rechtsherum zu schreiben. Ich glaube, ich bin wie Susanne als Linkshänder geboren, wurde aber zum Schreiben mit der rechten Hand gezwungen: "Du bist aber linkisch, wie sieht denn das aus!" sagte er, und ich mub te eine ganze Tafel mit "d's" vollmalen, die bei mir immer wie "b's" aussahen. Ich wurde also ambidexteral, kein schlechter Gewinn, nur dab diese Fähigkeit mich schlieb lich dazu verleitete zu glauben, dab ich ein geborener Physiker sei, während ich doch eigentlich hätte ein Architekt werden sollen.
Sonst erinnere ich mich nur noch daran, dab ich schrecklichen Hänseleien im Klo ausgesetzt war, und dab ich eine Stunde nachsitzen mub te, weil ich mit der Tochter von Frau Direktor Hirsch während des Unterrichts "gequatscht" hatte. Natürlich erreichte diese Geschicht meine Mutter via ihre Mutter, die sich beschwerte, dab ich ihre Tochter immer auslachte. Ich habe es damals meiner Mutter hoch angerechnet, dab sie mich in Schutz nahm und Frau Dr. Hirsch erklärte, dab ich ihre Tochter sicher nur anlachte. Den Namen der dummen Gans habe ich vergessen.
Die Geschichte mit dem Klo war auf die Unterhosen zurückzuführen, die mir meine Mutter angezogen hatte. Damit ich mich nicht bis auf meine Blöb e vor dem Sportunterricht öffentlich ausziehen mub te, hatte mir Mutter ein paar Turnhosen anstatt der normalen, weib en, männlichen Unterhosen genäht. Patenterweise hatten die keinen Schlitz vorn und lieb sich nicht aufknöpfen. - Reib verschlüsse scheinen damals noch nicht erfunden gewesen zusein. Das verursachte ein Problem, das ich gelernt hatte dadurch zu umgehen, dab ich kurzerhand mein Pipi durch mein Hosenbein herauszog, wenn ich mub te - und diese elegante Übung erregte in der öffentlichen Toilette der Schule den Spott und das peinliche Gelächter meiner Mitschüler.
Alles kam in diesem Schicksalsjahr auf uns herab, ein neuer Bruder, die Tschechenkriese und der Sommer der Grob en Flut. Mutter war im Juni schon mit den kleinen Kindern in ein Gebirgsdorf zur Erholung gefahren, und ich war mit Vater allein zuhause, als es anfing in Strömen zu regnen. Nach drei Tagen gob es immer noch, und die Neib e drohte über ihre Mauern zu treten. Mein sonst inzwischen schon langweiliger Weg in die Schule am Morgen war auf einmal hinreib end aufregend geworden , und ich freute mich schon darauf, auf dem Rückweg ein wenig bummeln zu können. Aber dann erschien gegen Mittag eine Delgation von aufgeregten Müttern in der Schule, um völlig unnötig ihre Kinder zu retten. Meine gute Mutter war, Gott sei Dank, diesmal nicht unter ihnen, ihren Platz hatte die hysterische Frau Dr. Hirsch eingenommen.
Die ganze Unterstadt war überschwemmt, und unser kleiner Haufen mußte einen zweistündigen Umweg durch die Oberstadt und über die Brücke beim Fanziskanerkloster nehmen, weil der gewöhnliche Schulweg von Feuerwehrmännern und Soldaten abgesperrt war. Auch bei dieser Brücke brauste das braune Wasser, in dem sich ganzen Bäume, Möbel und tote Kühen drehten, nur noch wenige Meter unter uns.
In dieser Nacht wuchs der Kanal am Götzhof zu einem reißenden Strom und setzte durch ein Abflub rohr in der Waschküche die ganze untere Wohnung einen Meter tief unter Wasser. Vater, barfub und mit hochgekrempelten Hosenbeinen, trug mich auf dem Rücken durch das schwarze Wasser nach oben. Diesmal wirklich in Angst, hörte ich bange dem Getrommel des Regens und den Rufen der Feuerwehrmänner zu, die gekommen waren, um uns "auszupumpen". Später lieb Vater einen "Schieber" in das Rohr einsetzen, der bei jedem grob en Regen unter viel Aufregung zugedreht werden mub te.
Seit diesem Erlebnis habe ich den gelegentlich wiederkehrenden Angsttraum, dab ich über eine Brücke gehen mub , durch deren halbzerbrochenes Pflaster ich das reib ende Wasser tief unten sehen kann. Das letzte Mal verfolgte mich dieser Traum 1980 in Tbilisi, nachdem unser Freund Merab mit Barbara, Cornelius und mir in seinem Zhiguli bei Gori auf einer Hängebrücke, deren Holzbretter beinahe zur Hälfte fehlten, über die wildschäumende Kura fuhr.
Das idyllische erste Schuljahr kam schon bald nach den Sommerferien, im Herbst 38 zu einem abrupten Ende. Die Schule wurde geschlossen und wurde zum Hauptquartier der Parteileitung umfungiert. Böse Zungen behaupteten, insgeheim wäre dies schon von Anfang an die eigentliche Bestimmung der Schulgebäude gewesen.
Ich aber wurde nach Breslau geschickt und wurde für eine kurze, aber glückliche Zeit der verzückte Schüler Tante Irmgards und sah die Schule in Glatz danach nicht wieder.
9.
Im Herbst 1938 wurde Vater an die Landwirtschaftsschule in Habelschwerdt versetzt, eine Kleinstadt, fünfzehn Kilometer weiter südlich. Ich wei
b nicht, was das für ihn bedeutete, glücklich war er nicht dort, aber für mich enthielt es einen neuen Schulanfang und eine ganz neue Welt.
Für eine Weile blieben wir in Glatz wohnen. Bis eine Wohnung für uns gefunden worden war, fuhr ich mit Vater jeden Morgen nach Habelschwerdt, damit ich dort keine Schule verpab te. Die Nachmittage über, bis Vater mich wieder nachhause mitnehmen konnte, beherbergte mich die gute Frau Keller, die Frau von Vaters neuem Direktor. Dort gab es eine Tochter meines Alters, in die ich mich prompt verliebte, und ein gutes Mittagessen - es sollte nicht das letzte Mal sein, dab mich die Mutter einer Freundin bekochte. Ulrike Keller wurde mein Trost in dieser Zeit der Unruhe. Sie ging mit mir zur Schule und mub mir länger treu geblieben sein als ihre Mutter, jedenfalls bekam ich noch Jahre später einen roten Kopf, als mich Mutter einmal mit ihr aufzog.
Die Habelschwerdter Volksschule, in die man mich schickte, war ein chaotischer Affenzoo. Wegen ihrer völligen Überfüllung mub ten acht oder zehn Schüler nebeneinander dieselbe lange, hölzerne Schulbank drücken. Zwei Klassen wurden in einem Zimmer unterrichtet, und der überforderte Lehrer konnte das bib chen Disziplin nur mit unbarmherzigen und häufigen Schlägen mit dem Rohrstock aufrechterhalten. Die Sünder mub ten vor ihm mit augestreckten Händen knien, auf die er dann voller Verzweiflung rücksichtslos eindrosch, je nach dem Grad seines Ärgers auf die Handflächen oder auf die Fingerspitzen.
Meine Mutter war entsetzt und inszenierte noch von Glatz aus mit Frau Keller zusammen sofort an "höchster Stelle" eine Kampagne für eine segregierte, evangelische Volksschule.
Beinahe schlimmer aber war, dab ich linkischer Schüler immer noch nicht Schreiben und Lesen konnte. Auch hier wub te Mutter sofort Abhilfe und steckte ihren widerspenstigen Sohn umgehend bei Fräulein Krzyscz in den Nachhilfeunterricht. Diese gute Seele, die zwei Jahre später die Klassenlehrerin der Zwillinge sein würde, war trotz ihres schrecklich unaussprechbaren Namens, der übersetzt einfach Kreuz bedeutete, rund und gemütlich und flöb te mir bald das nötige Selbstvertrauen ein. Sie brachte mir Lesen und Schreiben im Handumdrehen bei. Freilich ruminierten meine legasthenischen Probleme unterirdisch weiter, und ich wurde nie perfekt in der Rechtschreibung. Das Schlimme aber war, dab dies nur der erste Nachhilfeunterricht sein sollte, den mich meine ehrgeizige Mutter erleiden machte. Nachhilfeunterricht würde für mich immer den Beigeschmack der Hilfsschule behalten, in die die hartgesottenen Fälle von Dummheit oder Disziplin vom Staat verbannt wurden. Ich fühlte mich entehrt.
Ein neues Haus fand sich im Oktober 1938 in Habelschwerdt, und der grob e Umzug begann. Mutter war ein Experte im Umziehen; schon Wochen vorher schob sie kleine Papierschnipsel, die unsere Möbel darstellten, auf einem Grundrib des neuen Hauses herum. Es war kein einfaches Kunststück diesmal, das neue Haus war viel kleiner als die Wohnung im Götzhof.
Die eigentliche Umzugskarawane, zwei Möbelwagen gefolgt von uns allen in Vaters Auto, kroch vorsichtig an einem trüben Novembertag auf der wohlbekannten Strab e nach Süden.
Ich sehe uns noch auf diesem Treck. Ungeduldig fahre ich mit Irmgard denselben Weg. Ich folge meiner Intuition, den erinnerten Wahrzeichen in der Landschaft vertrauend. Ob sie noch alle da sind, ob ich das Haus werde finden können?
Nachdem wir Glatz hinter uns gelassen haben, geht die baumgesäumte Strab e - in Deutschland haben sie fast überall die Strab enbäume abgeschnitten - durch offene Felder. Rechts muß gleich die Leim- und Seifenfabrik auftauchen, wo es immer so mörderisch nach den Pferdeleichen stank, die dort abgedeckt wurden. Es stinkt nicht mehr, aber ein Gebäude mit einem Schornstein taucht etwas zu weit rechts auf. Ich schreibe dies meiner leicht "invertierten" Perspektive zu, und zeige Irmgard die Fabrik, mit der Frage, ob sie was röche. Sie riecht auch nichts. Nun ja, es ist enttäuschend, aber nicht so wichtig.
Ein paar Kilometer weiter sind wir dann plötzlich und gänzlich unerwartet fündig: am Nordhang des Mellingpasses brennen noch immer die Kalköfen, die mich in meiner Kindheit faszinierten, weil dort Steine in Dampf und ein gefährlich ätzendes Pulver "verbrannt" wurden. Ich kann es nicht glauben, im Jahre 1994 wird Kalk gebrannt wie in China! Und gleich zwei, aus dem einen quillt Rauch und Wasserdampf in grob en Mengen. Ich parke den Wagen am Strab enrand und wandere ein paar hundert Meter die Strab e zurück, um den richtigen Winkel für eine Aufnahme zu finden. Christine, die letzte Zeuging der alten Heimat, mit der ich immerzu Zwiesprache halte, wird es mir sonst nicht glauben.
Irmgard bleibt beim Wagen, und in den wenigen Minuten hat sich hinter unserem Auto, erst ein deutscher Bus voller weib haariger Grob mütter, dann ein Mercedes aus dem Rheinland eingefunden. Die beiden Herren aus dem Mercedes reden mit Irmgard, ich, noch immer gebannt von dem Licht, den Farben der so vertrauten Landschaft und den dampfenden Öfen, halte mich zurück.
Sie winken und fahren schlieb lich bis zu mir: Erfreut sprechen sie mich an: "Auch ein alter Grafschafter? Wir kommen aus Kudowa und sind nun schon zum vierten Mal hier. Ist diese Landschaft nicht wunderbar? Und diese polnischen Menschen passen überhaupt nicht hierher!"
Ich widerspreche ihnen und zeige auf die Omchen aus dem Bus, die jetzt am Rand der Strab e anfangen Pflanzen auszugraben, um sie mit nach Hause zu nehmen. Bilder aus "Henriette Bimmelbahn", einem Kinderbuch meiner Kinder, kommen mir in den Sinn. "In wiefern sind die anders als die polnischen Omchen, die so allenthalben herumlaufen? Dieselben breiten Gesichter, dieselben rundlichen, etwas zu kurzen Figuren!" frage ich angriffslustig. "Etwa weil die polnischen Omchen keine weib gebleichten Dauerwellen haben, oder weil sie schlechter angezogen sind?"
Die Unterhaltung wird hitzig - und ich bemerke, mit größer werdendem Erstaunen, dab ich die Polen verteidige, die jetzt hier wohnen. Wie komme ich blob dazu?
"Na ja," sagt der eine, "Sie haben vielleicht in Amerika das Verständnis für diese Dinge verloren!"
Als sie abgefahren sind, sagt Irmgard, "Weib t du, was die hier machen? Sie haben's mir erzählt, bevor du kamst. Sie sammeln genealogisches Material. Sie sind Mormonen!"
Ob es noch Leberblümchen gibt auf dem kalkigen Boden des Mellingberges? Ich entscheide mich fürs Weiterfahren, denn in der Vertiefung ein Stückchen weiter sehe ich jetzt den Schornstein der Zündholzfabrik und den Turm der katholischen Kirche: Da ist ganz plötzlich Habelschwerdt, nach fünfzig Jahren!
Und die Berge stehen alle noch, der lange Rücken des Feldbergs, die Jestelkoppe, hinter der Spätenwalde versteckt liegt, und der Schneeberg auf der anderen Seite, nur sind sie viel niedriger als in meiner Erinnerung.
Wir fahren durch ein Dorf, dessen polnischer Name, nichts von der Poetik seines deutschen Vorgängers verrät: "Krotenpfuhl", eine neue Strab engablung mit einer Tankstelle, das Wehr, wo ich mit Hermann Boote baute, die Brücke über die Neiße, die scharfe Kurve unter der Bahn hindurch, hinter der einmal ein Anhalter stand, den mein Vater, trotz meiner Bitten, nicht mitnehmen wollte, den Berg hinauf, an dem die Russen ihre Kriegsbeute versteckt hatten, und wir stehen auf der Hauptstrab e vor dem Krankenhaus der Nönnchen.
Ich halte, um einmal langsam auszuatmen, und erzähle Irmgard von der Schwester Pförtnerin, die darauf bestand, dab der Name meiner Mutter Katharina sein müb te und nicht Käthe, eine Heilige dieses Namens gäbe es nicht, und ich auf Käthe bestand und der Nonne klarmachte, dab wir eben nicht katholisch wären. Aber Irmgard kann die Geister nicht sehen, die hier leben. Sie sieht nur das schon immer häßlich gewesene neugotische Gebäude und die noch häßlicheren neuen Anbauten.
Ich fahre jetzt, langsamer, die Strab e links neben dem Krankenhaus hinauf, auf der Mutter und ich in grob er Aufregung den kleinen Dieter zum Arzt trugen, weil er seit vier Tagen keinen Stuhlgang gehabt hatte und sein Bauch zu einer großen, runden Kugel angeschwollen war, und dann hatte Mutter ihm in ihrer Not zu allem Überflub noch einen Einlauf gemacht, den er auch zurückhielt.
Das Haus, auf das die einzige Bombe in Habelschwerdt gefallen war, ist verschwunden, und so ist das Landratsamt, auf das sie hatte fallen sollen. Gleich muß das Tor zur Streichholzfabrik kommen, aber, o Gott, sie haben mir meine ganze Topographie zerstört, die Streichholzfabrik, winzig im Vergleich zu meiner Erinnerung, ist schon vorbei, als ich merke, dab ich die Orientierung gänzlich verloren habe. Ich weib nur, dab ich irgenwo links fahren mub .
Wir sind nun schon beinahe wieder aus der Stadt heraus, ein unbekannter, häb licher Komplex sowjetischer Mietshäuser taucht auf. Ich fahre also links eine Strab e mit kleinen, etwas verkommenen Zweifamilienhäusern hinunter und finde mich oberhalb des Weißtritztales wieder.
Ich sehe nun, dab ich zu weit gefahren bin, und unser Haus nicht gefunden habe, und dann wird mir mit einem Male klar, dab ich gerade die ehemalige Gartenstrab e hinuntergefahren sein mub . Es ist alles so irre viel kleiner heute.
Ich drehe um und fahre die Strab e wieder zurück. Menschen winken im Versuch mir klarzumachen, dab ich eine Einbahnstrab e in der verkehrten Richtung befahre, aber ich kümmere mich nicht darum: Da ist unser Haus, ul. Lenskiego Nummer 31 nicht 1. Aha, die berühmte "invertierte", polnische Arithmetik! Es ist alles still, und niemand ist zu sehen. Ich schleiche am Zaun entlang und mache ein paar Aufnahmen. Ich scheue mich zu klingeln, da wir gefunden haben, dab fast niemand hier Deutsch versteht.
Irmgard läb t mich geduldig gewähren, aber ich spüre ihre Blindheit. Sie schlägt vor, dab wir nach Spätenwalde fahren sollten, wo wir Vater 1945 zeitweilig versteckt hielten, um dort einen Platz für unser Picknick zu finden.
Das Einräumen der Möbel dauerte zwei Tage. Spät in der Nacht entschied ein Tischler, den mein Vater zu Hilfe geholt hatte, dab wir die alten Erbschränke Tante Hannas horizontal zersägen müb ten, um sie die steile Treppe in den Keller und das Obergeschob tragen zu können. Später schraubte er sie dann an Ort und Stelle mit Spezialkrampen wieder zusammen, die schönen Möbel. Wir drei bekamen Stockwerkbetten im kleineren Zimmer des Oberstocks, weil es ein grob es Mansardenfenster nach Osten hatte. Meiner Eltern Schlafzimmer schaute nur durch drei schmale Fensterschlitze nach Norden. Dieter schlief vorerst bei ihnen. Dann gab es noch ein enges Klo und ein Badezimmer mit einer riesigen, emaillierten, gub eisernen Badewanne und einem zylindrischen, mit Kohlen beheizten Heib wasserofen für die wöchentlichen Badefeste.
Im Parterre war die Küche, das Wohn- und Eb zimmer und das "Herrenzimmer" meines Vaters. Neben dem Hauseingang nach Norden lag eine verglaste Veranda, in der ich im Sommer manchmal schlafen durfte. Auf ihr Dach kletterten wir Kinder manchmal zum Jux aus meiner Eltern Schlafzimmerfenster, wenn Mutter nicht hinschaute.
Das Aufregende am Keller war, ein Zeichen der Zeit, ein grob er "Luftschutzraum", komplett mit stahlverstärkter Decke, einer "gasdichten" Tür und einer Kiste für Sand vor der Fensterluke. Daneben lag der Kohlenkeller und eine Waschküche mit einem riesigen Waschkessel über einem Feuerloch.
Jedes Zimmer hatte seinen eigenen Kachelofen, den Mutter oder das Dienstmädchen im Winter täglich frühmorgens, bevor wir aufstanden, ausräumen und neu beheizen mußte. Ich habe die Kachelofenmode meiner westdeutschen Freunde nie teilen können, meine Erinnerung an Habelschwerdt wärmet mich zu genüge.
Unser Haus war die nördliche Hälfte eines Duplex. In der anderen wohnte Frau "Medizinalrat Dr. Futter"- die Titel waren die ihres verstorbenen Ehemannes - die geschwätzige Mutter unseres Kinderarztes in Glatz mit ihrer fetten, konfusen Tochter, die für immer Architektur studierte und keinen Mann finden konnte.
Gegenüber wohnte Herr und Frau Laube - ohne einen Titel, aber er war wenigstens Beamter des Landratsamtes - und Herr Bankbeamter Otto mit Frau und drei Kindern. Es tut mir Leid berichten zu müssen, dab die übrigen 27 Familien auf der Gartenstrab e "ungebildet" waren, so dab meine Mutter mit ihnen nur in Not verkehrte. Zusammen waren wir allerdings alle gleich verarmt.
Alles war noch so neu, dab das ganze Haus nach nassen Mauern roch und im Garten noch der grob e Berg Erde lag, den man aus der Baustelle ausgehoben hatte.
Die Strab e war noch vor einem Jahr ein Feld gewesen, und die Bauarbeiten und die Regen dieses Sommers hatten alles in einen Morast von Schlamm verwandelt. Mutter, die in Stadtwohnungen aufgewachsen war, war unglücklich. Vater auf der anderen Seite entdeckte seine ländliche Vergangenheit, Grob vater Grob war der Pastor einer ausgedehnten Dorfpfarre in Sakro bei Forst gewesen, und begann sofort den Garten seiner Träume zu pflanzen, einen Garten voller "typischer", einheimischer Bäume und Blumen.
Unser Spielplatz wurde der einzige trockene Grund, der Berg Aushub. Hier gruben wir ein System von Tunneln, Gräben und Bunkern, wie wir es auf der anderen Seite der Grenze in der Tschechoslowakei gesehen hatten, für unsere Plastillinarmee. Sie bestand aus fünf Zentimeter grob en Soldaten, die aus einer Masse gemacht waren, die sich auflöste, wenn sie über Nacht im Regen vergessen worden waren. Es gab deshalb viele furchterregend realistische Bein- und Kopfverwundungen unter ihnen.
Aber ohne Rücksicht auf Verluste kämpfte die kopflose Armee weiter, bis der tiefe Winter ihrem Vormarsch ein Ende machte.
10.
Sobald wir die Umzugswehen etwas überstanden hatten machte Mutter sich im Ernst daran, meine unmöglich gewordene Erziehung wieder in die Hand zu nehmen. Resolut, aber vor Erregung gerötet, erschien sie beim Rektor der Volksschule und bestand auf meinem Recht zu einer protestantischen Erziehung.
Die evangelische Gemeinde in Habelschwerdt war winzig, vielleicht hundert Familien, alle aus der "gebildeten" Mittelklasse, unter der Obhut von Pastor Schicha, der bald, ich bin sicher, er war von meiner zielbewu
b ten Mutter beeindruckt, zu einem engen Freund meiner Eltern wurde. Pastor Schicha war, wie meine Eltern ein moderater Mann, weder ein religiöser Schwärmer noch ein Mitglied der militanten Bekennenden Kirche, die immer mehr zu einer politischen anti-Partei und anti-Hitler Organisation wurde.
Vater sah - wohl wegen seiner Unfähigkeit leicht Kontakt mit Menschen zu finden - die Kirche als einen Ort an, an dem er, in einem schwer definierbar mystischen, aber für ihn wörtlichen Sinne, mit "anderen Gläubigen kommunizieren" konnte: Er ging in die Kirche - wo er dann zur Beschämung seiner Kinder oft während der Predigt leicht schnarchend einschlief - um "den emotionellen und moralischen Beistand einer langen Kette von Vorfahren zu suchen", die derselben Ekklesia angehört hatten. - Dies waren seine eigenen, nicht meine Worte. - In seiner lebenslangen, spirituellen Suche nach einer "heilen", religiös noch unzerbrochen Welt, lebte er geistig im ausgehenden Spätmittelalter des "Römischen Reiches Deutscher Nation." Als ich ihn später mehrmals angriff mit der Bemerkung, dab dies ein geschichtlich und intellektuell schwer zu haltendes Wunsch- oder gar Traumbild wäre, stört ihn diese Vorhaltung nicht mehr.
Im Gegensatz zu diesen versponnenen, nie recht getesteten Lebenstheorien meines Vaters, war meine Mutter eine praktische Frau, die ihrem intellektuell weit überlegenen Mann das Feld der philosophisch-ideologischen Spekulation ohne Diskussion einräumte. Für sie war die Kirche eine Institution zur Erziehung ihrer Kinder.
In ihren späteren Jahren bezeichnete sie Vaters religiös angehauchte Ideologie, allerdings hinter seinem Rücken, oft treffend als "verrückte Hirngespinste". Sie hatte aber eben, trotz ihres sicheren weiblichen Instinkts, nicht die intellektuellen Fähigkeiten solche Denkgebäude als "die traurigen Verirrungen der Männer," zu bezeichnen, "die sie ersinnen, um ihre biologisch bedingte Furcht vor dem Tode zu überwinden," wie dies eine Amerikanische Freundin von uns einmal tat. "Wie können solche Männer, die nicht loszulassen verstehen, je eine Frau lieben?" Fragte sie zum Schlub . - Was sicher das letzt-tiefste Problem der Ehe meiner Eltern war.
Das Resultat der Fehde meiner Mutter mit den katholischen Schulbehörden war, dab zwei Klassen im Gebäude der katholischen Schule für die Kinder der evangelischen Minorität eingerichtet wurden. Und dorthin ging ich fortan zusammen mit Ulrike. Die Klassen waren wesentlich kleiner, und wir hatten Schulbänke, auf denen nur je zwei Kinder sab en. Für einige Zeit teilte ich meine mit Ulrike, bis dieses idyllische Arrangement, von Lehrern und Eltern gleichermab en als unhaltbar angesehen, aufgehoben wurde. Die Qualität des Unterrichts in der neuen Schule war allerdings nur sehr bedingt besser. Wir bekamen einen Klassenlehrer, der mit Abstand der gröb te Freak unter den Lehrern meiner Schulzeit war. Er hieb Herr Glusa.
Der Ärmste versuchte eine fehlerlose Nachfolge Unseres Führers zu demonstrieren, von seiner Zugehörigkeit zur protestantischen Konfession, die ihm schlieb lich diese Posten eingebracht hatte, hörten wir nichts. Wir erfuhren von ihr erst nach dem Ende des Krieges, als es ihm sehr schlecht ging. Um so öfter war die Rede davon, dab er, wie sein Idol Adolf, ein schwerverletzter Gefreiter des ersten Weltkriegs war, und er konnte zum Beweis mehrere Verwundungen vorzeigen. Gerüchte, die unter uns Schülern kursierten, behaupteten, daß eine Silberplatte den Teil seines Gehirns bedeckte, der von einem französischen Schrapnell hinweggerissen worden war, und dab er einen kleinen Deckel in dieser Platte öffnen konnte, um im Lehrerzimmer Dampf abzulassen.
Vielleicht war dies nur eine grausame Erfindung, aber er besab , leichter erkennbar, nur ein linkes Auge, das rechte ersetzte ein Glasauge. Und er hatte die gruselige Angewohnheit bei Elternabenden, wenn die vereinten Mütter, die das Schicksal der kleinen Schule verwalteten, ihn zu weit in die Ecke getrieben hatten, mit einer hohen fistularen Stimme zu schreien: "Aber bitte, meine Damen, was wollen Sie von mir? Ich bin ein Schwerkriegsgeschädigter!" Und dann lieb er sein Glasauge mit einer gekonnten Bewegung seines Daumens herausspringen und hielt es den Damen zum Beweis entgegen. Worauf, nach meiner Mutter Beschreibung, Frau Keller mit einem hohen Seufzer ohnmächtig umgekippt sein soll.
Herrn Glusas Lieblingsstunde war Turnen, das Fach, das mein mütterlicher Ur-Urgrob vater, Turnvater Jahn im revolutionären Jahre 1812 in Preub en eingeführt hatte, und das heute in den Schulen, in völliger Unwissenheit, als "Sport" bezeichnet wird. Herr Glusa nannte es sehr viel genauer "Wehrertüchtigungsübungen", und meine Klassenkameraden - "Ehegymnastik". - Und während Herr Glusa uns mit seinem sadistischen Glasauge selbstgefällig beobachtete, erregten die schrillen Töne seiner Trillerpfeife den uniformen Rythmus von zwanzig präpubeszenten Schülern in Liegestütze. - Danach durften wir für den Rest der Stunde Völkerball spielen.
Vielleicht war das andere Gerücht bei so einer Übung einem der überhitzen jungen Gehirne entsprungen, vielleicht - wie ein Gerücht zum Gerücht behauptete - war die Sage auch unter den Müttern erfunden worden, jedenfalls wurde eines Tages behauptet, dab Herr Glusa neben seinem "Dachschaden" auch noch an einem anderen Teil seiner Physis Schaden genommen hätte, über den man nicht in feiner Gesellschaft sprechen konnte.
Und währen so die opera buffa meines zweiten Schuljahrs unaufhaltsam in das schicksalshafte Jahr 1939 hineinschlidderte, brachte Herr Glusa jeden Morgen einem anderen Schüler bei, vor der versammelten Klasse den Arm zum Deutschen Grub zu heben, laut und deutlich "Heil Hitler!" auszurufen und ohne zu stottern ein "Gedicht Unserer Neuen Zeit" vorzutragen. Er gab uns sogar Noten für diese Vorstellungen: Armhaltung gut, "Heil Hitler" befriedigend, Gedicht ungenügend. Es gab keinen Weg an diesem Un-sinn vorbei, und selbst meine Eltern fanden es klüger, mein Schicksal nicht mit einer Intervention zu belasten, zumal die fraglichen Gedichte genau besehen, einer alten, heiligen Nationaltradition entstammten, die in ihrem Gehalt für Generationen unbefragt, jetzt ihre fragwürdigen Früchte abwarf. Es war ein circulus vituosus, vor dessen Gift uns verrückterweise nur unsere Unschuld und unser grotesker Humor bewahrte.
11.
Alle Erinnerungen an 1939, das schicksalshafte Jahr des Kriegsanfanges, die ich jetzt an einem sonnigen Kalifornientag 46 Jahre später ans Licht ziehe, strahlen eine idyllische Ruhe aus. Wo sind die schwarzen Wolken, die damals über unseren Köpfen gehangen haben müssen?
Aber um unser Haus herum wartete eine ganze neue Welt entdeckt zu werden, voller Überraschungen und ungenannter Abenteuer. Der Krieg war weit weg.
Ich hatte in Breslau bei Tante Irmgard Radfahren gelernt, und jetzt gab es nichts mehr, was mich davon abhalten konnte, diese Welt zu erobern. Ich benutzte das Fahrrad der Dienstmädchen, das viel zu gro
b war für mich. Ich konnte den Sattel nicht erreichen und mub te auf den Pedalen stehend fahren. "Du siehst aus wie in einem Flohzirkus!" lachte Vater, der auf seinem neuen Adlertourenrad hinter mir herfuhr, um meine Verkehrszeichen zu testen. Aber Onkel Hans hatte mir die schon beigebracht, und Vater bescheinigte mir meine Verkehrstauglichkeit. Danach durfte ich so ungefähr überall hinfahren, wohin es mir Spab machte. Es gab keinen nenneswerten Autoverkehr in jenen Tagen.
Und der Horizont wurde zu einer Herausforderung.
Unmittelbar hinter unserem Garten fingen die Felder an, die in der Entfernung in die blau-grün bewaldeten Berge übergingen. Durch den Vordergrund dieser Landschaft wand sich, von alten Buchen markiert, die Altheider Landstrab e, kletterte um den Hügel des Wasserwerks herum und verschwand in einer grob en Kurve über den Horizont ins Unbekannte. Alles, was ich von der Welt dahinter wub te, war, dab die Strab e in das Dorf führte, aus dem Hilde, unser neues Dienstmädchen kam.
Der Horizont hat sich verschoben seit damals. Auf dem Feld hinter unserem Haus stehen, bis zur ehemaligen Umgehungsstrab e hin, dutzende scheub lich grauer, dreistöckiger sowjetischer Fertigbau-Mietskasernen, das Wasserwerk ist beinahe unkenntlich, es hat seinen Baumbestand verloren, und Hildes Eltern wohnen schon lange nicht mehr hinter dem Berg. Warum sollte dann die Altheider Landstrab e, sobald man alle diese Neuerungen hinter sich gelassen hat, noch immer mit derselben Versuchung in einem grob en Bogen über den Horizont verschwinden? Worin liegt die Magie dieser Landschaft?
Während ich meinen laufenden Kommentar für Christine, Irmgard laut vorbete: das Sägewerk gegenüber von unserem Haus und das Haus des Mannes mit der beunruhigenden Beinprothese sind noch da, aber die Kolonie von Schrebergärten hinterm Wasserwerk gab's zu unserer Jugendzeit nicht - denke ich auch noch an Marianne Daeg, eine Freundin, die meine Kreise erst 1951 in Göttingen kreuzen wird.
Nach zwanzig Jahren besucht uns Marianne zum erstenmal wieder, in München, wo wir im Winter 1994 die Möglichkeiten eines erneuten Lebens in Deutschland ausprobieren. Marianne kommt, lang ist's her, aus Masuren. Sie hat sich neuerdings in Polen verliebt. Aber sie kennt die alten deutschen Namen der Orte nicht, die sie immer wieder besucht, weib nichts von meiner Vergangenheit in Habelschwerdt jetzt Bystryza Klodzka. Sie gibt mir Namen und Telephonnummern von polnischen Bekannten in Mloty und Voitkowitce ehemals Voigtsdorf, und gerät völlig aus dem Häuschen, als ich ihr erzähle, dab ich in Mloty, aka Hammer mit meinem Vater in den Wintern 1942 und 1943 oft Schilaufen ging. Jetzt trage ich den Zettel mit diesen Adressen mib mutig mit mir herum - was interessieren mich die polnischen Menschen in den Dörfern meiner Jugenderinnerungen?
Aber Marianne ist von dieser Landschaft gefangen. Also hat das Gefühl, das mich beschleicht, als wir langsam auf den Horizont meiner Kinderjahre zufahren, vielleicht doch nicht nur mit meinen Erinnerungen zu tuen.
Ich beschlieb e auf der höchsten Stelle der Kurve zu halten, um von dort auf die Türme von Habelschwerdt zurückzublicken. Aber als ich dort ankomme überwältigt mich wieder eines der Bilder meiner Erinnerung und überschwemmt die besonnte Landschaft.
Vor mir liegt unter einem erstickend, heib en Julihimmel der Feldweg, der zur Jestelkoppe hinaufführt, und Mutter und ich schleppen den haarlosen, von Typhus geschwächten, tief demoralisierten Vater, einer unter seinem rechten, der andere unter seinem linken Arm, ihn mehr tragend als führend über die Berge nach Spätenwalde. Aber dieses Bild wird erst im Jahre 1945 entstehen.
Ich erzähle Irmgard-Christine diese Geschichte, um mich von ihr zu entbinden. Irmgard sagt nichts und Christine schreit, Wochen später, über das Telephon, das mich mit ihr in Westaustralien verbindet, "Was, Ihr seid den Weg nicht gegangen? Armer Rolf, hattest Du Angst?" Was mich dann daran erinnerte, dab wir, Mutter und ich, an dem Tage tatsächlich Angst hatten, entdeckt zu werden in den Wäldern auf unserem Weg und um Vater, ob wir ihn lebend hinbringen würden.
Nach langem Schweigen sagt Irmgard schlieb lich, "Möchtest Du nicht noch einmal mit mir reisen, um ein pures Landschaftserlebnis zu suchen?"
Ich sehe sie fragend an, "Wo sollte es das geben, in Tibet?"
"Weib t Du," sagt sie, "ich möchte vor meinem Tode einmal Ostpreub en sehen. Ich bin nie dort gewesen, suche keine Erinnerungen dort, ich habe nur die Beschreibungen der Landschaft vor meinem inneren Auge, die mir ein Freund vor seinem Tode gab. Er kam von dort. Alle deutschen Städte in Ostpreussen sind systematisch zerstört worden, aber die Landschaft muß überwältigend sein."
Ich werfe einen vorerst letzten Blick auf die Strab e nach Altheide und beschlieb e umzudrehen und doch erst einmal nach Spätenwalde zu fahren, wie wir ursprünglich beschlossen hatten. Ich bin noch nicht frei von meinen Erinnerungen.
Ich war mir klar, dab Mutter mir nie erlaubt hätte, bis zu Hildes Dorf mit dem Rad zu fahren, aber Mutter war im Krankenhaus zu einer kleinen, harmlosen, aber unerklärten Operation, die mit der Geburt der Zwillinge zusammenhing. Es mub im August gewesen sein, denn ich erinnere mich, dab ich ihr zum Geburtstag am 22. August eine Glasvase mit Kresseblumen ins Krankenhaus brachte. Ich hatte die Vase von meinem ersparten Geld gekauft, trotzdem konnte ich mein schlechtes Gewissen nicht beruhigen, dab ich Mutter nicht ein selbstgemachtes Geschenk gebracht hatte. - So stark war der ungeschriebene Kodex unserer Familie.
An Mutters Stelle regierte Tante Grete unseren Haushalt, und ich war mir sicher, dab ich sie würde charmieren können, die alte Tante.
So startete ich eines Morgens ohne Erlaubnis mit meinem Fahrrad zu der langgeplanten Reise über den Horizont.
Es wurde eine viel längere Fahrt, als ich mir vorgestellt hatte, und ich mub te immer wieder absteigen, um das Rad einen anderen, steilen Berg hinaufzuschieben. Hungrig und abgerackert erreichte ich den Hof von Hildes Eltern erst kurz vor Mittag, als sie gerade vom Heumachen nach Hause kamen. Sie luden mich zum Mittagessen ein.
Die braunen "Buchteln," gebackene Dampfnudeln mit Pflaumenkompott reichlich überdeckt, die Hildes Mutter gemacht hatte, kann ich heute noch riechen. Sie bewirteten mich königlich und Hildes Vater sah mir verschmitzt lächelnd zu.
"Sag mal, Sohn Deiner schönen Mutter, kannst Du auch schon richtig fluchen? Ich meine, was ist der unanständigste Fluch, den Du jemals gehört hast?" fragte er plötzlich unvermittelt. Ich gab ein paar Albernheiten zur Probe, wie "du dummes Schwein", "Scheib affe", "Arschloch", "Armleuchter", aber er rollte immer nur die Augen gegen Himmel und schüttelte den Kopf.
"Ich geb auf," sagte ich schlieb lich und gab ihm damit die erwünschte Gelegenheit, um dem Sohn besserer Leute mal was ganz Neues beizuringen.
"Ha, soll ich dir einen ganz schlimmen Fluch verraten?" sagte er triumphierend. Er machte eine Kunstpause: "Du verdammtes, ausgenuckeltes Hühnerarschgewinde!" Was bis heute der komischste Fluch geblieben ist, den ich je in irgendeiner Sprache gehört habe.
Nach dem Essen ging mein Gastgeber in den Hof, fing zwei Tauben, drehte ihnen vor meinen unschuldig entsetzten Augen die Köpfe um, wickelte die bluttriefenden Vogelleichen in Zeitungspapier, und überreichte sie mir mit den Worten: "Hier, bring die Vögel Deiner feinen Frau Mutter!"
Trotz meines Ekels vor dem blutigen Packet begriff ich sofort, dab die Tauben ein vom Himmel gesandtes Friedensopfer für die temporäre Herrin unseres Hauses abgeben würden.
Als ich zwei Stunden später zuhause ankam, wurde ich von einer Feuer und Wasser speienden Tante Grete empfangen. Ich habe sie nie so böse erlebt, aber die Ausdrücke, die sie gebrauchte, um sich Luft zu machen, waren mindestens 30 Jahre überholt: "Du Lümmel, du niederträchtiger Lümmel!" schrie sie, "Ich werd' Dir's zeigen!" Zu ängstlich mich zu schlagen, wedelte sie mit einem hölzernen Kochlöffel in der Luft herum. Ich konnte mich kaum halten vor Lachen. "Du altes ausgenuckeltes Hühnerarschgewinde!" murmelte ich vor mich hin.
Inzwischen tröpfelte die mib achtete Opfergabe meiner beiden Friedenstauben eine blutige Lache auf den Fub boden.
Manchmal nahm ich die Zwillinge mit auf meine Erkundungsfahrten zu den Wäldern an der Jestelkoppe oder zum Sigritz, ein mysteriöses Wäldchen umringt von sumpfigen Wiesen, weit genug nach Norden, dab man es selbst vom Dach unseres Hauses nicht sehen konnte. Wir bauten dort Häuser in den Bäumen, spielten "Wir-gehen-verloren-und-finden-einander-wieder", und pflückten Hahnenfub sträub e für Mutter in den Wiesen, um ihr die Angst zu versüb en, die sie wegen unseres langen Wegbleibens ausgestanden hatte. Rückblickend scheint es, dab ihre Sorgen um uns nicht übergrob waren, so "sicher" war die Umgebung.
Ich fand auch neue Freunde auf unserer Strab e und wurde bald ein voll akzeptierter Unterchief bei unseren Indianerspielen in den Hintergärten auf unsere Strab e und im Wäldchen des Wasserwerks. Ich verschaffte sogar den Zwillingen die Aufnahme bei den Indianer, bei denen Gerhard sich dann gutwillig am Marterpfahl skalpieren lieb und Christine bald zu einer guten Squaw wurde.
Oh, es gab auch wirkliche Kämpfe mit den "Arbeiterjungen" aus der benachbarten Flurstrab e. Ihr Anführer war "Mannla-Mannla-Hup-Hup-Hup" so genannt, weil der gnomhafte Kerl eine Beinschiene trug und deswegen humpelte. Seiner Mutter Name war Mann. Er hatte keinen Vater. "Ich heib e Fräulein Mann!" erklärte sie hitzig meiner Mutter, die gekommen war, um sich bei ihr über einen Überfall zu beschweren, den ihre Sohn auf uns angezettelt hatte.
Die bösen Jungen von der Flurstrab e warteten auf uns in dem kleinen Wäldchen auf unserem Schulweg, in dem der städtische Schlachthof verborgen lag. Von dem sah man nur das rote Dach der Villa der Frau Schlachthofdirektor Schigulla, die Mutter als eine "ziemlich ordinäre Frau" betrachtete, die aber das einzige Telephon in der Umgebung besab und dazu prädestiniert war, mit dessen Hilfe, im Jahre 1945 meinem Vater das Leben zu retten.
Ich konnte nie, ohne mich zu fürchten, an diesem drohenden Wäldchen vorbeigehen, in dem Kühe erschossen wurden und aus dem wir am Donnerstag die letzten, fürchterlichen Schreie der sterbenden Schweine hören konnten - und wo die Flurstrab enjungen auf mich lauerten.
Natürlich war dieser Kleinstadtkrieg nicht eine einseitige Angelegenheit, es gab gute Gründe für die hinterlistigen Überfälle. Immer wenn wir den Mannjungen irgendwo die Strab e hinunterhumpeln sahen, schrien wir grausam "Mannla-Mannla-Hup-Hup-Hup" und rannten dann so schnell wir konnten. Es war mir klar, dab ich ihm im Nahkampf, trotz seines lahmen Beines, nie gewachsen sein würde.
12.
Dieses sind die Bilder, die ich in meinen Wachen Stunden sehe, kleine "square Snapshots" aus einem anscheinend wundervoll harmlosen Jahr meiner Kindheit. Irgendwo, tief unter dieser idyllischen Oberfläche, müssen jedoch unsagbare Schatten lang vergessener Ängste rumoren, die jetzt zurückkommen und mich während der Nacht in meinen Träumen überfallen. Aber alles, was ich am Morgen von ihrem nächtlichen Umgang sehen kann, ist das getrübte Wasser meiner Seele. Die Gespenster, die es aufgewühlt haben, sind verschwunden.
Es ist lang her, da
b ich Vater nach diesen Zeiten gefragt habe. Aub er den kleinen Zeichen seines Denkens, die ich, gerecht oder ungerecht, meiner eigenen Erinnerung an ihn entnehme, kann er mir keine weiteren Antworten, keine Beschreibung mehr geben.
Es ist wie mit der anderen brennenden Frage, die ich als Kind und noch dringlicher als erwachsener Mensch meinen Eltern stellte: Warum ware eure Ehe für lange Zeit so schrecklich gespannt? Was ging zwischen euch beiden vor sich?
"Ich weib , was du wissen möchtest:" sagte mein Vater, als ich diese Frage zum letztenmal 1977 stellte: "Wie war euer Geschlechtsleben?" Er fuhr dann in ungewöhnlicher Schärfe fort: "Das geht dich nichts an, und darüber bin ich dir keinerlei Rechenschaft schuldig." Ich war 46 damals.
Spät am Abend dieses Tages war danach Mutter zu mir ins Zimmer gekommen und hatte mir erzählt, dab Vater nach der Geburt von Dieter entschieden hätte, dab sie aus religiös-philosophischen Gründen keinen Geschlechtsverkehr mehr haben dürften. Dieses Regime fand erst 1951 sein Ende, als Mutter, einem nervlichen und physischen Zusammenbruch nahe, zum einem Arzt ging, der Vater beorderte, einmal in der Woche mit seiner Frau zu schlafen. . . . Sie klagte nicht, sie machte ihm keine Vorwürfe, aber mir ist diese Tatsache immer noch unfab bar.
Bei seinem Tode hinterlieb Vater zwei dünne Oktavheftchen, die, weil sie keines meiner Geschwister haben wollten, auf mich gekommen sind: "Liebe Kinder, dieses Heft soll Euch verständlich machen, wie ich zu meiner Weltanschauung gekommen bin. Ich möchte Euch damit Eure Frage 'Wie konntet Ihr?' zu beantworten versuchen. Euer Vater." Schreibt er als programmatischer Anfang dieser "Confessiones". Aber schon nach zehn handgeschriebenen Seiten mit wohlbekannten Daten seiner Jugend- und Studienzeit, versinkt er in einem erschütternden Gewirr von politischen Klischees und philosophischen Banalitäten, die beinahe wörtlich aus einem Geschichtsbuch der NS-Jahre hätten abgeschrieben worden sein können - was sie jedoch sicherlich nicht waren.
Er wub te die Antworten, die ich suchte, einfach nicht.
Ich möchte meinen Vater in politischer Hinsicht nicht nötigen. Ich habe genau dasselbe Phenomen bei einem hochgebildeten, wesentlich jüngeren, ostdeutschen Freund im Jahre 1990, nach dem Fall der Mauer erlebt: Er behauptete, dab er trotz seiner gehobenen Stellung, trotz Zugangs zu Honnegger von "nichts gewub t hätte". "Mit Politik habe ich mich nie abgegeben, sie ist schmutzig. Wir haben immer nur unsere Pflicht getan und ohne zu fragen für 'Unsere DDR' gearbeitet." Diese Worte hätten auch die meines Vaters gewesen sein können.
Leider, - ich glaube beiden, kann sie aber ihrer humanen Verantwortung nicht entbinden.
Es nützt nichts, ich mub versuchen, der Gespenstern meines Unterbewub tseins selber habhaft zu werden.
In meiner Verzweiflung, angeregt durch die Methoden meinen östlichen Freunde, machte ich dann vor Jahren sogar einen rührend naiven Versuch, die verklemmten Falltüren zum Labyrinth meines Unterbewub tseins mit Hilfe der "historischen Dialektik" zu erbrechen.
Wie zum Beispiel: "Wo warst Du am 3. September 1939?"
Aber allen Anstrengungen zum Trotz ist kein Bild dieses Tages, an dem der Kieg endgültig ausbrach, zur Oberfläche aufgeschwommen. Und so verbleiben die Erinnerungen dieses Herbstes, in dem unsere siegreiche Armee Polen in 18 Tagen erstürmte und Stalin uns half, sie im darauffolgenden Winter endgültig fertig zu machen, nur ein Streifen in einem verzerrten, lange nach dem Krieg gesehenen, Kriegsfilm.
Auch ein mit Emotionen überladener, "psychoanalytischer" Abend bei guten, jüdischen Freunden in Los Angeles hat kein wirklich neues Verständnis aus dem amorphen Bodensatz meiner Erinnerungen fischen können.
Ben, sechs Jahre älter als ich, überlebte die Vernichtung seiner Familie in Amsterdam. Sein Erleben hat ihn alt, feinfühlig und vergebend gemacht. Es ist Jean, seine in New York geborene Frau, die mein "Verhör" rücksichtslos vorwärtstreibt.
"Wo warst du, als die Synagogen brannten? Du warst alt genug, von der Kristallnacht gewub t zu haben. Und hast du nie eingeschlagene Fenster, antisemitischen Grafitti und Verprügelungen jüdischer Menschen auf offener Strab e erlebt?"
Es gab keine Synagoge in abelschwerdtHabelschwerdt und nur zwei "jüdische" Geschäfte, ein Woolworth und Pieks Spielwarenhandlung.
Ja, ich erinnere mich an einen Morgen, Wochen nachdem die Synagogen anderswo in meinem Vaterland verbrannten - oder wie es der Fall gewesen war in Glatz, nicht richtig brennen wollten, wegen des anhaltenden Regens und der Inkompetenz der lokalen SA-Truppen - an dem die Fenster der beiden jüdischen Läden mit antisemitischen Schlagworten vollgeschmiert waren, wie "Judenschweine raus!", was mir eine beschämte Mutter erst erklären mub te. Aber es gab keine eingeschlagenen Fenster oder verprügelte Menschen "in our Little Town" - jedenfalls damals noch nicht.
"Und später?" fragt Jean sofort, "drücke dich nicht darum, was hast du später erlebt?"
Nun, später in 1942-43, als das alte Ehepaar Piek und ein jüdisches Arztehepaar eines nachts "abgeholt" und in ein "Arbeitslager" deportiert wurden, hatte Furcht und Apathie unser Gewissen schon so zerstört, dab sich die Menschen abwendeten und wegwanderten, langsam, rückwärts, um dem gefürchteten Aussatz, der diese Mensche zeichnete, zu entgehen - genau wie ich es eines Tages in 1972 in Moskau erlebte, als ich von geheimen KGB Agenten am hellen Tage und mitten auf der Strab e gestellt worden war. Innerhalb von wenigen Sekunden waren alle Menschen von der übervölkerten Strab e verschwunden, und ich stand mutterseelen allein da, umringt von drei drohenden Thugs.
"So wub test du, was mit den Juden geschah!" Sagt Jean bitter.
Nein. Ja, die Juden wurden in Arbeitslager verschickt, um dort in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. Das war nichts Ungewöhnliches. Es gab überall Lager für Polen, französische Kriegsgefangene, und Menschen aus Südosteuropa, die auf den Höfen die Männer ersetzen oder in kleinen Industriebetrieben arbeiteten. Zum Beispiel, lebte seit 1943, als Hilde zum "Wehrdienst" eingezogen worden war, Josepha, eine junge Frau aus Slowenien, als Dienstmädchen bei uns. Meine Mutter hatte sie aus einem solchen Lager gleich hinterm Schlachthof geholt, um sie vor der Fabrikarbeit zu retten..
Die ganze Wahrheit, was mit den deportierten Juden geschehen war, erfuhren wir erst 1945.
Doch, es gab Gerüchte, hunderte bizarrer Gerüchte, sie umschwärmten das trunken vernebelte Gewissen Deutschlands wie schwarze Fliegen. Aber wie konnte sie irgend jemand ernst nehmen, ohne sich, falls er überhaupt noch bei Bewub tsein war, aus Scham und Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf zu schieb en?
"Wir haben das alles schon einmal gehört." sagt Ben. "Wir schuldigen dich ja auch nicht persönlich an. Versuch Bilder deiner eigenen Erinnerung zu finden."
Ja, da ist der beunruhigende Zwischenfall mit der "Judenseife", nicht "jüdische" Seife, sondern wie "Talgseife", an den ich mich aus dieser Zeit erinnere.
Aub er Schlagsahne verschwand 1940-41 auch plötzlich Seife aus den Läden, sie wurde dringend für "unsere kämpfenden Soldaten" benötigt. An ihrer Stelle tauchte ein schreckliches Produkt aus vulkanischer Asche und einem schmierigen Bindemittel auf. - Wir glaubten, dab die Asche vom Vesuv käme - woher unser mütterlicher Grob vater das mysteriöse Stück Bimsstein mitgebracht hatte, das in unserer Badewanne schwamm - und dab die elende Seife speziell von Mussolini gesand wurde, um seine deutschen Kampfgenossen zu waschen! - Und für ein Jahr schrubbte uns jeden Sonnabend unsere seufzende Mutter mit dieser Ersatzseife. Sie kratzte höllisch.
Und dann gab es auf einmal wieder "normale" Seife, durchsichtige, stinkende Seife, die auf dem Wasser schwamm. Und als mich Hilde eines Sonnabends mit dieser Seife wusch - ich weib nicht, wer das verhängnisvolle Wort ausgesprochen hatte, sehe mich jedoch noch in dem trüben Wasser sitzen, in dem vor mir die Zwillinge schon geseift worden waren, - auf einmal hing das Wort "Judenseife" in der heib en Luft.
Ich kann mich auch nicht mehr erinnern, ob die Erklärung damals schon mitgeliefert wurde oder erst viel später, obwohl sie implizit in dem Wort enthalten ist, dab die neue Seife aus dem Fett toter Juden gemacht wäre, aber Hildes Gekicher und ein Bild der "Leim- und Seifenfabrik" an der Glatzer Chausse erscheinen in meiner Erinnerung fest mit dem schrecklichen Wort verknüpft.
Vielleicht erinnere ich mich an diese ganze Episode auch nur, weil Mutter völlig unerwarteterweise wirklich böse wurde und uns kurzerhand jede weitere Diskussion oder Gebrauch dieses Wortes verbat.
"So, was wub te sie damals?" Es ist Jean, die mich, bar jeden Erbarmens, nicht aus diesem Kreuzverhör entlassen will, und ich beginne sie, ihre amerikanische Agressivität und ihre Unwissenheit um die dunklen Seiten der Seele, zu hassen.
Ich werde nie erfahren, was Mutter damals dachte oder meine Eltern wub ten. Als ich anfing mit diesen Erinnerungen zu ringen, konnten sie nicht über diese Zeiten sprechen. Und jetzt sind sie tot.
Aber dieser Bereich, die deutsche Schuld an dem Schicksal der Juden, ist wieder und wieder während der letzten vierzig Jahre untersucht worden. Zuerst nach den betäubenden Schocks, die die Entdeckung der Wahrheit gleich nach dem Ende des Krieges brachte, dann durch die Anschuldigungen und Verdächtigungen während meiner Reisen durch Europa und schlieb lich in oft harten, unerbittlichen und eiskalten Auseinandersetzungen mit jüdisch-amerikanischen Freunden und Feinden. Dieser Bereich ist sicher ein Teil des amorphen Schlammes im Unterbewub tsein meiner Seele - aber er enthält keine unbekannten Gespenster mehr.
Die Ängste, die in meinem Unterbewub sein wühlen, erscheinen unbedeutender und haben keine berühmten Namen. Sie sind wie Treibsand oder sumpfiges Gelände, in dem man versinkt, sie haben keine Formen, die man erfassen könnte.
Denn bald gab es nur noch Gerüchte.
Gerüchte, die unter dem Schnee des ersten Kriegswinters wie Ratten tunnelten und deren Vorhandensein wir erst im Frühjahr, als der Schnee schmolz, gewahr wurden. Ihre Erscheinungen wurde von Jahr zu Jahr bizarrer, infizierten unser Bewub tsein und beraubten uns unserer Urteilsfähigkeit. Bald versteckten wir uns hinter ihnen und lebten mit ihnen in den Tunneln unter der sichtbaren Oberfläche.
Unsere Welt wurde zu einer Hyperbole der Wirklichkeit.
Zum Beispiel.
Eines Tages wurde eine alte Frau, die auf der Adolf-Hitler-Strab e in einem kleinen, windschiefen Häuschen mit einem wunderschönen Blumengarten wohnte, verhaftet und "deportiert". Angeblich hatte sie in ihrem Haus mehrere Zentner Zucker und Süb igkeiten "gehortet". Wir schlichen heimlich hinter dem Haus herum, vor dem ein Polizist für Tage Wache hielt, um durch die Fenster zu spähen. Wir glaubten Säcke von Bonbons und Berge von Zucker gesehen zu haben, und das Märchen von der Hexe, die Hänsel und Gretel in ihr Pfefferkuchenhaus lockte, um sie zu mästen und im Ofen zu braten, feierte gräusliche Auferstehung.
Und dann erschienen Lebensmittelkarten. Zuerst gab es nur Fleischmarken und Buttermarken. Es dauerte zwei Jahre bis sich Brot-, Tabak- und Kleidermarken dazugesellten. Mit Geld allein, ohne die kostbaren rot, grün und gelben Schnipsel, die die Verkäuferin von den Karten abschnitt, konnte man nichts mehr kaufen.
Ein anderes deutsches Märchen.
Es gab einmal einen Fleischermeister in dieser Zeit, der insgeheim ein Schwein "schwarz" geschlachtet hatte. Und meine Mutter bekam von ihm eines Morgens in meinem Beisein ein Päcken Fleisch ohne Marken überreicht, weil die Frau Doktor zu seiner guten Kundschaft gehörte.
Ein paar Tage später wurde der gute Mann abgeholt, jemand hatte ihn angeschwärzt. Das Gerücht wub te zu berichten, dab seine Frau, als die Polizei schon vor der Tür stand, noch versucht hätte, das verbliebene Fleisch in der Toilette zu versenken, - wir aber, was für eine entsetzliche Vorstellung, konnten nichts mehr wegwerfen, wir hatten "schwarzes" Fleisch gegessen!
Das beliebteste Spiel dieser Zeit war, "Wer hat Angst vor dem bösen Wolf?" Wozu alle "Niemand!" schreien mub ten, aber wie immer du dich auch verstecktest oder versuchtest dich grau und unsichtbar zu machen, der böse Wolf erwischte dich am Ende doch. . .
Und die Angst ging um, und die Gerüchte wuchsen wie Pilze aus dem Sumpf, der uns umgab. Und auf der Strab e zählten wir ab, wer der nächste sein würde, mit dem Reim: "Warte, warte noch ein Weilchen, gleich kommt Adolf mit dem Hackebeilchen und macht Hackefleisch aus DIR."
13.
Ein im Sommer 1939 von Gerda Popp gemachtes Photo, das bald den "Deutschen Familienkalender auf das Jahr 1940" im Verlag Dipl. Ing. Popp, Glatz-Schlesien zieren sollte, zeigt uns alle au
b er dem Vater. - Er war überflüssig. - Es waren die Jahre in denen Heinz Rühmann im Kino sang, "Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr!": Die deutsche Mutter allein gebar deutsche Kinder. Es gab ja auch keine Vaterkreuze, aber mit vier Kindern war Ihr ein "Mutterkreuz" gewib . Anno 1938 bekam meine Mutter auch so ein Ding in Bronze an einem weib -blauen Band und mit einer von Ihm persönlich unterzeichneten Urkunde: "Für Verdienste an der Vermehrung des Deutschen Volkes". . .
Gerda und Friedemann Popp waren alte Wandervogelfreunde meiner Eltern. Ihr Erfolg beruhte of einer Serie neu-deutscher Kalender: "Die glückliche deutsche Familie" (Bilder der Neuen Deutschen Familie, wie z. B. wir), "Der deutsche Tierfreund" (nach dem Motto "Kitsch wärmt das Hertz"), und "Wanderer in deutschen Landen" (Schöne Deutsche Landschaften, Menschen, und Herbergen). Sie waren alle mit Photopostkarten ausgesteckt, die Friedemanns schöne Mädchen im dunklen Labyrinth seines Verlagshauses, nicht weit von dem unsrigen, mit der Hand abzogen.
Gleich neben der wilhelminischen Verlagsvilla und Herrn Dr. Futters Haus, hatten sich die Popps von einem Architekten ein sehr schönes, modernes Haus bauen lassen, das hinter einem künstlerisch verwilderten Garten und einem, mit Seerosen bepflanzten, Schwimmteich versteckt lag. Gelegentlich durften wir unter Mutters und Gerdas Aufsicht in dem Teich herumpaddeln, aber recht eigentlich war dies die Lokation, wo der Friedemann die Aufnahmen für einen diskret vertriebenen "FKK-Kalender" schob , in dem seine weiblichen Photoassistentinnen als Modelle auftreten durften: "Die deutsche Frau, tut sie's oder tut sie's nicht?" war schon damals die berühmte Frage.
Friedemann, der meiner Mutter Urteil zufolge - ihre kurze Nase hoch, leicht errötend - ein Mann "der-dreckigen-Witze" war (wahrscheinlich hatte er ihr, wie andere auch, in den gemeinsamen Wandervogeljahren nachgestellt), trug eine Nickelbrille auf einem runden, mit schwarzen Kräusellocken bedecktem Kopf und einen schwarzen Schnurrbart. Kurz, er war, wie auch sein Name bezeugt, ein eingedeutschter, österreichischer Tscheche, sinnlich, rücksichtslos, und geschäftstüchtig.
Eine frühe Geschichte über Friedemann, das heib t, aus der Zeit vor seiner Scheidung, berichtete, dab er einmal seinen Hund, der einen Haufen auf den Bettvorleger gemacht hatte, so verprügelte, dab das arme Tier seinen eigenen Haufen wieder auffrab ! - Brr, schauderhaft, und ich fürchtete mich sonst sehr vor diesem Tier.
Zum zeitgerechten Ausgleich trugen Gerda und ihre Freundinnen handgewebte Röcke und begrüb ten sich noch in der intimen Atmosphäre des Poppschen Hauses mit "Heil Hitler!" und der erhobenen Hand - vielleicht war's gute Reklame damals - jedenfalls fand Mutter das "leicht übertrieben".
Leider konnte Gerda aber keine Kinder zustande bringen, und so "adoptierte" sie Gerhardchen und seine Zwillingsschwester sehr bald nachdem wir nach Glatz gezogen waren.
Gerhard war der schwächere und langsamere von den Zwillingen, dem seine Schwester, wie man in einem, von Vater in Glatz gedrehten, Filmstreifen sehen konnte, das Brot wörtlich aus dem Mund klauen konnte. Dazu kam, dab er, wohl von einem der Kindermädchen, im zweiten Lebensjahr eine Tuberkuloseinfektion auflas, die ihm für Jahre anhängen sollte. Er war eben der Zweitgeborene. Gerda liebte es, "Gerhardchen-mit-dem-kleinen-Mund" mit dem Löffel zu füttern, und bald wurde das "süb e" Zwillingspärchen der Star ihrer Kinderkalender - in dem gelegentlich "Rolfi-Grob maul" - wie sie mich nannte um mich zu ärgern - auch eine Statistenrolle haben durfte. Wir liebten einander eben nicht.
Der Kalender wurde ein ganz grob er Erfolg in Deutschland und gelegentlich konnte man Gerhard und sein Schwesterchen Christine noch in den fünfziger Jahren mit ihren Puppen spielend antreffen - Friedemann hatte seine Negative nach dem Westen gerettet. - So viel ich weib , haben weder das geschwisterliche Starmodell noch dessen Eltern je einen Pfenning dafür bekommen.
Später lieb sich dann Friedemann mit einer seiner gesunden und jung-schönen Photoassistentinnen ein. - Frau Dr. Futter, unsere neue Nachbarin in Habelschwerdt, die Mutter diese Geschichte in Fortsetzungen von ihrer Seite unseres Gartenzaunes aus erzählte, vermutete mit einem Augenaufschlag, "es mub dunkel gewesen sein in der Dunkelkammer". Als die Schöne dann ein Kind bekam, lieb er sich kurzerhand von der verzweifelten Gerda scheiden. Was ihn den letzten Rest meiner Mutter Freundschaft kostete.
Kurz vor diesem traurigen Ende hatten Gerda und Friedemann uns in Habelschwerdt besucht, um das grob e Familienbild im Garten hinterm Haus aufzunehmen.
Vater nannte das Bild - ihm war, wie gesagt, nicht erlaubt worden, dem Bild einen patriachalischen Stempel aufzudrücken - "Der Mutterberg". Ein schöne Bezeichnung: Mutter sitzt, in dem meisterhaft komponierten Aufbau, etwas links der Bildmitte, auf einem nicht sichtbaren Stuhl in unserem Garten und ist wörtlich mit ihren vier Kindern überhäuft. Den kleinen Dieter hält sie auf ihrem Schob . Gerhardchen in einem Matrosenanzug, steht im Vordergrund zu ihrer Linken mit einer Blume in der Hand, die Dieter im nächsten Augenblick ergreifen wird. Tine mit Zöpfen, den visuellen Gipfel bildend, schaut über Mutters rechte Schulter, ihr Kopf in perfektem Kontrast zu Mutters Gesicht. Alle drei Kinder sehen gebannt auf die Blume in Gerhards Hand. Mich, ebenfalls in einem Matrosenanzug, hat Gerda zu zwei dritteln rechts aus dem Bild gequetscht. Ich biete meinen jüngeren Geschwistern mein strahlendes Lachen an und eine andere Blüte von dem Kressebeet neben dem Hauseingang - werde aber von allen völlig ignoriert.
Niemand aber wird diese geschwisterlichen Rivalitäten wahrnehmen, die die Photographin so sorgfältig inszeniert hat. Der Betrachter wird gänzlich von den, auf ihn gerichteten, Augen und dem lachenden Mund meiner Mutter gefangen, die, eine Haarsträhne auf der Stirn, Grob mutters rote Granatbrosche am Ausschnitt eines losen, noch immer unvergessenen, dunkelblauen, mit weib en Blumen bedruckten Seidenkleides trägt.
Dies Bild hielt einen der bezauberndsten Augenblicke in ihrem Leben fest.
14.
Zwei Jahre später, zu Ostern 1940 kamen die Zwillinge in Fräulein Krzysczs erste Volksschulklasse, während ich wieder einmal das Opfer - so sah ich es jedenfalls - meiner Mutter Ambitionen wurde, meine Ausbildung zu verbessern. Herr Glusa hatte schlie
b lich ihre Geduld bis zum Zerreib en gespannt, da sie ihn aber nicht davon abhalten konnte, mir den patriotischen Unsinn der Zeit einzutrichtern, beschlob sie kurzerhand mich zu den Nonnen zu schicken. . .
Die katholischen Nonnen unterhielten eine hoch angesehene Mittelschule in Habelschwerdt, aus der Bankleute, Bahnhofsvorsteher und andere Beamte der "mitttleren Laufbahn" mit einer soliden allgemeinen Ausbildung und dem Zeugnis der "Mittleren Reife" hervorgingen.
Mutter hatte die Hoffnung, dab die Nonnen mein gelangweiltes Gehirn mit anspruchsvollerem und höherem Wissen würden füllen können, als Herr Glusa verzapfte. Mit dem "katholischen Unsinn" würde man schon fertig werden. Eine andere grob e Attraktion für Mutter war, dab ich bei einem Wechsel in diese Schule, ein Schuljahr überspringen und unter ältere, "reifere" Mitschüler kommen würde. - Es kam aber wieder einmal alles anders als erwartet.
Zunächst gab es eine kleine Hürde zu überwinden, ich mub te eine Aufnahmeprüfung bestehen, bevor mich die Nonnen annehmen würden. Mutter beschlob , nichts dem Zufall oder meiner Unwissenheit zu überlassen, und schickte mich umgehend zum zweiten Male in den Nachhilfeunterricht - wohl kalkuliert bei einer der Nonnen. Diesmal galt es meine Rechenkünste, die Herr Glusa über all dem Lernen von patriotischen Liedern bedauerlich vernachlässigt hatte, auf ein akzeptables Niveau zu bringen. Die gute Schwester Lutecia war eine ausgezeichnete Lehrerin, aber sie betrachtete mich protestantischen Sünder mit ebenso viel Widerwillen, wie ich sie und ihre vertrocknete, mummifizierte Weiblichkeit. Die Beziehung zwischen uns beiden war gespannt.
Trotz all dieser Vorarbeit schickten mich die Nonnen nach der Prüfung mit einem Brief nach Hause, der meinen Eltern mitteilte, dab ich leider nicht bestanden hätte. Dieses erstemal, dab ich durch eine Prüfung fiel, flöb te mir ein Angst vor Prüfungen ein, die mich für den Rest meiner Schul- und Universitätslaufbahn verfolgen sollte. Die Nonnen hatten jedoch nicht mit meiner Mutter gerechnet, sie war aub er sich und erschien schon am nächsten Morgen bei der Schwester Oberin, um meine Zulassung zu verlangen. Die Nonnen, bereits unter Druck durch die politischen Organe der Schulbehörde, machten den Fehler unschlüssig zu wanken. Ich hätte die Prüfung zwar bestanden, sei aber zu jung für die Klasse - und obendrein sei ich nicht katholisch. Das schlug dem Fab den Boden aus, und Mutter kam noch am gleichen Abend mit meinen Aufnahmepapieren nach Hause.
Bevor ich meinen Einzug in die Mittelschule halten durfte, hatte sich die politische Lage stark geändert. In den Osterferien hatten die zivilen Behörden die Schule überraschend usurpiert, und die Nonnen durch reguläre, männliche Lehrer ersetzt, die natürlich vornehmlich nach ihrer parteipolitischen Linientreue ausgesucht waren.
Und so wurde ich der Schüler des Herrn Schulmann und der Freund von Fritz, der wegen seiner untersetzten Figur und Stärke auch "Bullo" genannt wurde.
Herr Schulmann war ein breitschultriger, grob er Mann von etwa fünfzig Jahren, der uns Englisch, das Werfen falscher Handgranaten und Schwimmen lehren sollte - oder jedenfalls versuchte er es, mir in dem eiskalten Wasser des Bergbades auf dem Floriansberg an zwei Morgenden der Woche das Schwimmen beizubringen. "Grob , Bleiente!" schimpfte er mich. Blaugefroren und mit klappernden Zähnen versuchte ich verzweifelt die Frösche nachzuahmen - versank aber regelmäb ig in den Fluten. Es blieb ein hoffnungsloses Unternehmen. Meine Furcht vor den dunklen Tiefen des Wassers sollte alle solche Versuche für weiter zehn Jahre zunichte machen.
Herr Schulmann hatte weder einen Dachschaden noch hatte er ein Glasauge, seine Schwäche war, wie ich bald herausfinden sollte, von subtilerer Art. - Er liebte junge Mädchen, wie es der Volksmund treffend sagt, zu "befummeln". Auf unserem ersten Wandertag, ein Ganztagesausflug in die Berge am letzten Schultag vor den Sommerferien, überraschte ich ihn im Wald, wie er die entblöb ten, jungen Brüste der aufregendsten Schülerin in der Klasse streichelte. Sie hatten mich nicht bemerkt, und ich beobachtete sie für lange Zeit von meinem Versteck aus - mit sehr gemischten Gefühlen. Ich war erregt, neugierig, es gab da auch einen Grad von Eifersucht, aber das verwirrendste Gefühl war ein Anflug von der komplizierten Mitschuld des Voyeurs. . . .
Nachdem mein Vater sich, auf meine Anfrage hin, geweigert hatte: "Das erzähle ich dir, wenn du mal achtzehn wirst", blieb es Bullo vorbehalten, mich über Liebe aufzuklären. Während eines Klaviervortrags in der Aula, bei dem Herrn Schulmanns Freundin brav eine Mozartsonate abspielte, in einer verschwiegenen Ecke versteckt, erklärte er mir in graphischen Einzelheiten, wie und wozu man das unkontrolierbare, männliche Organ gebrauchen konnte und noch genauer wohin man tuen mub te. - Oh, es hätte schlimmer auslaufen können, er war kein schlechter Mensch.
Der Sommer dieses Jahres brachte "Unseren Sieg in Frankreich", ein Ereignis, das all die alten Tanten des ersten Weltkrieges als lahme Angsthasen entlarvte: Es war möglich, Deutschland konnte Frankreich in die Knie zwingen.
Deutschland hatte einen neuen Höhepunkt seines Selbstbewub tseins erreicht, seinen höchsten, wie es sich bald herausstellen würde: "Die Schmach von Versailles ist getilgt. Unser Führer in der Uniform des Gefreiten des ersten Weltkriegs nimmt in dieser historischen Stunde die bedingungslose Kapitulation Frankreichs entgegen. . ." Ich höre noch die Fanfaren, die die "grob e Sondermeldung" im Radio ankündigten und sehe noch die Bilder der "Wochenschau" im Kino: Hitler stiefelte in denselben Eisenbahnwagon, in demselben Compiegne in dem die deutschen Offiziere 1918 zu unterzeichnen gezwungen worden waren und diktierte Frankreich eine Kapitulation, die die deutsche von 1918 an Brutalität und Schmach noch übertraf. Frankreich würde in zwei Teile gespalten werden. Wie die französischen Armeen damals, besetzten jetzt deutsche Armeen die Hälfte des eroberten Landes, die andere überlieb Hitler einer servilen und unpopulären "Selbstverwaltung". Wie Deutschland in den zwanziger Jahren würde Frankreich jetzt bis aufs Blut ausgeplündert werden. Hitler hatte seine triumphale Rache, - und in Preub en konnten endlich die albernen "Sedanfeiern" aufhören - kindische, von Hurrarufen begleitete, Reiterspielchen auf dem Schulhof zur Erinnerung an unseren letzten, nennenswerten Sieg über Frankreich anno 1871.
15.
Im November 1940 erhielt Vater einen "Ruf" an die neugegründete Abteilung für Raumplanung im schlesischen Landwirtschaftsministerium in Breslau. Dies völlig neue Arbeitsgebiet war die Erfindung eines Professors Obst an der Universität Breslau. Prof. Obst, der neben seiner Lehrtätigkeit auch noch ein sehr rühriger Geschäftsmann war, versprach für die Foibles der Hitler Regierung, wie die Auslagerung von Schwerindustrieunternehmen in ländliche Bezirke, die Umsiedlung deutscher Bauern nach dem wiedereroberten "Westpreu
b en", später Generalgouvernment Polen, oder die Verteilung von landwirtschaftlichen Unterstützungsgeldern in den Grenz- und Gebirgsdörfern, eine rational wissenschaftliche Basis zu finden. Obst, ein Geograph, bekam die Erlaubnis in Breslau für diesen Zweck eine Sonderabteilung aus Spezialisten der unterschiedlichsten Disziplinen zu gründen, die sein eigenes Wissen ergänzen sollten.
Es war Vaters grob e Chance. Endlich würde er sich mit den Dingen beschäftigen können, die ihm lagen: Geographie, Kartographie, Statistik und Philosophie - kurz mit Abstraktionen, der Theorie des Menschen und nicht mit alltägliche praktischen Dingen. Er hab te zutiefst das Unterrichten "dummer Bauernsöhne", wie er seine Schüler in Stunden der Verzweiflung manchmal nannte. Er fand es ganz allgemein schwer mit Menschen umzugehen.
Mutter schlob jede Nacht an unserem Bett die Bitte in ihr Abendgebet ein, dab Vater die neue Anstellung bekommen möchte, trotzdem sie ganz genau wub te, dab dies für sie die Trennung von Vater bedeuten würde, er würde keine Wohnung für uns in Breslau bekommen können. Und noch wichtiger, Habelschwerdt war für uns Kinder zum wunderbar behüteten, ländlichen Spielpaltz geworden, fern von Fliegerangriffen, Bomben und dem endlos weiterfressenden Krieg.
So verschwand Vater eines Tages aus unserem Leben, und Mutter schulterte die tägliche Last, vier Kinder im Krieg aufzuziehen, allein. Es gab kein Telephon in jenen Jahren, durch das sie sich schnell einmal bei ihm Rat holen konnte. Freilich kam er immer noch alle zwei Wochenenden mit dem Zug nach Hause, was mehr war als vielen Frauen vergönnt war, deren Männer eingezogen waren, und Mutter brauchte sich um Vaters Leben keine Sorgen zu machen.
Er wohnte bei ihrer Mutter in einem Zimmer und Großmutter, berühmt um ihrer Kochkünste, verpflegte ihn auch. "Vielleicht wird ihm Grob mutter endlich beibringen was gutes Essen ist," scherzte Mutter, denn Vater sagte nie, ob er etwas gern ab oder nicht. "Was auf den Tisch kommt wird gegessen," war seine Devise, die er uns, wenn nötig, mit schweren Prügeln beizubringen versuchte; was es war, das wir essen sollten, das war ihm völlig gleichgültig.
Ich erinnere mich einer solchen Gelegenheit am Anfang des Krieges, bei der es zum erstenmal den gefeierten "deutschen Eintopf" gab, in dem unter allerlei Gemüsen die fibrosen Reste einer zähen Kuh schwammen. Als ich mich zierte das elende Essen herunterzuschlucken, bearbeitete Vater mich ziemlich rücksichtslos mit einem Riemen.
"Ach," stöhnte Mutter, ihre Schwägerin Käthe imitierend, "die Verbrechen, die meine Schwiegermutter an ihrem Sohn begangen hat, rächen sich: von Küche und Klo hatte die keine Ahnung!" Die letzte Anspielung bezog sich auf Vaters chronische Verstopfung und seine Gewohnheit stundenlang die einzige Toilette des Hauses besetzt zu halten. Er las dort mit Vorliebe Bücher.
Der Winter dieses Jahres überfiel uns mit unvorstellbaren Schneemassen. Schon Anfang Dezember waren wir in unserem Haus unter Schneewehen bis zu den unteren Fenstern vergraben. Wir mub ten auf Schneeschuhen einkaufen und zur Schule gehen. Die Wasserrohre zum Badezimmer und dem Klo im Oberstock froren ein, und als der Klempner versuchte, sie mit einer Lötlampe aufzutauen, platzten sie, was einen gefrorenen Wasserfall an der Hauswand produzierte. Die Senkgrube war auch zu festem Eis geworden und lief in farbenprächtigen Gebilden über, wann immer wir nach dem Baden das warme Wasser ablieb en.
Und Vater war in Breslau.
Am dritten Advent bekamen die Zwillinge plötzlich hohes Fieber und ein roter Ausschlag breitete sich geschwind über ihrem ganzen Körper aus, den, der eiligst herbeigerufene Arzt, als Scharlach diagnostizierte.
Ich erinnere mich, wie ich in einer Schneehöhle sab , die ich mir in einer der Wehen vorm Haus gegraben hatte und heldenhaft gegen die Krankheit ankämpfte, die mich nach aller Leute Prophezeihung auch einholen würde. Es war nutzlos, am Abend dieses Tages ging meine Temperatur so schnell hinauf, dab ich zähneklappernd schlieb lich glücklich war, in mein Bett zu sinken.
Der Doktor verordnete, dab wir fortan in Quarantäne leben müb ten, alle drei in dem kleinen Zimmer im Oberstock, in das aub er ihm und meiner Mutter kein anderer Mensch hineinkommen dürfte.
Wir verbrachten sechs Wochen dort. Mutter hängte einen alten Teppich als Luftschleuse vor unsere Tür und wechselte jedesmal, wenn sie bei uns gewesen war, ihr Oberkleid und wusch ihre Hände in Lysol. Ihre erste Arbeit war jeden Morgen bei uns die Asche aus dem Ofen auszuräumen und Feuer zu machen.
Die gröb te Angst war natürlich, dab sich der kleine Dieter auch anstecken könnte. Mutter richtete deshalb eine Sonderküche für uns im Badezimmer ein, während Hilde in der unteren Küche für sich und Dieter kochte, mit dem sich Mutter so wenig wie möglich befab te. Es war ihr Verdienst, daß Dieter gesund blieb.
Damals gab es weder Penicillin noch spezifische Vaccine. Der gute Doktor, ein moderner, jüngere Mann, kam dreimal in der Woche ins Haus und versuchte an uns, mit Mutters Einverständnis, jede Woche eine andere neue Medizin. Gegen die Virusinfektion konnte er nicht viel machen, aber die wirkliche Gefahr waren Komplikationen durch andere gewöhnliche Bakterien. Er fütterte uns mit gerade erst erfundenen Sulfonamiden, und so kam es, dab wir in den schönsten Farben pib ten, Gelb, ein floreszierendes Orange und schlieb lich in tiefem Dunkelrot.
Nach zwei Wochen war der Ausschlag verschwunden und unser Fieber herunter. Wir fühlten uns wie neu geboren. Aber nun kam für Mutter das Problem uns zu beschäftigen, um uns vom Raufen abzuhalten. Vater begann die Spielwarengeschäfte in Breslau zu durchsuchen: Würfelspiele, Auschneidebogen für Puppen, Burgen und ganze Dörfer, und für mich winzige, aus Blei gegossene Kriegsschiffe, die alle Einzelheiten bis zu drehbaren Geschützen und abnehmbaren Flugzeugen aufwiesen. Am Ende der Krankheit besab ich schlieb lich eine ganze Flotte.
In dieser Zeit las ich auch mein erstes Buch. Es war in Sütterlinschrift gedruckt, roch nach Rosmarien und kam von Tante Irmgard.
Dann begann das grob e Pellen, unsere ganze Haut blätterte ab, was damals von den Abergläubigen noch als ansteckend betrachtet wurde. Der Doktor lachte darüber und überzeugte Mutter, dab dies Altweibergeschichten seien. Aber die "zweite Erkrankung", ein Rückfall nach zwei Wochen mit erneut hohem Fieber und schrecklichen Kopfschmerzen war das nicht. Und so waren Mutters drei Schäfchen wieder still. . .
Die Bestimmungen der Gesundheitsbehörde verlangten drei negative Labortests, bevor Scharlachkranke die Quarantäne verlassen durften. Für uns wurde es Mitte Februar bis wir diesen Tests genügten.
Das Gefühl von Schwäche und Freiheit, das ich empfand, als ich wieder in meinem normalen Bett schlafen durfte, war wundervoll, aber es sollte nicht lang anhalten. Die Zwillinge erlitten keine Komplikationen, aber ich entwickelte schnell zunehmende Ohrenschmerzen. Für zwei Tage versuchte ich sie vor Mutter zu verheimlichen, in der zweiten Nacht konnte ich es nicht länger aushalten. Der Doktor kam eiligst am nächsten Morgen und diagnostizierte eine Mittelohrentzündung. Mutter ging zum Postamt und rief Vater im Büro an. Er kam mit dem nächsten Zug, wickelte mich in zwei Decken, packte mich auf einen Handschlitten und zog mich zum Bahnhof. Am selben Abend lag ich schon unter dem Skalpel eines Ohrenspezialisten in Breslau.
Ich erinnere mich noch genau an die Empfindungen dieser ersten Vollnarkose unter den Händen von Schwester Lara. Es ist nicht ihr wirklicher Name, aber aus Gründen, die nur mein chaotisches Unterbewub tsein weis, hat Doktor Schiwagos Lara dreib ig Jahre später in meiner Vorstellung so vollständig ihr Gesicht und ihre Formen angenommen, dab ich ihren Namen nicht mehr finden kann. Ich zählte zweimal bis zwanzig und konnte den Doktor schon deutlich an dem Knochen hinter meinem Ohr kratzen hören, ehe ich aufgab. Ich erwachte noch auf dem Operationstisch und hörte den Doktor sagen, dab es sich nur um Stunden gehandelt hätte, bevor die Entzündung ins Gehirn durchgebrochen wäre.
Für die nächsten zwei Wochen war ich Schwester Laras bevorzugter Patient in der, in einem wunderschönen Park gelegenen, Privatklinik, weit weg vom Trubel der Stadt. Jeden Tag wechselte Schwester Lara die Mullbinden, die der Doktor in das Loch hinter meinem linken Ohr gestopft hatte. Sie erzählte mir Geschichten, während wir zusammen Binden für ihre Patienten aufwickelten, und dreimal am Tag brachte sie mir die besten Sachen aus der Küche, die ich alle zu ihrer gröb ten Freude restlos aufab . "Ach," rief sie aus, "du bist mein bester Patient. Wie du ib t! Du solltest mal hören, wie die anderen an ihrem Essen herummäkeln!"
Ich erholte mich so schnell, dab ich, trotz eines ausdrücklichen Verbots das Bett zu verlassen - die Wunde könnte wieder aufplatzen - schon nach drei Tagen auf einen Stuhl klettern konnte, um an das Packet mit den Weihnachtsplätzchen auf dem Schrank in meinem Zimmer heranzukommen, die Grob mutter besonders für mich gebacken hatte.
In der zweiten Woche teilte ich ein Zimmer mit einem anderen Jungen. Er war kein guter Gesellschafter, dem armen Kerl hatten sie die Mandeln herausgenommen, er konnte nicht sprechen und durfte nur Eis essen. Mein Bett stand nahe beim Fenster, und so sah ich den Eichhörnchen und Vögeln zu, die in den tief verschneiten Bäumen herumhüpften. Grob mutter kam mich alle zwei Tage besuchen, und dazwischen kamen Vater und Onkel Fritz, Mutters ältester Bruder, den ich noch nie gesehen hatte und den ich besonders gern mochte, und brachten Geschenke, aber die gestärkte, weib e Bettwäsche und der himmlische Frieden ohne Geschwister hinterlieb en die stärksten Eindrücke.
Für weitere drei Wochen blieb ich bei Grob mutter, besuchte Tante Irmgard regelmäb ig zu Fub und durchforschte Breslau auf Schlittschuhkufen, die mir Vater gekauft hatte. Aus dieser Zeit stammen mein Kenntnisse der Topographie der Stadt, der Dominsel, der Kirchen, der Universität, des zoologischen Museums und der dampfenden Höllen des städtischen Hallenbades, wohin mich Vater geschickt hatte, um, wieder einmal vergeblich, das Schwimmen zu erlernen. Allein der Bademeister, ein zweihundert Pfund schweres Walrob , das mit einer langen Bambusstange vom Rande des Beckens die Bewegungen seiner Schüler dirigierte, war genug, um mir den ohnehin schon geringen Mut völlig zu nehmen, von dem abscheulichen Schweib gestank der alten Männer in den Dampfbäder ganz zu schweigen.
Ich schlief auf dem Sofa in Tante Gretes Wohnzimmer, in dem aub erdem auch Grob mutters kleiner Bücherschrank stand. Es war hier, dab ich heimlich, wenn die alten Damen ihren Nachmittagsschlaf hielten und Vater im Büro war, in "Meyers Conversationslexikon" - etwas, das es bei uns zuhause nicht gab - die anatomischen Details der weiblichen und männlichen Sexualorgane studierte, um ein für allemal die Gerüchte, wie Babies gemacht werden und wo sie herkommen, wissenschaftlich einwandfrei zu klären.
16.
Heute scheint es mir, als ob es in den Wintern meiner Kindheit immer Berge von Schnee gegeben hätte, eine wundervolle Welt, so wei
b wie die grob en Flecke in Urgrob vater Kieperts "Weltatlas von 1895", auf denen in grob en Buchstaben "Unerforschte Gebiete" geschrieben stand. - Er war Professor der Geographie in Berlin gewesen und hatte den Atlas verlegt, der heute als eine berühmte, geographische Antiquität für hunderte von Dollars gehandelt wird. - Ich wanderte auf meinen Schneeschuhen über die weib e Leere und träumte davon, dab ich mit Sven Hedin durch die Einöden Tibets zöge. Und ich gestehe, dab ich dieses kleine Spiel heute noch manchmal in der verschneiten Wüste Kaliforniens spiele, während ich all die Weile in mich hineinlache.
Die Famieliengeschichte behauptet, dab Vater mich bereits mit drei Jahren auf Schneeschuhe gestellt hätte. Ein winziges, altes Photo ohne Datum zeigt, wie er mir zwischen seinen langen Beinen auf viel zu langen Brettern das Rutschen lehrt. Ich erinnere mich nicht daran, aber 1938 waren meine Künste bereits gut genug, dab ich Mutter als Vaters Schibegleiter ersetzen konnte.
Vater hatte mir auf einer unserer Exkursionen in das benachbarte Sudetenland ein Paar "wirklich ernsthafte" Eschenschi gekauft. Sie reichten bis über meine Fingerspitzen hinaus - ich würde noch wachsen - hatten eine einfache Riemenbindung und keine Stahlkanten. Meine Kinder lachen heute über mein jämmerliches Können auf den Brettern, ich habe nie "Wedeln" oder "Sideslips" gelernt, Kunststücke, die man auf solch langen Dingern einfach nicht ausführen konnte. Dafür kann ich "Stemmbogen", "Christies" und "Schneepflug" fahren und die Berge hinauflaufen, wozu sie einen teuren Schilift brauchen in ihren steifen High-Tech-Schuhen.
Schilaufen wurde bald zu einem regelrechten Wettbewerb zwischen Vater und mir. Er hatte fünfzehn Jahre an Erfahrung voraus, aber ich entdeckte bald, dab meine Kleinheit ein grob er Vorteil war: Wo er vorsichtig den Berghang hinunterkrebsen mub te, da fuhr ich mit dem markerschütternden Schrei "Bahn! Bahn!" Schub . Ich wurde immer waghalsiger, und glaube, Vater hatte ebenso viel Freude an unseren gemeinsamen Unternehmungen wie ich.
Am Ostersonntag im März 1939 kletterten Vater und ich auf den Grob en Glatzer Schneeberg, den man, tief verschneit bis in den Mai hinein, 1294 m hoch, von unserem Haus aus im Osten sehen konnte. Und manchmal erscheint er mir noch heute so in meinen Träumen. Es war unsere erste, richtige Schitour zusammen. Der Tag war klar und die Sonne schien bereits ganz warm. In der Ebene war der Schnee schon fast verschwunden, und die ersten Frühlingsblumen blühten. Vater fuhr den alten DKW so weit den Berg hinauf, bis er stecken blieb, und dann liefen wir auf Schneeschuhen weiter, ohne Felle, drei Stunden bergauf bis zum Schneeberghaus.
Die Hütte war noch halb im Schnee begraben und voller Wanderer. Erschöpft fanden wir auf ihrem dampfenden Schindeldach einen Platz, wo wir für mehrere Stunden in der Sonne lagen und einen schönen Sonnenbrand bekamen. Die Hitze und das Schlafen auf dem dampfenden Dach des halb eingeschneiten Hauses hinterlieb en einen unauslöschlichen Eindruck bei mir, den erst das Baden im Winter in den heib en Quellen der kalifornischen Sierra übertroffen hat.
Ermutigt nahm mich Vater im Februar 1940 auf eine viel längere Schiwanderung ins Riesengebirge mit. Wir stiegen von Warmbrunn, diesmal ohne Bretter, ein Bergbauer brachte sie auf einem gehörnten Schlitten nach, zur Spindlerbaude hinauf, und von dort liefen wir für drei Wochen auf Schneeschuhen von Baude zu Baude. Die Bauden, verwitterte Holzhütten mit steilen Schindeldächern, in denen der Wanderer eine einfache Unterkunft und Essen finden konnte, ziehen sich noch heute auf beiden Seiten der Grenze die ganze Länge des Gebirges entlang. Mehrere Nächte schliefen wir "auf" der Wiesenbaude in einem Dachzimmer, in dessen Waschstand das Wasser jeden Morgen fror, aber die dicken Federbetten hielten uns warm.
Diese Wanderung war die lang erträumte "Expedition zum Ende der Welt", so aufregend wie irgendeine der Reisen Sven Hedins nach Tibet. Während des Sommers hatte ich Sven Hedins Berichte aus Chinesisch-Turkestan und Tibet gelesen: "Bis hierher und keinen Schritt weiter!" stand unter der Photographie einer wildbewaffneten Schar tibetischer Reiter. Ich hatte die Bände in Vaters Bücherschrank gefunden, und obwohl ihr Text so trocken ist wie der Sand der Wüste Taklamakan, verschlang ich jedes Wort. Ich wub te, weil Hedin es nicht geschafft hatte, dab ich eines Tages nach dem geheimnißvollen Lhasa würde reisen müssen!
Dieser uralte Traum Asien zu sehen - erbte ich ihn von meinem Urgrob vater Kiepert? - wurde der wahre Grund, weshalb ich 1956 nach Amerika ging! Gerhard und ich hatten all die Länder Europas durchwandert, Italien, Griechenland, Dalmatien, die Türkei, nach denen uns ein ähnliches Verlangen trieb. Wie konnten wir nach Innerasien kommen? Und vor allen Dingen hatten wir kein Geld.
Ein amerikanischer Freund, den wir mit dieser Idee angesteckt hatten, kam dann auf die geniale Idee, dab ich "zum Spab " nach den USA zum Studium kommen sollte, um dort das nötige Geld zu machen. Sein Vater besorgte mir ein Visum und alles war schon gerichtet, die Überfahrt war von geborgtem Geld bezahlt, ein Stipendium bei Harvard wartete - als ich Barbara im Februar 1956 auf einem Faschingsball in Göttingen kennenlernte. Ich wub te sofort, dab ich diese Frau und keine andere heiraten sollte. So verzögerte sich alles. Völlig überfordert, fiel ich durch eine der Prüfungen für mein Diplom in Göttingen und mub te sie nachholen: die Abreise nach Cambridge, das Visum, die Überfahrt und das Stipendium wurden bis zum Dezember 1956 verschoben. Aber Barbara willigte ein, mich zu heiraten, und im Sommer 1957 kam sie auch nach den USA. Wir heirateten fern von allen Verwandten in Cambridge. 1960 kam Susanne auf die Welt und aus dem "Studium zum Spab " wurde bitterer Ernst. Cornelius erschien 1965. In demselben Jahr bekam ich meinen Doktor - und einen guten Job.
Asien war weiter weg als je zuvor.
Für eine lange Zeit frab das tägliche Leben all meine frivolen Träume, aber der alte Traum von Asien wollte nicht weggehen. Ich las alles, was ich finden konnte: von Steins Berichte, die Tagebücher von Le Coq und die unvergleichlich romantischen Geschichten Alexandra David-Neels. Bald kannte ich Innerasien und Tibet so gut wie irgendeiner, der nie dort gewesen war.
Dann kam mir das Schicksal, auf dem Umwege einer zweimonatigen, wissenschaftlichen Einladung in die Sowjetunion, zu Hilfe. Meine grob e Chance war da, und mit rücksichtloser Unverschämtheit versuchte ich die sowjetische Akademie zu überreden, mich nach Taschkent und Samarkand zu schicken - mit der halben Finte, dab ich dort physikalische Institute besuchen würde. Man lachte in Moskau, aber man hatte volles Verständnis für meine Träume und lieb mich fahren. So kam ich 1977 zum erstenmal nach Innerasien, in den, für gewöhnlich, unzugänglichsten Teil. Einen irrsinnig heib en Tag lang wanderte ich mutterseelen allein durch die Märkte und die timurischen Ruinen Samarkands. Alles war noch wunderbarer als erwartet.
Sechs Jahre später warb die chinesische Akademie um meine Hilfe bei einem technischen Problem. Ich versuchte denselben Trick, mub te aber bald erfahren, dab meine chinesischen Kollegen in Beijing keinerlei Verständnis für Reiseträume hatten und schon gar nicht nach ihrem gefährlich unruhigen Hinterland Tibet und Singkiang-Turkestan. So versuchte ich es, nachdem ich meine Vorträge gehalten hatte, auf eigene Faust. Ich kam bis zu dem tibetanischen Kloster Kumbum, in dem Alexandra gelebt hatte und zu von Steins Höhlen in Dunhuang am östlichen Rande der Wüste Taklamakan, aber die Strab en, die von beiden Orten nach Lhasa gehen, wurden von chinesische Soldaten mit Maschinenpistolen besetzt gehalten anstelle der, inzwischen vergewaltigten, tibetanischen Reiterei. Die Devise war, allerdings aus anderen Gründen, noch immer dieselbe: "Bis hierher, und keinen Schritt weiter!"
Immerhin hatte ich es nun wirklich bis an die Grenzen Tibets geschafft. Die Aussichten nach Lhasa zu kommen, wurden von Jahr zu Jahr besser: Bald strömten wohlbetuchte Touristen nach Tibet. Es wäre ein leichtes gewesen, es einem amerikanischen Freund nachzumachen, der sich schlieb lich einer Reisegruppe anschlob , um Mount Everest "von hinten" zu sehen - aber das war nicht nach meinem Geschmack, und für die vierwöchentliche Reise hatten ihm die Chinesen rund 5000 Dollar abgenommen!
Ich habe es noch zweimal versucht, in das verbotene Land zu kommen, 1986 mit Cornelius von Nepal aus - die chinesische Botschaft erteilte keine Visa für Einzelreisen - und ein zweites Mal mit Barbara 1989 von Hongkong aus. Diesmal verdarben mir die Tibeter meine Pläne, sie übten just in diesem Augenblick den Aufstand gegen ihre chinesischen Unterdrücker.
Ich bin nicht hingekommen.
Aber Cornelius schaffte es im Spätsommer 1990. Er wanderte von Pakistan über den Karakorum nach China und fuhr schlieb lich von Dunhuang aus, mit dem normalen Bus nach Lhasa. Aber er sprach inzwischen gut Chinesisch und hatte viel Zeit und noch mehr Glück.
Sollte ich nun, nach vierzig Jahren, Amerika verlassen, ohne in Tibet gewesen zu sein? Ob Cornelius mit seinem Pappi dort noch einmal hinfahren würde? Oder soll ich den alten Traum als überholt abschreiben, es ihm überlassen, die Suche nach dem heiligen Gral fortzusetzen?
Ich mub mit ihm darüber reden.
17.
Jedesmal wenn Vater nach Hause kam, brachte er einen Berg geheimnisvoller Packete mit, die er in einem Wandschrank im Schlafzimmer einschlo
b . Wir waren natürlich schrecklich neugierig, was er wieder gefunden hatte, denn aus diesem Schrank "zauberten" die Eltern Geschenke für Weihnachten und unsere Geburtstage hervor. Die Strafe für "Lochern", das heib t "Durchs-Schlüsselloch-sehen", um herauszufinden, was wir zu diesen Festen bekommen würden, war, dab das gesehene Objekt verschwand und im Ende eben nicht auf meinem Tisch lag - oder noch schlimmer, auf dem meines Bruders. So habe ich nur einmal ganz heimlich in diesen Schrank gesehen und niemandem etwas davon erzählt. Mein Geburtstag war regelmäb ig mein Höhepunkt des Jahres, an ihm brauchte ich weder die Geschenke noch der Erwachsenen Aufmerksamkeit mit meinen Geschwistern zu teilen, es war mein Tag allein. Wir feierten ihn immer unten in Vaters Zimmer. Entweder waren die Geschenke auf seinem Schreibtisch vor dem Fenster oder vor dem Bücherschrank aufgehäuft: Die Mitte bildete ein schlesischer Streub elkuchen, der von Kerzen umringt war, eine für jedes Jahr, nicht die dünnen, amerikanischen, die heute in Mode sind, sondern richtige, dicke Kerzen, die dann auch für eine Stunde brannten. Daherum lagen die Geschenke, sorgfältig verpackt in bunten Papieren. Ein Jahr, es mub September 1941 gewesen sein, als ich 10 wurde, war der Berg der Geschenke so grob , dab er vom Tisch ins Zimmer überlief: Ein richtiges Jagdhorn, ein Baukasten mit Balsaholzteilen und Spannpapier für ein Modellsegelflugzeug, das nie flog, ein anderer für ein naturgetreues Modell von Kolumbus' Flagschiff "Santa Maria", das aus Holzplatten ausgesägt und verleimt werden mub te, ein riesiger, wirklich gefährlicher Sportbogen mit zugehörigen Pfeilen, den ich kaum spannen konnte, mit dem ein Erwachsener hätte Hasen erlegen können, und Bücher and nochmals Bücher. . . Ich brauchte Stunden, selige Stunden um alles auszupacken. Bücher wurden mein kostbarster Besitz. Mutter hatte mir einen Schrank auf der Veranda eigeräumt, in dem ich meine "Bibliothek" versteckt halten konnte. Zu der Zeit gab es darin neben vergessenen Kinderbüchern, die mir lieb waren, die Sven Hedin Bände aus meines Vaters Bücherschrank, einen dicken Lederstrumpf und Gerstäckers Geschichten aus dem Nordamerika des letzten Jahrhunderts. - Meine Eltern hatten etwas gegen Karl May, Vater begründete dieses ziemlich strikte Gebot damit, dab Karl May nie einen Indianer gesehen hätte, und nur fantasiere, aber Mutter, näher der wirklichen Ursache, behauptete er wäre "schmierig" gewesen, - sie meinte damit, dab er ein Homosexueller gewesen wäre. Jedenfalls mub ten wir uns Karl May von unseren Freunden borgen und ihn heimlich lesen. Dann brachte mir Vater, als er mein Interesse an Physik bemerkte, alle seine Kolleghefte aus seinen Universitätsjahren in Breslau und schenkte mir ein Buch über Elektrizität und eines über Radiowellen, die ich immer wieder las, bis ich sie beinahe auswendig kannte.
Zu Weihnachten 1942 schenkte mir Vater ein Buch., das mir schlieb lich lieber wurde als alle anderen Bücher. Der weinrote Pappeinband zeigte einen Adler der deutschen Luftwaffe, der anstatt des normalen Hakenkreuzes einen Ölzweig in den Fängen hielt. Darunter der lapidare Titel "Griechenlandbuch."
Es war ein merkwürdiger Fund. Auf blütenweißem Papier berichteten zwei junge Soldaten von den homerischen Erlebnissen, die sie, unbewaffnet und allein, während einer zweimonatigen Wanderung durch das hungernde, von Partisanen verseuchte, gerade erst eroberte Griechenland, gemacht hatten.
Im Text verstreut waren Zeichnungen der Landschaft, der Heiligtümer und manchmal auch der Menschen, die sie gesehen und getroffen hatten. Atemberaubende, hauchdünne Linien, die das Meer, Berge, Ölbäume, alte Tempelreste und Kirchen gerade eben andeuteten. Nichts schien verborgen, nichts war überflüssig, keine Schatten, transparent bis zur Durchsichtigkeit, und über allem, hinter allem, durch alles hindurch das Licht, das gnadenlose Feuer der griechischen Sonne.
Der Text war von einem Unbekannten, Erhard Kästner, die Zeichnungen von Helmut Kaulbach. Der Kommandeur der Luftstreitkräfte in Südosteuropa hatte die beiden beurlaubt und ausgesandt, dieses Buch zu schreiben, als Weihnachtsgeschenk für seine Soldaten. Eine Liebeserkärung an das unterjochte Land in der Mitte eines totalen Krieges, ein seltsames Buch.
Vater tat, in diesem dunklen, hoffnungslosen, ersten Rub landwinter etwas, was er sonst nie tat, er las uns aus diesem Buch vor, und es war damals, dab ich mich zum erstenmal in Griechenland verliebte.
Ich trug dieses Geschenk für zehn Jahre mit mir herum, von der Klarheit und dem Licht betroffen, die Kaulbachs Zeichnungen versprachen. Es war das einzige meiner Bücher, das ich mitnahm, als wir 1946 aus Schlesien vertrieben wurden. Ein Freund, dem ich es später in Göttingen lieh, hat es schließlich verloren.
Ich habe wieder, beim Schreiben dieser Zeilen, viel über Vater nachdenken müssen. Wer war dieser Mann, den zwei seiner Söhne so mab los hab ten, dab sie ihr Leben dadurch zerstörten, - jedenfalls meine ich das Schicksal von Gerhard und Dieter so zu sehen.
Gerhard starb 1981 in Los Angeles, an Nierenkrebs. Bis zu seinem Ende verbat er sich den Besuch seiner Eltern, und sie kamen auch nicht zu seinem Begräbnis. Dieter lebt in Berlin, seit 40 Jahren ein Opfer von Bechterew, einer schleichenden Verkrüppelung der Wirbelsäule. Er mied seine Eltern, als sie noch lebten, und redet freiwillig mit keinem seiner Geschwister.
Ich habe Vater nie so geliebt, wie ich meine Mutter liebte. Ich habe ihn auch nicht bewundert, er war der perfekte Anti-Held. Er betrachtete sich selber als ein physischer und spiritueller Schwächling, der Mutter hauptsächlich geheiratet hatte, damit sie bei seinen Kindern seine Schwächen ausgliche: seine Kurzsichtigkeit, die ich erbte, seine Unpraktischkeit, die seine beiden anderen Söhne erbten, und seine Ungeschicklichkeit mit Menschen, die wir alle vier erbten. Er war ein myopischer Theoretiker, der schon lange vor Hitler die elitären Rassentheorien eines Steward Houston Chamberlain und Gobineau bewunderte. Er glaubte wirklich, dab man Menschen "züchten" könnte, wie die Tiere und Pflanzen, mit denen er zu tuen hatte.
Und trotzdem gabe es viele Jahre, in denen mich eine ganz besondere Kameradschaft mit Vater verband. Er biederte sich nie an. Nahezu alle meiner Interessen in den Naturwissenschaften, in Geographie, in Kunst und selbst in Musik gehen auf Vaters Anregungen zurück. Er gab mir seine Querflöte, mit deren Hilfe ich mir die Musik eroberte, und die Bücher, die einen vielseitigen Wissenshunger in mir entzündeten, der nie nachgelassen hat. Ich lernte durch ihn mehr als von allen meinen späteren Lehrern zusammen.
Später nach 1946, in den schlimmsten Jahren, in denen unser Familieleben fast völlig zu Bruch ging, und ich mich von meinen Eltern absetzen mub te um überleben zu können, gab es eine lange Periode schrecklicher Spannungen zwischen mir und Vater. Ich mub te wohl auch aus diesem Grunde so weit weglaufen von zuhause. Ich habe schlieb lich diese Schwierigkeiten bei mir überwunden, und Vater und ich fanden, nicht zuletzt unter Barbaras klugem Einflub , sogar ein erwachsenes Verhältnis zueinander.
Warum konnte dies keiner meiner Brüder erlangen?
Ich habe immer gedacht, dab wir vier Kinder von beiden Eltern ungewöhnlich "demokratisch" gleich behandelt wurden. Mutter, wenn einer etwas ausgefressen hatte, schlug uns, einfachheitshalber vermute ich, immer alle drei - Dieter war zu klein. Und ich bekam ihre lose Hand immer zuerst zu fühlen, weil ich der Älteste war und vernünftiger als meine Geschwister sein sollte - wohl auch weil ich meist der Rädelsführer war - Gerhard war ja so lieb und unschuldig, er frab nie was aus, und Tine war ein Mädchen.
Meine Geschwister sind darin anderer Meinung.
"Da gibt es viele Gründe, die du bei deiner angeborenen, egoistischen Kurzsichtigkeit nicht siehst," sagt Christine, die bis zum Hals im Wasser von Stanley Bay sitzt, weil Hongkong so entsetzlich heib war im September 1983, als ich sie dort besuchte.
"Du warst der älteste. Du hast uns unterdrückt. Du warst immer Mutters bevorzugtes Kind. Deine Frau ist unserer Eltern Lieblings-Schwiegertochter. Deine Kinder sind für sie immer besser als unsere gewesen. Du warst der älteste. Du versuchst uns immer noch zu dominieren. Mutter hat dich grenzenlos verwöhnt. Deine Frau ist eine b. . . . !" - Sie gebrauchte ein unaussprechliches englisches Schimpfwort.
Als sie mit ihrer Litanei so weit gekommen war, wurde ich verständlicherweise böse - dabei liebe ich diese Schwester sehr: "Ich ertränke dich gleich mit meinen eigenen Händen. Du hast Barbara zweimal in deinem Leben gesehen, was weib t du von ihr! Lab wenigstens sie aus dem Spiel."
"Ha!" trotzte sie auf, "Barbara, die schmeichelt sich überall ein. Die ist falsch! Du brauchst ja blob ihre Briefe zu lesen."
Ich stopfte sie tatsächlich gurgelnd und prustend unter die Wasseroberfläche - aber so weit ihre Anschuldigungen mich betreffen, hat sie, jedenfalls aus ihrer Sicht, leider bis zum gewissen Grad Recht - aber all dies ist so unendlich viel komplizierter. - Was ich erst viel später herausfinden sollte.
Barbara nahm ich ein paar Jahre später, auf unserer letzten Reise nach Indien, mit nach Hongkong. Christine protestierte zuerst ein wenig, aber sie ist eine ehrliche Frau, die auch manchmal, wenn sie will, über ihren Schatten springen kann. Beide wurden sehr schnell die besten Freundinnen - und zogen dann gemeinsam gegen mich los. Aus einer, mir rätselhaften Lapalie, die mit einer deutschen Freundin Christines in Hongkong irgendetwas zutuen hatte, fiel ich durch eine verborgene Falltür bei Tine in den Schuldturm, wo ich für zwei Jahre im im Dunkeln sab . Sie beschuldigte mich sogar, dab ich "keine Seele" besäb e, was mir natürlich sehr weh tat.
Dann geschah ein Wunder, mit noch immer unvorhersehbaren Folgen. Ich hatte Christine einen Bericht von einer Reise nach Griechenland geschickt, in dem ich versucht hatte, meine Gedanken über dieses Land, und was ich dort alles über mich gelernt hatte, von der Seele zuschreiben: Mein "Griechenlandbuch". Andere Menschen, die diese mythologischen Ideen gelesen hatten, fanden den Text befremdend oder zu persönlich, von Christine aber kam ein Brief, in dem sie mir nicht nur meine Seele wieder zuerkannte, sondern auch den unerhörten Wunsch aussprach uns besuchen zu wollen. Sie müb te unbedingt mit mir reden. Ich habe mich selten so sehr auf jemanden gefreut, wie auf sie und ihren Besuch. - Dazu mub gesagt werden, dab Barbara und ich sie über dreib ig Jahre hin, immer wieder zu uns eingeladen hatten und sie jedesmal unzweideutig und ohne zu danken abgelehnt hatte.
Als sie dann kam, allein und ohne ihren Mann, hatte Barbara es so eingerichtet, dab sie auf einer ihrer Touristenreisen war. Ich hatte meine Schwester für zwei Tage ganz für mich, und in diesen zwei Tagen geschahen viele seltsame Dinge.
Das erschütternste Erlebnis aber war, dab Christine auf unserer Kommode ein ganz charmantes Photo meiner Mutter entdeckte, aufgenommen im Jahr vor ihrer Heirat, das mir Brigitte kurz zuvor geschenkt hatte, und einen aub erordentlichen Hab anfall gegen meine Mutter bekam: "Ich hasse diese Frau, sie ist mein böser Geist. Sie verfolgt mich seit Jahren immer wieder in meinen Träumen. Tu das Bild weg!"
Ich war fassungslos und steckte das Bild protestierend in eine Schublade.
Nachdem sie sich etwas gefab t hatte und meine Bestürzung sah, sagte sie: "Wirklich, du hast keine Ahnung, mit was für Gespenstern ich lebe, oder wie grausam Mutter unseren Vater und mich unterdrückt hat."
Ich sab schweigend da, zu benommen, um etwas zu unternehmen, und nach einer Weile fuhr sie fort: "Ich werde dir eine Geschichte erzählen, von der du nichts weib t. Du erinnerst dich an den Tag, an dem 1946 die Frau von der polnischen Wohnungskommission das erstemal zu uns auf die Strab e kam um Leute auszuwählen, die ausgesiedelt werden sollten. Wir hatten nichts mehr zu essen und Mutter ging zu ihr auf die Straße und bettelte, dab sie uns mit dem ersten Transport wegschicken sollte. Die Frau erklärte, dab keine Hoffnung auf eine Aussiedlung bestünde, da Vater eine für die Bevölkerung lebensnotwendige Arbeitsstelle inne hätte. Er arbeitete in einer Holzhandlung.
Mutter brach in Tränen aus und machte Vater die hysterischsten Vorwürfe, dab er die Schuld trüge, wenn wir in Habelschwerdt bleiben müb ten; er solle sofort zu dem Besitzer der Holzhandlung gehen und seine Entlassung fordern.
Nun war es aber spät geworden, und es war gefährlich für Erwachsene nach Beginn des Ausgehverbots auf der Strab e aufgefunden zu werden. So schickte sie mich als Beschützerin mit Vater auf den Weg zu den "Bureaux" der Holzhandlung hinter der Feuerwehr. Du erinnerst dich sicher an das merkwürdige Schild mit der für uns rätselhaften französischen Bezeichnung.
Vater hat den ganzen Weg geweint: "Ich kann doch nichts dafür. Wenn ich diese elende Arbeit nicht hätte, hätten sie mich schon lange totgeschlagen. Wie kann Mutter mich blob so grausam beschuldigen. Und wenn sie uns jetzt hier finden und uns verhaften. Du bist doch noch viel zu jung dafür." Wir bekamen das Entlassungspapier und kamen heil nach Hause.
Rolf, ich kann meinen weinenden Vater nicht vergessen, dies war der schrecklichste Tag meines Lebens."
Die ganze Tiefe dieses Geständnisse nicht im entferntesten ermessend, fasziniert von ihrer Geschichte und ihrem Erinnerungsvermögen an Dinge, von denen ich wirklich nichts wußte, schlug ich ihr zum vierten Male vor, mit mir nach Habelschwerdt zu fahren. Aber der Moment ihrer Offenheit war vorbei. Beschämt zog sie den Vorhang wieder zu und sagte leicht flirtend: "Um Gottes Willen, ich hab dir das schon mehrmals gesagt: Nach Schlesien reisen, und für drei Wochen mit Dir in demselben Hotelzimmer zu leben? Bist du verrückt, was würden die Leute denken?" - Was so offensichtlich ein Wortspiel war, dab ich mich leicht verletzt zurückzog.
So überredete ich Irmgard, meine Hand zu halten auf meiner Reise nach Habelschwerdt.
Trotzdem fühlte ich, dab es meine Aufgabe war für Christine mitzusehen. Sie ist eben inzwischen die einzige Person, die sich an diese Zeit erinnern kann. Ich verbrachte mehrere Stunden damit, Photos von all den Dingen zu machen, von denen sie mir erzählt hatte, die Volksschule, die Feuerwehr, den Schlachthof, das Wasserwerk und die fatalen Bureaux. Das Haus steht noch und einer von den zwei Kastanienbäumen davor auch, aber das Schild ist verschwunden und die Pferdeställe ebenfalls, aus denen wir mit dem kleinen Handwagen Pferdeäpfel, "kalter Mist", für die Erdbeerbeete holen mub ten, eine entehrende Aufgabe.
Und ich traf Vater auf der Strab e, der noch immer weinend seinen Kreuzweg geht, die elfjährigen Christine an seiner Hand, bis sie ihn eines Tages erlösen wird, indem sie ihrer Mutter vergibt.
18.
Als ich schlie
b lich nach Pacific Palisades zurückkam, voller Eindrücke und Mitteilungsnot, glücklich, dab ich meine Gespenster los war, rief ich Christine in Perth an.
Katie war ausnahmsweise am Telephon und rief ihre Mutter: "Es ist Rolf, er will mit dir sprechen."
Tine nahm den Hörer auf und redete mit ungeheurer Geschwindigkeit und ohne Unterbrechung auf mich los: "Du bist es! Warst Du in der Wustung? Nein? Mein Gott, was hast du dir denn angesehen? Die Wustung ist ein so wichtiger Platz für mich. Du weib t nicht wo sie ist? Im Weib tritztal natürlich. Ich habe den Namen des Ortes vergessen. Dort hat mich meine Mutter stehen lassen und nie wieder abgeholt. Ich war doch noch ein Kind. Nein, nein es war in Wirklichkeit nicht so, glaube ich, aber der Traum war genauso schrecklich, als ob er Wirklichkeit wäre. Ich wachte in Schweib gebadet auf, und ich war ganz allein, da war kein Mensch, der mir helfen konnte. Wart ihr in Spätenwalde? Ist der Hof noch da, in dem Vater 45 lebte? Nein. Und die schöne Holzkirche, ist die noch da? Seid ihr auf dem Sigritz gewesen, du weib t, dort wo wir Häuser im Wald bauten? Nein? Wie schade. Hast du das Buch gelesen, das ich dir schickte, von einem griechisch-australischen Mädchen geschrieben, die nach Griechenland zurückging und für ein Jahr in dem Dorf lebte, in dem sie geboren wurde? Sie wird von den vereinten Gespenster ihrer Eltern, Grob - und Urgrob eltern verfolgt. So geht es mir, glaub ich. . . ."
Sie redete weiter ohne Unterlab , und immer wenn ich versuchte ihren Redeschwall mit einem Wort zu unterbrechen, blieb der Telphonverstärker weg und keiner von uns konnte irgendetwas hören. Schlieb lich rib mir die Geduld, und ich schrie in den Apparat: "Dies ist mein Telephongespräch. Ich bezahl es, und ich trage nun seit drei Wochen mit mir herum, was ich dir zu sagen habe. Shut up!"
"Huff! - Huff!" sagte sie und schwieg für einige Sekunden.
"Nun hör mal zu, ich war in Spätenwalde, die Landschaft ist wundervoll, und die Kirche, von der ich nichts mehr wub te, ist in bestem Zustand. Ich bin unseren Schulweg gegangen, der hat sich sehr verändert. Die Germania vor der Schule, hinter der du immer Pipi gemacht hast, ist weg, aber die Schule steht noch. Ich habe die Bureaux gefunden und die Sparkasse im Rathaus. Ich bin in unserem Haus gewesen und habe mit den Leuten geredet, die jetzt dort wohnen."
Sie unterbrach mich: "Unser Haus ist mir egal, da möchte ich nie wieder hin. Aber warum warst du nicht in der Wustung?"
Ich war sehr nahe daran, das Telefon in Verzweiflung aufzuhängen: "Warum bist du nicht mitgefahren, wo du dich an alles so genau erinnerst. Ich habe dich viermal gefragt, und du hast mich immer angehaucht, Big Brother, mit dir reis' ich nicht, und jetzt kommst du mir mit all diesen verrückten Fragen nach Plätzen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann."
Sie schwieg erschöpft für ein paar Sekunden, dann sagte sie traurig: "You are stupid. Das hatte mit dir gar nichts zu tuen. Ich habe Angst dorthin zu fahren. Meine Gespenster würden mich umbringen."
Jetzt schwiegen wir beide.
"Lab uns aufhören," sagte sie, "das Gespräch kommt dich ohnehin schon schrecklich teuer."
"Sag mal," mub te ich nun doch noch fragen, "ich habe von dir für beinahe sechs Monate nichts gehört, wie geht es dir?" .
Sie begann zu weinen am anderen Ende. "Warum mub t Du das fragen? Es geht mir entsetzlich. Mein Schilddrüse hat praktisch aufgehört zu funktionieren, und ich oszilliere zwischen exaltierten Anfällen - wie jetzt - und tiefen Depressionen hin und her, je nachdem, was mir die Ärzte eingeben."
19.
Im Herbst 1941, nachdem ich für Monate darum gebettelt hatte, erlaubten mir meine Eltern dem "Jungvolk", der jüngsten Gruppe der Hitler-Jugend, beizutreten, und so wurde ich ein "Pimpf".
Mein antiquarisches deutsches Wörterbuch von 1936 hat noch keine Eintragung für den Begriff "Pimpf", aber ich finde darin "Pimpe", eine Rotznase, "Pimpel", ein Pickel im Gesicht und "pimpeln", jammern oder winseln, so da
b ein Pimpf eine "jammernde Rotznase mit Pickeln im Gesicht" gewesen sein müßte, bevor er zum Klein-Hitler-Junge aufstieg. Der Pimpf scheint also erst irgendwann nach 1936 dem Kopf Unseres Großen Führeres entsprungen zu sein, komplett im Braunhemd, rotem Armband mit Hakenkreuz auf weib em Rund, einem schwarzen Halsband mit Lederknoten und einer kurzbeinigen schwarzen Cordhose, die von einem Bauch- und einem Schulterriemen aus schwarzem Leder hochgehalten werden mub te. Eine getreue Kopie seines Idols nur eben mit nackten Knien, die böse, letzte Inkarnation der zweifelhaften Jünger des Generals Baden-Powell. Später, wenn der Pimpf achtzehn wurde, und er unter dem feierlich Eid, Gutes und nichts als Gutes zu verüben für Führer und Vaterland, und unter viel Armheben in die Ha Jot aufgenommen wurde, erlaubte man ihm endlich mannslange Breeches und militärische Stiefel anzuziehen, sein grob er Tag.
Ich hatte die Vorstellung, dab die Pimpfe eine Art Indianer und Chiefs sein würden mit Wanderungen, Kriegsspielen, Draub enschlafen und schwarzen, grob en Kochtöpfen im Zeltlager, - der Wandervogel der Neuen Zeit unter der Hakenkreuzfahne.
Es wurde eine unmittelbare Ernüchterung.
Anstelle von Geländespielen im Wald hatten wir einmal in der Woche für drei Stunden "Dienst" in einem staubigen, dunklen Keller in der Aufbauschule. Die einzige Gelegenheit um "draub en" zu sein kam, wenn einer von uns "Anfängern" eine der vielen kleinen Regeln verletzt hatte, und unser sadistische Gruppenführer den Verbrecher im Schulhof auf allen Vieren "den Staub bzw. den Schnee fressen" lehrte. Und ich, widerspenstiger, frecher "Sohn-besserer-Eltern" mub te eine disproportionale Quote solcher Übungen über mich ergehen lassen.
Aber am Ende dieses Winters gab es kein Zurück mehr, der Dienst in der Hitler Jugend war "Pflicht für jeden jungen Deutschen" geworden. Es gab kein Gesetz mit einer derartigen Anordnung, aber es gab auch keine Frage, dab Eltern, die ihre Kinder der Ha Jot vorenthielten, für ihr asoziales Verhalten mit "erheblichen Schwierigkeiten in ihrem weiteren Leben" würden büb en müssen. Was die Strafe sein würde, wurde nie gesagt, aber jeder wub te was gemeint war.
Mit der Zeit resignierte ich und brauchte danach nicht mehr ganz so viel Dreck zu schlucken. Wenn wir nicht im Strammstehen und Marschieren gedrillt wurden, lehrte uns der Gruppenführer Lieder, dutzende alter Volkslieder aus "Des Knaben Wunderhorn", neuere die aus dem Wandervogel kamen, wie Walter Flex's schwermütiger, neoromantischer Kitsch, bei dem meinen Eltern die Tränen kamen, und "Lieder der Bewegung", aus den "Kampfjahren" der SA. Eine gefährliche Mischung. Aber wir glaubten immer noch ehrlich mit Goethe: "Wo sie singen, lab t euch nieder, böse Menschen kennen keine Lieder."
"Ein Lied!" Wir marschierten in geschlossener Formation, zu dritt nebeneinander, im Gleichschritt die Adolf-Hitler-Strab e, alias Bahnhofsstrab e hinunter: "Schwarzbraun ist die Haselnub , schwarzbraun bin auch ich, schwarzbraun mub mein Madel sein , geradeso wie ich . . ."
"Nach vorne hören!"
"Ihr Flaschen seid aus dem Tritt. Links, zwei, drei, vier."
"Rechtsschwenk Marrrrsch!"
"Gerade aus!"
"Abteilung halt!"
"Achtung! So gehts nicht, noch einmal!"
Ein neues Lied! - Bei der Begräbnisfeier für einen gefallenen Helden, der irgendwo im Schnee in Rub land vermoderte. Bewegungslos, ohne mit der Wimper zu zucken, standen wir stramm, die Fahne in der Hand neben dem Sarg, - der leer war. Langsam wuchs der letzte Trommelwirbel zum Crescendo, und einer Welle gleich, brach der unvergessene Walter Flex aus: "Wildgänse rauschen durch die Nacht in stetem Flug nach Norden. Uns steht die Wacht, habt acht, habt acht, die Welt ist voller Morden. . . "
Immer das alte Lied! Mit erhobenem Arm vor dem schwarzen Loch eines Lautsprecher, aus dem, von Heils und Marschmusik umrahmt, Seine magisch körperlose Stimme die Masse des schweigenden, grauverhärmten Volkes anschrie. Wenn Er geendet hatte, sangen wir stets das Horst-Wessel-Lied: "Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen, SA marschiert in ruhig festem Tritt. . ."
Und noch einmal dasselbe Lied! In der Nacht vor dem Weltuntergang mit Fackeln in der Hand an Unseres Führers letztem Geburtstag: "Es zittern die Morschen Knochen der Welt vor dem grob en Krieg, wir haben die Ketten zerbrochen . . ."
Das letzte Lied sangen wir am bitteren Ende, mit Tränen in den Augen, zu Haydns Musik, die schöne, mib verstandene, mib representierte Nationalhymmne: "Deutschland, Deutschland (wir lieben dich) über alles, über alles in der Welt. . ."
Wie diese Lieder an der Seele kleben, - wie brauner Leim.
Vor ein paar Jahren erlitt ein deutscher Bekannter, ein alter Mann, in Los Angeles einen Schlaganfall. Er hatte sein Englisch vergessen, er konnte nicht mehr sprechen, aber singen konnte er noch, mit einer krächzender Stimme, auf Deutsch, - die Lieder der Bewegung. . . .
Im dritten Jahr meiner Pimpfschaft begann ich mich für die Ha-Jot zu erwärmen: ich wurde befördert, zum Scharführer, dem niedrigsten Führerrang, und vor dem ganzen Fähnlein mit einer roten Kordel behängt, die vom Schulterstück bis zum dritten Knopfloch von oben reichte. Es war eine grob e Ehre für mich. Von da an durfte ich rechts vorn neben meiner Gruppe marschieren, auch erwarb ich damit das offizielle Recht, dienstschwänzende Mitpimpfe zuhause einzusammeln. Unter dem Schutz meiner Scharführeruniform konnte ich ungestraft in die Armenhäuser auf der Flurstrab e eindringen, um dort meine langjährigen Widersacher in ihren Verstecken auszuheben.
Jetzt fiel das Amt, meine Schar auf dem Schulhof zu exerzieren, auf mich. Man gab mir sogar ein besonderes Training, um meine vorpubertäre Stimme zu stärken und markiger zu machen. Und bald zollte mir die Führung des HJ-Bannkreises die lang ersehnte Aufmerksamkeit.
Im Herbst zog man mich in ein besonderes Traininglager ein, das vielversprechende, junge Pimpfe für die National-Politische-Lehranstalt, kurz NAPOLA, auswählen sollte, um dort aus ihnen Männer der obersten Parteiführung zu machen. Ich war gerade elf geworden.
Dies wurde das einzige Lager meiner HJ-Zeit. Wir wurden schonungslos herumgescheucht, mub ten allerlei Mutproben bestehen, und selbst in der Nacht wurden wir noch durch geplante Überraschungen der Lagerführung aufgeschreckt. Ein Junge kam, nach seiner Mutter heulend, in mein Bett gekrochen. Einen anderen ertappte man dabei, wie er nachts ins Waschbecken pib te. Er wurde am nächsten Morgen vor ein "Kriegsgericht" gebracht und vor versammelter Mannschaft vom Gruppenführer nackt verprügelt.
Am dritten Tag kippte ich hilflos kotzend um.
Trotzdem kam ich nach Hause zurück, beseelt von dem Wunsch auf die NAPOLA zugehen.
An einem grauen Sonntagmorgen, zwei Wochen später, erschien der Bannführer persönlich bei uns zuhause in seinem langen Mantel - wie man sie heute noch auf alten Bildern aus dieser Zeit bewundern kann - die volle Sonntagsuniform darunter, seinen "Blutdolch" am Gürtel dängelnd, verlangte er meinen Vater zu sehen. Sie verschwanden in Vaters Zimmer. Eine Stunde später verlieb das hohe Tier unser Haus, und ein besorgt aussehender Vater eröffnete mir, dab er entschieden hätte, dab ich nicht zur NAPOLA gehen würde.
Ich fühlte mich öffentlich gedemütigt und betrogen.
Vater nahm mich auf einen langen Spaziergang mit und erklärte seine Entscheidung damit, dab ich dort keinen Religionsunterricht bekommen und gänzlich von jeglichem Familieneinflub abgeschnitten sein würde. Er gab zu, dab diese Entscheidung Konsequenzen für meine und möglicherweise noch schlimmere für seine Zukunft haben könnte, aber er würde trotzdem zu seinem Entschlub stehen.
Der Bannführer befahl mich noch einmal, hinter meiner Eltern Rücken, allein in seine Dienststelle, und versuchte mich zu überreden, "aus eigenem,freien Willen" der NAPOLA beizutreten. Aber trotz meiner schlackernden Knie, stimmte ich - überrascht von meiner eigenen Courage - für meinen Vater.
Zwei Monate später wurde ich irgendeines albernen Ungehorsams wegen degradiert und vor dem versammelten Fähnlein meiner Scharführerkordel beraubt.
Dies geschah im Spätsommer 1944. Ich wanderte für Wochen in chronischem Trübsinn herum und verlor alles Interesse an den Pimpfen. Schlimmeres wurde mir durch "Kohlenklau" erspart - oder sollte ich besser sagen durch meine Mutter?
Dies war der apokalyptische Winter "Unseres Siegreichen Rückzugs" aus Rub land und des ersten Auftauchens von "Kohlenklau" an der Heimatfront. Wochen bevor jemand wub te, was dies nun wieder bedeutete, tauchte die schwarze Silhouette eines auf Hauswände und Fensterscheiben gemalten,einäugigen Mannes auf, der, eine Mischung aus Verbrecher und Sherlock Holmes, einen tief in die Augen gedrückten Hut und einen hochgeschlagenen Mantelkragen trug. Später wurde dann bekannt, dab der Charakter einen Namen hatte: "Kohlenklau", und dab er uns unsere letzten Vorräte an Kohlen und Kartoffeln stahl.
Die Gerüchtsmühlen krächtzten und lachten über diesen Teufel und bald zirkulierte der schöne Witz, dab "Kohlenklau" durch die Achtsamkeit der Bevölkerung im Ruhrgebiet gefab t worden und seine Identitat entlarvt worden wäre: Es wäre niemand anderes als der Spaghetti-Duce, Benito Mussolini.
Im November aber schickte uns die Kohlenklau-Kampagne in die Dörfer, die Kartoffelernte einzubringen. Zwei Wochen lang rutschten wir für acht Stunden auf den Knien durch den nassen Dreck hinter einer Kartoffelschleuder und einem polnischen Kriegsgefangenen her, der anstelle des eingezogenen Bauern, das Pferd führte. Während der Mittsagspause ritt mich der Teufel - oder war's "Kohlenklau" - ich kitzelte den schweren Belgier mit einem Stock. Um den Piesacker los zu werden, schlug das Tier aus und traf mein linkes Knie. Schon nach einer Stunde war mein Knie zur Gröb e eines kleinen Fub balles angeschwollen, und die Kartoffelernte hatte plötzlich einen unwilligen Arbeiter weniger.
Die gute Bauersfrau trug mich in das leere Bett ihres Mannes, wo ich unter zehn Pfund Daunen eine schreckliche Nacht durchlitt. Am nächsten Morgen fuhr mich dann der polnische Kriegsgefangene,im Pferdewagen liegend, nach Hause.
Mutter steckte mich, mit einem Sack heib er Kartoffeln auf dem Knie, ins Bett, und dort verbrachte ich den gröb ten Teil dieses Winters. Mutter weigerte sich standfest, mir im Krankenhaus das Knie punktieren zu lassen, weil der einzige Chirurg dort, bei einer ähnlichen Operation, durch Schlamperei ein steifes Knie produziert hatte. Wahrscheinlich hatte sie Recht mit dieser Entscheidung - oder hatte sie eine Voraussicht, die anderen für weitere sechs Monate entging: Als mein Knie wieder vollständig geheilt war, gab es keinen Führer mehr, kein Deutschland und keine Ha-Jot. . . .
20.
Barbara, mein Redakteur, Kritiker und erster Leser in einem, schaut über meine Schulter und klagt: "Diese Geschichten ziehen sich in die Länge. Deine Kinder wollen wissen, was am Ende des Krieges mit euch geschah, wann wirst du endlich den Zusammenbruch beschreiben?"
Ja, der Krieg wurde schlimmer und länger, aber wenn ich jetzt schon das bittere Ende beschriebe, würde der Eindruck entstehen, da
b dieser Weltuntergang einfach ein Komplott des Führers und der Ha-Jot gewesen wäre, und nichts und niemand hätten mich im Jahre 1943 davon überzeugen können, dab Unser Führer nicht Tag und Nacht nur für sein Volk und den Endsieg arbeitete. Das stand damals auch auf jeder Postkarte gedruckt!
Aub erdem gibt es noch so viele Geschichten zu erzählen, traurige und glückliche, die ich meinen Kindern nicht vorenthalten kann.
Nach den langen Krankheiten des Winters verbrachte die ganze Familie im Sommer 1941 ein zweitesmal die Ferien zur Erholung an der Ostsee. Vater fuhr uns noch einmal mit dem Auto, die letzte grob e Fahrt in unserem DKW, bevor er das getreue Gefährt in der Garage auf Ziegelsteinen aufbocken mußte in Ermangelung von Benzin, das jetzt rationiert wurde, und einem Satz neuer Reifen. Wir übernachteten wieder in Frankfurt an der Oder, diesmal jedoch bei den Grob eltern Grob .
Meine Erinnerungen an die Grob -Eltern sind lange verschüttet gewesen, bis ich bei meiner Cousine Brigitte eine Schachtel mit Bildern aus unserer Kindheit entdeckte, die sie von ihrer Mutter, Tante Magda, geerbt hatte. - Unsere eigenen Bilder aus dieser Zeit, haben wir in Habelschwerdt zurücklassen müssen.
Es sind winzigkleine Kontaktabzüge, die ich jetzt mit einem Vergröb erungsglas untersuche. Das schönste ist das älteste, es zeigt Grob vater von seiner besten Seite. Er spielt mit dem strahlenden, in einem Rattankinderwagen sitzenden, wohl erst drei Monate alten Rölfchen, der eine bebommelte, weib e Strickjacke mit gezipfelter Kapuze trägt: Grob vater mit seinem ältesten Grob -Enkel. Es mub 1931 in Grünberg aufgenommen worden sein.
An die Umstände, die das nächste Bild zeigt, erinnere ich mich dann schon, weil dieser Abend mir grob e Angst gemacht hatte: Vater, in einem langen Mantel, trägt mich auf den Schultern durch eine unsichere, im Halbdunkel verschwimmende Landschaft nach Sakro. Es war 1934, mein erster Besuch bei den Grob eltern. Vater und ich waren mit der Bahn bis Forst gefahren und von dort die dreiviertel Stunde nach Sakro gelaufen. Es war Oktober oder November und wurde schon Dunkel. Nebelstreifen flossen drohend von der Oder durch die Wiesen, und die zu Bubiköpfen verschnittenen Weiden entlang der Strab e hatten Gesichter. . . Ich fürchtete mich sehr.
Bei meinem nächsten Besuch in Sakro, im Frühjahr 1936, war mein Vetter Peter Schmidt auch dort. Peter und ich umarmen uns in der blumenübersäten Wiese vor dem Gemeindehaus, sitzen im Stall in dem alten Landauer von Grob vaters Vorgänger, klettern im Heu in der Scheune herum, und machen Fratzen für den Photographen - mein Vater - unter der Obhut unserer Grob mutter, die von all dem nichts zu merken scheint. Am Ende dieses Besuchs holten mich meine Eltern mit dem Auto ab, und alle posieren für meines Vaters Kamera zum Abschied vor dem Pfarrhaus: Mutter, strahlt unter einem der klassischen Bombenhüte dieser Zeit, Grob vater in einer Weste mit Uhrkette, Jackett und beiden Händen in den Taschen seiner schmuddeligen Anzugshosen, zwei Dorfbälger mit den ewigen Schniefnasen drängen sich auch ins Bild, und Grob mutter mit ihrem schiefen Gesicht hält den vierjährigen Rolf auf dem Arm. Dahinter erkennt man gerade noch das schicke Faltdach und die Kühlerhaube unseres braven DKW - das einzige Bild unseres Autos, das überlebt hat.
Das interessanteste Bild aber stammt von meiner Eltern Hochzeit, Breslau, den 1. Oktober, 1929 steht hinten darauf. Es ist ein Gruppenphoto: das Hochzeitspaar umrahmt von den nächsten Verwandten und Freunden. Ich erinnerte mich vage an die Existenz dieses Photos. Alle haben die Augen geschlossen vor dem grob en Magnesiumblitz, den der Photograph abgebrannt haben mub , bis auf die Grob -Mutter, die mit einem ausgesprochen bösen Blick den Photographen, aus der ersten Reihe links neben ihrem Sohn, anstarrt.
Niemand scheint diese Frau je geliebt zu haben, meine Mutter hab te sie, ihre Tochter Käthe, zwei Reihen hinter ihr, verspottete sie mitleidslos und ihr Mann zuckte die Achseln, wenn sie nörgelnd über ihn herfiel, und murmelte: "Ich lasse meinen Drachen steigen!" und verlieb das Zimmer widerspruchslos.
Grob -Mutter kam aus einer grob bürgerlichen Kaufmannsfamilie in Hamburg. Sie erinnert mich an die unverheiratbare Tochter aus Thomas Manns "Buddenbrocks", die schlieb lich widererwarten einen pietistischen Pfarrer aus Ostpreub en bekommt, nur besab en weder mein Grob vater noch sie den religiösen Fanatismus, der dieses Paar vereinte. Gott weib , wie sie den mittellosen Pfarrer, Sohn eines Bügerschulrektors in Görlitz, kennen gelernt hatte. Jedenfalls heirateten sie, und er entführte die junge Dame auf eine armselig einsame Dorfpfarre in Sakro in der Lausitz. Dort erwartete sie - meine Mutter behauptete giftig, dab sie vor ihrer Heirat nie einen Stuhl hätte tragen müssen - hinter einer neugotischen Backsteinkirche ein riesiges, ländliches Anwesen. Neben dem heruntergekommenen Pfarrhaus dehnte sich ein ganzer, zur Pfarre gehörender Bauernhof: eine Scheune, verrostete Feldgeräte, ein Schuppen mit einer Kutsche, in der wir ein grob es, furchterregendes Gemälde des Gekreuzigten entdeckten, und ein Gesindehaus, das Grob mutter in ihr Gemeindehaus umgewandelt hatte.
Die Gemeindearbeit war ihr Resort. Sie ereiferte sich darin, die jungen Mädchen aus den umliegenden Dörfern in wöchentlichen Singeabenden durch fromme Lieder für höhere Ideale zu begeistern, und sie sammelte Geld für die Missionsarbeit in Afrika. An der Kirchenür hatte sie einen gub eisernen, knienden Mohrenjungen aufgestellt, ein mechanisches Wunder, der einen Diener machte, wenn man ihm eine Münze in die betenden Hände legte. Während er dienerte, verschwand die Münze unter grob em Geklapper in dem Kasten, auf dem er sab .
Aber das freudlos harte Leben unter den halbheidnischen Wenden in Grob vaters Sprengel hatte sie verbittert und engstirnig gemacht. Sie war schon eine ausgemergelte alte Frau, als ich sie kennenlernte, sie blickte mich mit ihrem vorwurfsvoll bösen Blick an und überschüttete mich mit einer Redeflut frommer Verhaltensregeln, die mein Vetter Peter und ich, trotzdem wir blob e vier oder fünf Jahre alt waren, gewissenslos unterliefen. Sie konnte uns in die ausgedehnten Hofgebäude einfach nicht folgen.
Es war ein wundervoller Spielplatz. Wir kletterten in der Scheune herum, amüsierten uns mit den rotznäsigen Dorfkindern, erschreckten die Mädchen beim Singen am Abend, jagten nach Nachtigallen, die Grob vater am Freitag beim Predigtlernen störten, und die selbst er dann mit Steinen bewarf und beschmutzten das drohende Christusbild in der Kutsche. Grob vater kümmerte sich wenig um uns. Er war am Anfang der Woche mit einem Fahrrad in seinem Sprengel unterwegs und am Ende mit seiner Predigt beschäftigt oder mit seinen seltenen Vögeln. Er war vom Schicksal, den vielen Geschwistern und der Geldnot seines Vaters in den Pfarrerberuf getrieben worden, seine wirkliche Passion waren seltene Pflanzen und die Ornithologie.
Er hatte neben der Kirche einen botanischen Garten angepflanzt und hielt sich drei Kraniche in einem Gehege hinter der Scheune, mit denen er Brutexperimente machte, deren Ergebnisse er dann in einer umfangreichen Korrespondenz - auf den Rändern vorgedruckter Postkarten der Vogelwarte Rossitten in Ostpreub en - mit den Koriphäen seiner Zeit austauschte. Auf den gleichen, vorfrankierten Postkarten, die die Vogelwarte als Suchkarten nach beringten Zugvögeln an ihre Korrespondenzmitglieder verteilt hatte, pflegte er auch seine persönliche Mitteilungen an meinen Vater zu schreiben. "Als ob er sich nicht einmal ein Stück Papier für einen Brief leisten könnte!" jammerte meine Mutter.
Obgleich er kein frömmelnder Seelenhirte, sondern eher ein aufgeklärter, mit den Sozialisten sympathisierender Intellektueller war, lieb en sich doch unsere Verwandten mit Vorliebe von ihm kirchlich trauen und brachten ihm später auch noch ihre Kinder zur Taufe. Er war ein grob er, sehr eindrucksvoller Mann mit einem langen, wilden, weib en Bart und dazu passenden Haaren. In seinem nie ganz sauberen Talar oder im Frack - wie auf meiner Eltern Hochzeitsbild - war er bei weitem der bestaussehendste Mann in der Gruppe, trotzdem meine Breslauer Onkels, damals noch angehende Studenten und Verbindungsbrüder, immer als sehr korrekt gekleidete "Herren" auftraten, die sich nicht scheuten von Tante Grete ihre Schuhe putzen zu lassen. Das betraf besonders Onkel Gerhard, der in der hintersten Reihe neben der grob en Käthe und Onkel Otto, Magdas Mann, steht.
Meine Mutter, die Mitte des Bildes, trägt einen schiefen Brautkranz (sic!), ist dreib ig, glückselig - und schwanger. Sie hatte den unschuldigen Ulrich vor der Ehe verführt! Zu ihrem größten Leid würde mein älterer Bruder tot auf die Welt kommen. Grob mutter Hammer sitzt neben der Braut und vor beider Füße liegt auf dem Parkettfub boden von Omas Wohnung in der Clausewitzstrab e Lili von Lindeiner, Mutters innige Freundin, in Wandervogeluniform: lange offene Haare, eine lose weib e Bluse, kurzer Rock, schwarze Kiestrümpfe und - Schnürstiefel! Sie spielt mit geschlossenen Augen eine Klampfe. Der Wandervogeljunge mit dem Fähnchen neben ihr ist ihr Bruder, den die Russsen 1945 auf der Lindeiners Gut in einer Klärgrube ersticken wuerden
.
Beim genaueren Hinsehen entdecke ich jetzt einen noch nie bemerkten Umstand: Grob vater Grohs sitzt in einer wundervoll entspannten Pose auf seinem Stuhl: weit zurückgelehnt, die Hände aufeinander, das rechte Bein über sein linkes geschlagen, ein Hosenbein so weit heraufgeschoben, dab man sehen kann, daß er seine Strümpfe verkehrt herum angezogen hat, betrachtet er mit schräg gehaltenem Kopf und einem überlegenen Lächeln die selbstzufriedene Welt. Wie ist es möglich? Es ist genau dieselbe Haltung, in der ich so gern sitze, um ein Buch zu lesen, oder nach einem von Barbaras grob en Abendessen. Niemand anderes sitzt so, auch mein Vater sab nicht so. Es ist beängstigend, sollten selbst solche Kleinigkeiten vererblich sein?
Inzwischen war Grob vater pensioniert worden und hatte in Frankfurt an der Oder ein kleines Haus mit Garten gekauft. Dort verbrachte er seinen Lebensabend mit dem Versuch Schildkröten zu züchten. Ein Dutzend dieser Tiere bevölkerten ein grob es Terrarium im Garten, und ihre Eier, die wie Tischtennisbälle aussahen, brüteten in Grob mutters Küchenofen. Am Abend kamen die Schmidts zu Besuch und Großvater versammelte uns Enkelkindern zu einer Vorführung seiner naturalia et curiosa aus seinem Raritätenkabinett: Mineralien, ein Straub enei, emaillierte Salzfäb chen, die sein Bruder Konrad, der zaristischer Hofgartenmeister in St. Pertersburg war, aus Rub land geschickt hatte, ausgestopfte Vögel und schließlich einen Sammtkasten mit den gröb ten Diamanten der Welt. Zu jedem Stück erzählte er eine Geschichte.
Er hatte eine diebische Freude daran seine leichtgläubigen Enkelkinder mit "Sufigeschichten", oder wie er sie nannte, den "weisen Erzählungen des Hodja Nasreddin" an der Nase herumzuführen. - Auch ein Erbteil, mit dem sein ältester Enkel seine Freunde je nach den Umständen zum Nachdenken oder zur Verzeiflung bringt. - Als er bei dem Kästchen mit den "Diamanten" angekommen war, und den grob äugigen Vettern Peter und Hartmut erzählte, dab er diese Diamanten von einem Maharadja geschenkt bekommen hätte, platzte ich heraus, "Du lügst, die sind doch blob aus Glas!" Unglücklicherweise hatte Grob vater nicht den Humor, diese Bemerkung als ein Zeichen der zunehmenden kritischen Einsicht seines Enkels zu werten, schnappte den Kasten zu, verschlob den Schrank und nannte mich ein unverschämtes Grob maul. Er hat mir nie wieder Geschichten erzählt.
Diesmal hatte Mutter eine ganze Wohnung in einer "Pension mit voller Verpflegung" in Dievenow auf der Insel Wollin gemietet. Es war kein so idyllischer Platz wie Koserow, der Strand war flach dort, hatte aber meilenlange Dünen im Hinterland, in denen wir tagelang "Rommel in Afrika" spielten, die Zwillinge waren die Kamele und die Eltern unsere Feinde. Eines Tages fand Gerhard einen goldenen Ehering im Sand. Vater und er trugen ihn auf das Fundbüro, wo er im nächsten Sommer, als wir wieder in Dievenow waren, noch immer lag. Gerhard durfte ihn behalten, und Vater lieb aus ihm einen Nephritring für Mutter machen, den Christine heute noch trägt.
Im Winter 1941-42 fiel Onkel Hans, Tante Irmgards Mann und Mutters jüngster Bruder in Rub land. Udo, ihr erstes Kind war drei Jahre und Renate, ihr zweites, war gerade drei Monate alt geworden. Es war ein grob er Verlust für die Hammerfamilie. Hans war in vieler Hinsicht der begabteste von den drei Brüdern meiner Mutter und eine brilliante Richterkarriere wäre ihm in friedlicheren Zeiten sicher gewesen. So wurde beschlossen, dab sich alle Enkel Grob mutter Hammers mit ihren Familien in Dievenow treffen würden.
Es wurde ein herrlicher Sommer für uns Kinder. Großmutter war da, Onkel Fritz und Tante Dora mit Ilse, Fritz, Dola und Ernst, Tante Magda Stölzel mit Barbara, Brigitte und Ernst, Onkel Gerhard und Tante Eva-Wippehaar, so genannt wegen ihrer Frisur, sie hatten keine Kinder, Tante Irmgard mit Udo und Renate und die sechs Grob ens. Ein anderer winziger Kontaktabzug zeigt die 13 Enkelkinder, wie Orgelpfeifen nach ihrer Gröb e geordnet, hinter der alten Grob mutter am Strand.
Diesmal konnten wir mehrere Armeen für die Kriegspiele in den Dünen aufbringen, und es gab auch genügend "Feinde", denen wir das Leben schwer machen konnten. Die Stölzelschwestern Bärbel und Brigitte waren schon in ihren faulen Teens, und es gab nichts Schöneres, als ihre Kleider zu stehlen oder ihre Badeanzüge mit nassem Sand zu füllen, wenn sie sich im Strandkorb umzogen. Manchmal, wenn sie nicht blob faul im Sand herumliegen wollten, gaben sie sich aber auch sehr sportlich, und wir hielten "olympische" Weitsprungwettkämpfe ab, bei denen Bärbel ihren Vettern weit überlegen war.
Wir fuhren mit dem Zug nach Hause. Tante Magda und Ernst mub ten verfrüht abreisen, und so erbot sich Mutter die beiden Stölzelschwestern bis Berlin mitzunehmen. Dies machte uns zu einer Familie mit sechs Kindern, was uns das Recht gab, in dem überfüllten Zug ein besonderes Abteil mit der Aufschrift "Reserviert für kinderreiche Familien" zu beanspruchen. Die Leute blieben stehen, betrachteten die drallen, braungebrannten Stölzelschwestern, dann uns kleinere Kinder, schüttelten den Kopf und mit Augen voll glühender Bewunderung beglückwünschten sie "unsere" Mutter, die ihre Rolle erstklassig spielte und ihr Mutterkreuz hervorzog, während wir Kinder gegen furchtbare Lachanfälle ankämpfen mub ten. Es war die fidelste Reise meiner Kindheit.
21.
Im Herbst 1942 wechselte ich wieder einmal die Schule. Wenn ich je auf die Universität gehen wollte, ein Gedanke an dem nie ein Zweifel bestand, mu
b te ich ein Abitur machen, was in Habelschwerdt nur von der Aufbauschule, einer sechsjährigen Realschule, vergeben wurde. Sie wurde als schwer und anspruchsvoll betrachtet und hoch geachtet, und die Sorge, ob man mich dort aufnehmen würde, beschlich diesmal sogar Mutter.
Aber wider Erwarten bestand ich die anstrengende, zweitägige Aufnahmeprüfung ohne Intervention meiner Mutter. Ich schrieb diesen Erfolg einem vierblättrigen Kleeblatt zu, das ich im Garten gefunden und mir in mein Schreibheft geklebt hatte. Ich war mir klar, dab das Aberglaube war, dab dieser Fetisch an sich keinerlei Glückskraft besaß, aber ich machte die weitreichende Entdeckung, dab ich dem Kleeblatt und mir durch die Wiederholung einer einfachen "Mantra" - natürlich war mir dieses Wort kein Begriff - eine solche Kraft "einreden" konnte. Die "Magie" wirkte vorzüglich und entschieden besser als Vaters gepriesene Methode des "eisernen Willens", meine Nerven wurden ruhig und mein Kopf klar.
Die neue Schule, ursprünglich ein Jesuiten-Seminar, hatte eine bewundernswerte Disziplin und ausgesprochen gute Lehrer, von denen viele noch aus der Jesuitenschule kamen. Es gab keine Freaks unter ihnen, wenn man von dem mutigen Musiklehrer absieht, der seine zwölfjährigen Schüler am Ende der Stunde mit dem politisch gewagten Ausruf zum Lachen brachte: "Und jetzt noch ein Lied der Bewegung!" und dann auf dem Klavier "Das Wandern ist des Müllers Lust." anschlug! Für niemanden anderes haben wir so aus vollem Halse gesungen. - Später, in der Polenzeit, sollte dieser gute Mann, eine für mich noch heute traumatische Rolle in meinem Leben spielen. Rückschauend war dies vielleicht die beste von den vielen Schulen, die ich in meinem Leben besucht habe. - Es sollten nur zwei ganze Jahre sein, die ich dorthin gehen durfte.
Den letzten friedlichen Sommer, der unserer verträumten Ecke Deutschlands vergönnt war, verbrachte ich bei den Schmidts. Sie hatten eine alte Mühle in den Wäldern östlich von Frankfurt gekauft, um den täglich zunehmenden Luftangriffen zu entgehen, und ich war eingeladen den Juli und August mit ihnen dort zu verbringen.
Ich fuhr allein mit der Bahn nach Frankfurt, von wo aus man auf einer Schmalspurbahn durch die versponnenen Dörfer und Güter des alten Preub ens weiterfuhr. Gemächlich rollte der Zug durch die sandigen Niederungen östlich der Oder in das Land der Kartoffelfelder, Kühe und Trolls, an mit Weiden gesäumten Bächen voller Krebse und kiefernbewachsene Hügelketten entlang, über ungepflasterte Landwege voller Wasserpfützen und Fahrrinnen voller tiefem, losen Sand. In jedem der winzigen Dörfer, deren Namen Erinnerungen an Jahrhunderte preub ischer Geschichte heraufbeschworen: Brederlow, Reppen, Kunersdorf, hielten wir mit lautem Tuten.
Dies war einmal das Land der preub ischen Junker, der verarmten, anspruchslosen aber stolzen, halb slawischen, halb deutschen Herren enormer Ländereien, Dörfer und Wälder auf einem Sandboden, der schlechter als irgendwo in Deutschland war: Sand-Preub en. Hier und da schauten ihre Herrenhäuser aus riesigen, wilden Eichen, unweigerlich überragt von dem Schornstein der dazugehörigen Schnapsbrennerei.
Die Mühle der Schmidts hatte einst zu so einem Gut gehört. Seit Jahren unbenützt, lag das grob e, bemooste Haus im Schatten von Akazien und Eichen versteckt. Aus dem versandeten Teich riefen die Unken ihren glockenklaren "Gong", dessen Echo den sommerlich blauen Himmel zum Klingen brachte.
Hier regierte Tante Käthe über eine mittelalterliche, von tausenden von Fliegen verseuchte Küche, einen kleinen Stab von Angestellten, meine vier Vettern und Cousine Sabine. Die Fliegen, ich habe nie wieder so viele gesehen, brüteten in einem Stall hinterm Haus, in dem ein wettergehärteter, schon leicht seniler Schäfer über eine Herde von dreib ig Schafen wachte. Zum Unterschied von ihrer Mutter war Käthe auf diese Art des Lebens bestens vorbereitet. Grob mutter hatte darauf bestanden, dab sie ein Landschulheim der Brüdergemeinde besuchte, wo man ihr alles Nötige beigebracht hatte. Unbeeindruckt hing sie die Küche voller Leimstreifen, um die Fliegen zu fangen und dirigierte mit ihrer tiefen Stimme furchtlos die Herstellung von Schafskäse und das Scheeren und Schlachten der Schafe.
Ich schlief mit Peter, Hartmut und Jochen in einem Mansardenzimmer unterm Dach. Das erste, was sie mir beibrachten, war der Gebrauch eines Schlagringes - ein mörderisches Werkzeug aus vier verbundenen Ringen mit scharfen Stacheln an einer Seite - von denen jeder von uns einen auf seinem Nachttisch liegen hatte. Sie waren als Mittel der letzten Verteidigung gedacht, im Falle dab einer von den entlaufenen, russischen Kriegsgefangenen aus den nahen Wäldern in der Nacht in unser Zimmer einbrechen sollte; eine wildromantische Idee, die uns die dramatischsten Szenen erfinden lieb . Obgleich wir nie einen zu sehen bekamen auf unseren ausgedehnten Wanderungen durch die Wälder der Umgebung, soll es es angeblich viele von ihnen gegeben haben.
Halbwild streiften wir für Tage durch die Landschaft, niemand kümmerte sich um uns. Manchmal beobachteten wir mib trauisch vom Rande eines schützenden Wäldchens die Formationen amerikanischer Bomber, die in grob er Höhe und mit vielstimmigem Gedröhn nach Berlin flogen. Wenn es uns zu warm wurde, badeten wir in dem träge dahinflieb enden Mühlbach, fingen Krebse oder suchten Süb wassermuscheln, in deren einer ich eines Tages sogar eine richtige Perle fand.
Aub er dem Gebrumm der Bomber war die einzige Ermahnung an den ganz weit weg tobenden Krieg das Kurzwellenradio eines jungen Fliegeroffizier, der mit seiner Frau zwei Zimmer des Hauses bewohnte. Die dunkelhaarige junge Frau faszinierte mich, sie kam aus Alexandria und war Griechin. Jede Nacht hockten die beiden über ihrem Empfänger und verschlangen die Lügen und Gerüchte, die der verbotene BBC aussandte, und die sie dann am nächsten Morgen in der Küche verbreiteten, was Tante Käthe für den Rest des Tages in deprimiertes Schweigen versetzte.
Im Winter bestanden meine Eltern darauf, dab ich in Pastor Schichas Konfirmandenunterricht ginge in Vorbereitung auf meine Konfirmation. In den Schulen hatte der Religionsunterricht schon lange aufgehört. Ich vermib te ihn nicht, und es war mir peinlich, bekannt zu sein als jemand, der religiösen Unterricht nahm. Aber meine Eltern gaben nicht nach.
Unglücklicherweise bestand der Konfirmandenunterricht hauptsächlich aus dem Auswendiglernen von Luthers "Kleinem Kathechismus" einschlieb lich der Erklärungen und einer langen Liste von Hymnen. Ich hatte die gröb ten Schwierigkeiten irgendetwas davon zu behalten, ob es die geschwollen barocken Lieder Paul Gerhardts waren, oder Luthers Erklärung des Gebots "Du sollst Deines Nachbarns Weib nicht begehren!"
Das schlimmere aber war, dab mit der Konfirmation ein allgemeines Sündenbekenntnis und Abendmahl verbunden sein würde. Ich konnte weder das Konzept der "Sünde" verstehen, noch die Notwendigkeit eines so hochnotpeinlichen Rituals des Vergebens. Nicht dab ich mich rein oder gerecht fühlte, ich kannte keine Schuld, die nicht mit sehr viel einfacheren Mitteln entschuldbar gewesen wäre. Mein religiöses Dilemma war dabei ganz real, ich sah ganz klar, dab die Vergebung der Sünden in Christi Namen die eigentliche Aufgabe der christlichen Kirche war. Warum sollte ich dann ein Mitglied der Kirche werden, wenn ich keine Sünde empfand?
Und ich habe immer noch Schwierigkeiten Sünde, Schuld und Sühne, oder selbst den Unterschied zwischen Gut und Böse zu verstehen.
Während der Zeit meines Konfirmationsunterricht geschah noch ein anderes Unglück, das mit einer sehr trivialen Geschichte began. Ich verliebte mich in ein Mädchen namens Elisabeth, die ich schon von der Mittelschule her kannte, und die jetzt auch in Pastor Schichas Unterricht auftauchte. Es war eine merkwürdige "Liebe auf Entfernung", ich hatte kaum je mit dem Mädchen gesprochen, aber sie beschäftigte meine Phantasie, und ich begann Gedichte an sie abzuschreiben. Ich habe es nie fertig gebracht, Gedichte selber zu komponieren, auch nicht für Barbara, die sich sicher darüber gefreut hätte. In diesem Falle kopierte ich sie aus einem alten Liederbuch meiner Mutter - in der Nacht im Bett - und das wurde mir zum Verhängnis.
"Lesen im Bett", nachdem Mutter das Licht ausgemacht hatte, war offiziell nicht erlaubt, es würde mich aber sehr wundern, dab Mutter es nie gemerkt haben sollte, dab wir trotz des Verbots jeden Abend noch ein Weilchen lasen. Ich schrieb also an meinem Gedicht, als ich Mutter die Treppe heraufkommen hörte. Ich versteckte alles schnell unter meinem Kopfkissen und stellte mich schlafend, als sie ins Zimmer kam. Sie zog zielbewub t Federhalter, Buch und Papier unter meinem Kopfkissen hervor und verlieb wortlos das Zimmer. - Dies ist das einzige Mal in meiner Erinnerung, dab so etwas passierte.
Am nächsten Morgen hatte Mutter verweinte Augen, aber sie sagte immer noch nichts. Das Gewitter brach erst am Wochenende los, als Vater nach Hause kam. Mutter hatte eine lange, aufgeregte und tränenreiche Unterredung mit ihm, nach der Vater mich, tief in Gedanken, auf einen Spaziergang mitnahm.
Meine Knie schlackerten, mein Herz ging viel zu schnell, ich fühlte mich schwach und betrogen und wanderte lustlos und mit hängendem Kopf neben ihm her, und hörte für eine ganze Stunden Vaters Monolog zu.
Am Anfang beschrieb er Mutters Tränen über ihre Entdeckung, dab ich "etwas mit einem Mädchen hätte". Ich wäre zu jung dafür, und aub erdem wäre es gesundheitsgefährlich und nicht gut für meine Nerven und meine Schularbeit. Er verlangte, dab ich ihm verspräche, dab ich, bis ich neunzehn wäre und mein Abitur gemacht hätte, keinerlei "Beziehungen" zu Mädchen haben würde.
Während wir die steilen Treppen in die Unterstadt im Weib tritztal hinunterstiegen - eine Gegend wo wir sonst nur selten hingingen - versuchte er sein Verbot zu rechtfertigen und mir zu erklären: Ich wäre das jüngste Glied einer ehrenhaften, intelligenten und gebildeten Familie, die sich bis ins vierzehnte Jahrhundert zurückverfolgen lieb . Ich hätte Verpflichtungen gegenüber diesen Vorfahren. Ich wäre nicht das Produkt eines Zufalls, sondern einer langen, sorgfältigen Auslese, und ich dürfte mich und dieses Erbe nicht einfach an irgendein Mädchen verschleudern. Das Mädchen, das ich heiraten würde, müb te aus einer Familie stammen, die der unsrigen wenigstens gleich wäre. Ich wäre noch zu jung, dies voll zu verstehen, geschweige denn solch eine Wahl treffen zu können.
Ich wendete ein, dab es mir nie eingefallen wäre, Elisabeth heiraten zu wollen, ich wäre doch eben erst zwölf! "Dann," sagte er, "solltest du die Hände von dem Mädchen lassen." Es wäre "gemein" mit Mädchen zu "spielen". Er hätte dafür absolut kein Verständnis, "Das sollte deiner unwürdig sein!" Abgesehen davon wäre die Chance, dab ich mir eine Geschlechtskrankheit dabei holte, aub erordentlich grob , und dies würde mein "kostbares Erbgut" für immer zerstören. Der "Geschlechtsakt" sollte nur in der Ehe und auch dann nur zur Zeugung von Kindern gebraucht werden.
Ich war völlig verwirrt, aber ich rebellierte nicht gegen Vater.
Voller Traurigkeit sehe ich heute, dab dieser Spaziergang mit Vater das Ende meiner Kindheit war und für Jahrzehnte auch das Ende meiner Freundschaft mit diesem Mann.
Ich finde es immer noch schwer zu glauben, dab Vater diesen absurden Monolog gehalten haben soll. Es war aber nicht das letzte Mal, dab er mir gegenüber solche Meinungen in ganz ähnlichen Worten äub erte: Dies war der Kern seiner "Weltanschauung".
Schwerer verständlich ist mir die völlige Überreaktion meiner praktischen und sensuell ganz normalen Mutter.
Naturlich habe ich es nicht fertig gebracht, mich von den Mädchen fern zu halten, aber seitdem konnte ich kein Mädchen mehr ansehen, ohne ihre Heiratsfähigkeit in Betracht zu ziehen!
Meine Konfirmation fand, überschattet von Angst und Unsicherheit, am Palmsonntag im März 1945 statt. Ich brauchte nicht zu knien während des Abendmahls, weil mein Knie noch immer steif eingebunden war. Ich stand in meinem schäbigen, dunklen Anzug mit gesenktem Kopf durch meine persönliche Seelenqual, in vollem Bewub tsein - unter "Gottes Auge" über dem Altar - eine Blasphemie und einen Meineid zu begehen.
Unsere Welt war im Begriff mit grob er Geschwindigkeit zusammenzubrechen. In den kalten Nächten dieses Frühjahrs konnte man das Donnern der Schlacht um Breslau ganz nahe hören. Vater war aus Heinrichau, wo er jetzt stationiert war, mit Anhalter gekommen, und Mutter hatte einen Mohnkuchen gebacken, den sie mit Ersatzsahne an einem mit gelben Narzissen festlich geschmückten Tisch servierte.
22.
Wieder einmal wurde die Schule, in die ich ging, geschlossen. Während der Sommerferien im Herbst 1944 war die Aufbauschule in ein Militärlazarett für die Verwundeten der rapide näherkommenden Ostfront verwandelt worden, und auf dem Sigritz entstand ein Notlandeplatz, auf dem mehrmals am Tage Fieseler-Storch Flugzeuge mit Schwerverwundeten landeten.
Nach langem Suchen nach einer noch funktionierenden Schule, sandte Mutter mich nach Glatz auf ein Gymnasium. Ich wurde Fahrschüler und mu
b te wieder einmal Nachhilfestunden haben, diesmal in Latein, das die anderen Schüler in meiner Klasse schon seit einem Jahr studierten.
Die Nachhilfestunden verabfolgte mir dieses Mal die Tochter des Bäckers auf der Herrenstrab e in Glatz, gegenüber von unserer ehemaligen Wohnung, vor deren Schornstein ich mir immer Angst gemacht hatte. Sie war eine angehende Journalistin und lebte in einem blau getönten Plüschzimmer umgeben von Plüschkatzen, die überall auf ihrem Bett und auf dem Sofa sab en, das ich mit ihnen teilen mub te. Meistens erschien die junge Dame in einem bleu negligée zu den Lateinstunden. Latein blieb meine Nemesis für den Rest meiner Schulzeit - und die Lateinlehrerinnen ebenfalls. Zwei Monate später, im Februar, brach schlieb lich auch der normale Zugverkehr zusammen, und so war ich, zum Entsetzen meiner Mutter, wieder einmal vogelfrei.
Im Juni 1944 waren die Amerikaner in der Normandie gelandet und hatten während des Sommers Frankreich und Italien erobert. Die Ostfront war praktisch zusammengebrochen und die sowjetischen Armeen standen an den Grenzen Deutschlands. Eine deutsche Stadt nach der anderen wurde von amerikanischen Bomben dem Erdboden gleich gemacht. Zehntausende aus der Bevölkerung kamen in diesen Fliegeran-griffen um.
Im frühen Herbst kamen die ersten Flüchtlinge in Habelschwerdt an. Deutschsprechende Bauern, am Anfang in Gruppen von einigen Hunderten, dann im Winter zu tausenden treckten sie auf kleinen Pferdewagen durch die bittere Kälte, von der Wolga, aus Rumänien, Jugoslawien und Ungarn flohen sie "Heim ins Deutsche Reich", das schon halb tot war. Sie parkten ihre Wagen auf dem Sportplatz hinter der Streichholzfabrik. Wir brachten, was wir entbehren konnten, Decken, Nahrungsmittel und Kleider. Einige fanden ein temporäres Unterkommen in den Dörfern in der Nachbarschaft, die meisten zogen weiter auf der Suche nach einem Asyl. Der Anfang der größten Völkerwanderung des zwanzigsten Jahrhunderts, zu der wir bald ebenfalls gehören würden. Viele erfroren, andere wurden später gemordet, abgeschossen wie wilde Tiere mit Maschinengewehren aus der Luft von amerikanischen Tieffliegern, tausende verbrannten in den berüchtigten britischen Luftangriffen auf das von Flüchtlingen überfüllte Dresden. Mit ihnen kamen die grausigen Geschichten von Vergewaltigungen und Morden durch die herannahenden sowjetischen Truppen.
Im Februar wurde von der Wohnungskommission ein siebzig Jahre altes Ehepaar, Flüchtlinge aus Breslau, in unser Kinderzimmer einquartiert. Ihr Name war von Gellhorn. Zu Anfang waren wir von dem Adelstitel beeindruckt, sie hatten sogar ein Familienwappen, aber dann entdeckten wir, dab sie stahlen. Am hellerlichten Tage wanderte Frau v. Gellhorn ungeniert in Strümpfen und anderen Kleidungsstücken meiner Mutter herum, die sie irgenwie entwendet hatte. Gelegentlich war die alte Dame ein bib chen derangée, aber zu anderen Zeiten war sie ganz normal. Ihr Mann war harmlos, er war so senil, dab sie ihm dauernd befehlen mub te, was er tun sollte. - Später, nach Kriegsende behauptete sie, dab sie Jüdin wäre.
Der Krieg hatte unsere verträumte Insel endgültig überschwemmt. Und wir warteten nur noch auf das Wunder, das das Radio versprach, dab es uns retten würde. Das erste Wunder war ungeplant: Hitler überlebte das Attentat, das eine "Clique von Verrätern", Offiziere der Armee, am 24. Juni 1944 versucht hatte. Unser Führer wurde "durch einen Akt der göttlichen Vorsehung gerettet", und die ungeschickten Attentäter und viele andere redliche Männer hingen bald für alle als Abschreckung am Galgen.
Das nächste "Wunder" war weniger numenous und eindrucksvoller, ich kann heute noch das Motorradgeknatter der ersten "Vergeltungswaffe", der V-1 aus dem Radio hören. Und die Gerüchte erhielten neues und letztes Wasser auf ihre Mühlen: Unsere genialen Flugzeugingenieure hätten einen Überschalljäger mit Düsenmotoren entwickelt, der schneller als irgendein anderes Flugzeug sei und eine Rakete, die New York erreichen könnte, und wir würden den Krieg sicher noch in der letzten Minute gewinnen.
Ich verbrachte Monate damit, aus den wenigen bekannten Details diese technischen Wunder zu rekonstruieren. Leider konnte der Messerschmittjäger nur wenige Stunden fliegen, bevor seine Motoren auseinanderflogen, und die Labors und Fabriken für die Raketen waren durch Luftangriffe so zerstört, dab sie nie hergestellt werden konnten, bevor unser Krieg sein Ende fand. Zehn Jahre später, in Göttingen in Prandtls ehemaligem Institut, fand ich die Holzmodelle dieser Flugkörper und benutzte sie, um unsere amerikanischen Gäste in Verlegenheit zu bringen, in deren Laboratorien solche Dinge immer noch geheim gehalten wurden.
Eine Wunderwaffe durfte ich in meinen eigenen Händen halten, die "Panzerfaust", ein anderthalb Meter langes Blechrohr mit einer konischen "Bombe" an einem Ende, und einem Blechhebel unter dem Rohr. Wenn man an dem Hebel zog, kam ein vier Meter langer Feuerstrahl aus dem Rohr, und die Bombe entpuppte sich als eine Minirakete, die ein kreisrundes Loch durch die Panzerplatte des Tanks brannte, bevor sie in seinem Inneren explodierte. Die Instruktionen für den Gebrauch der Panzerfaust waren äub erst simpel: Wenn du einen russischen Panzer kommen siehst, verstecke dich, lab ihn bis auf hundert Meter an dich herankommen, ziele auf seine Ketten, drücke ab und nimm Deckung. Ziele gut, du hast nur eine Chance! . . .
Der Trick war offensichtlich, eiserne Nerven zu haben - und mehr Pimpfe starben aus Angst als russische Panzer explodierten.
Die Panzerfaust war die Waffe des "Volkssturms", die "letzte Antwort des deutschen Volkes gegen die anstürmenden asiatischen Horden. Wir werden unsere Heimat mit unserem Leben verteidigen. Ich rufe den totalen Krieg aus!" schrie Goebbels mit sich überschlagender Stimme im Radio, sechs Monate bevor er sich und seine Kinder mit Gift umbrachte. "Alle Männer zwischen sechzehn und sechzig werden bis zum letzten Mann kämpfen!" Und alle kamen sie und die wenigen, die sich weigerten, fand man alsbald von den Bäumen hängend. Sie übten sich im Panzerfaustschieb en auf dem Feld hinter unserem Haus, bis man sie zum Graben von Schützengräben abordnete, um die wertvollen Waffen zu sparen.
Ich war zwei Jahre zu jung, aber weil ich verhältnismäb ig grob war und älter aussah, lieb mich Mutter nie ohne meinen steifen Knieverband aus dem Haus.
Ich war überzeugt, dab unsere Sache nicht untergehen konnte, und dab die Amerikaner im letzten Augenblick doch noch einsehen würden, dab Hitler der "Herzog Heinrich" des zwanzigten Jahrhunderts war, der Europa auf der Wahlstatt bei Liegnitz vor den sowjetischen Hunnen retten würde.
Aber der endgültige Zusammenbruch dieser letzten Träume war unaufhaltsam im Fortschreiten. Breslau war von den Russen eingeschlossen worden, und für vier Monate kam die Front in Hörweite von uns zum Stillstand. Das Postsystem brach zusammen, niemand wub te wohin Grob mutter, Tante Grete und Irmgard mit ihren Kindern geflüchtet waren, oder ob sie überhaupt noch am Leben waren. Vaters Arbeitsgruppe in Breslau war aufgelöst worden. Man hatte ihm eine Pistole und eine Panzerfaust gegeben und den Befehl sich nach Heinrichau zum Volkssturm durchzuschlagen, um die dortigen Zuckerlager ausräumen oder kurz vor dem Erscheinen der Russen vernichten zu helfen.
Kurz nach seiner Ankunft in Heinrichau besuchte uns Vater in einem offiziellen Volkssturmwagen. Merkwürdig, in dieser Zeit der Auflösung, Unsicherheit und Angst, erinnere ich mich an einen lachenden, gelösten Vater, der glücklich war, mir den Gebrauch der Panzerfaust zu erklären, die er auf dem Rücksitz mit sich trug. Endlich hatte das Schicksal seinen Wunsch erfüllt, sein Vaterland "mit der Waffe in der Hand" verteidigen zu dürfen. Bis dahin hatte man ihn immer für "wehruntauglich" befunden, zu schwach, zu kränklich und zu intellektuell, seine gröb te Schmach.
Keine Schule, keine Arbeit, eine im Gallop zerfallende Umgebung, es war eine schrecklich aufregende Zeit für mich, und ich hatte einen neuen Freund. Sein Name war Hermann. Er war der einzige Sohn einer Kriegswitwe, sein Vater war in Polen gefallen. Er hatte erstaunliches Geschick mit all den Dingen, die ich nur aus Vaters technischen Büchern kannte, wie elektrische Maschinen, Radios und Automotoren. Dazu kam, dab er einer "niedrigeren Klasse" als unsere Familie entstammte, etwas das mich damals besonders faszinierte. Wobei die "Klasse" allein durch seiner Eltern "Bildung" definiert war - Geld spielte absolut keine Rolle, wir waren alle etwa gleich arm. Ich hatte von Bullo gelernt, dab diese Menschen vom Leben, trotz all unserer "Bildung", sehr viel mehr wub ten als meine Eltern, und Hermann hatte aub erdem wesentlich geringere Skrupel als ich, was in dieser autoritätslosen Zeit natürlich sehr verlockend war.
Hermann verdiente sich Taschengeld als Wettermann. Dreimal am Tage las er die Instrumente in der Wetterstation auf dem Dach der Aufbauschule ab, schätzte die Bedeckung und Wolkenhöhe und gab die Daten über das Telefon an das zentrale Wetterbüro weiter. Für die auf dem Sigritz landenden Flugzeuge, war er ein wichtiger Mann. Zu diesem Zweck hatte er einen Schlüssel zum verlassenen Physikraum der Schule. Es war ein perfektes Paradies, das wir mit stetig geringer werdenden Bedenken für ganze Nachmittage durchstöberten. In der modern ausgerüsteten Sammlung gab es die aufregendsten Dinge: Statische Elektrisiermaschinen, die einem einen gehörigen Schlag versetzen konnten, wenn man an ihnen drehte, Elektromotoren, Radioröhren, Rheostaten, Leuchtröhren, die mit einer Elektrisiermaschine verbunden in brillianten Farben knisterten, und ein enormes Quecksilberbarometer an einer Wand.
All diese wundervollen Dinge waren so offensichtlich herrenlos, würden von den Russen morgen oder übermorgen zerstört werden, dab wir bald jeden Skrupel verloren, und das eine oder andere Instrument nach Hause entführten. Ich konnte meiner Mutter wegen nichts allzu Auffälliges entwenden, aber Hermann hatte keine solchen Probleme. Die Möglichkeit, dab der Hausmeister oder der Schuldirektor diese Diebstähle herausfinden könnte, machten den Anreiz nur noch gröb er. So lernte ich das Stehlen, ein nie ganz überwundenes Vergnügen, das mich meinen amerikanischen Freunden für immer suspekt machen wird.
Der Unfall geschah als Hermann und ich versuchten das Barometer zu demontieren. Es zerbrach und mehrere Kilogramm Quecksilbers entleerten sich auf den Fub boden des Zimmers. Verzweifelt jagte Hermann die schnell rollenden Quecksilbertropfen mit einem Besen und einer Kehrschaufel über den Fub boden. Am nächsten Tag kam er mit einer akuten Quecksilbervergiftung nieder und mub te für mehrere Wochen im Bett bleiben.
23.
Mutter beschlo
b , ihren unkontrollierbaren Sohn zu seinem Vater nach Heinrichau zu schicken.
Bis nach Glatz gab es noch einen gelegentlichen Zug, von dort mub te ich mit Militärkonvoys Anhalter fahren. Der Tag war kalt und grau verhangen. Die Felder waren noch mit einer dünnen Schneedecke bedeckt, die hier und da von dunklen Panzerspuren aufgerissen war. Auf den Strab en häufte sich der Matsch. Glatz hatte sich in ein chaotisches Feldlager verwandelt. Tanks, Lastwagen und anderes Militärgerät lagen auf den Strab en herum. Die Ausfallsstrab en waren mit Tanksperren verbarrikadiert, hinter denen Panzerabwehrkanonen auf den russischen Durchbruch warteten. Alle paar Kilometer kontrollierte schwer bewaffnete Militärpolizei die Papiere der Reisenden. Ich schlüpfte überall unbehelligt hindurch, eine streunende Kriegswaise.
Es war an der Strab e hinter Glatz, dab ich meinen ersten toten Mann sah. Er hing mit einem Strick um den Hals, blaugesichtig und mit heraushängender Zunge von einem Strab enbaum. Ein Stück Papier, das ihn als einen von der Militärpolizei gehängten Deserteur bezeichnete, hatte man an seiner Uniform befestigt. Trotzdem waren zwei Männer auf unserem Wagen, die kein Geheimnis daraus machten, dab sie mit gefälschten Papieren auf dem Wege nach Hause wären, um der russischen Gefangenschaft zu entgehen.
Als ich schlieb lich Heinrichau erreichte, fand ich Vater in einer feudalen Oasis einquartiert. Kloster Heinrichau war unter demselben Piasten-Herzog Heinrich II. gegründet worden, der 1241 "Europa bei Liegnitz vor den Mongolen gerettet hatte". - Heinrich und seine Ritter waren zwar von den Mongolen restlos geschlachtet worden, aber nach der Schlacht kehrten die asiatischen Reiter um und zogen heim; Ügedei, ihr Großkhan, war in der Mongolei ermordet worden.
Sekularisiert und zweimal verkauft, besab en das Kloster bei Kriegsende die Grob herzöge von Sachsen-Weimar. Ein paar Wochen vor meiner Ankunft war der grob herzogliche Hofstaat mit Sack und Pack vor den Russen nach Sachsen geflüchtet. Das riesige Anwesen, ein wundervoller "englischer" Park, das "Schlob ", die ehemaligen Klostergebäude, eine Orangerie und ein Musiktheater hatten sie in seiner barocken Schönheit und in bester Ordnung zurückgelassen. Am Abend wanderte Vater mit mir durch die prunkvolle Geisterstadt, so etwas hatte ich noch nicht gesehen: Im Theater standen noch Reihe um Reihe prachtvoller Stühle vor dem Bühnenbild einer verklungenen Oper, kunstvolle Spiegel reflektierten die verlorene Pracht, ein alter, zurückgebliebener Gärtner wässerte die Palmen im Wintergarten. . . All dies sollte den Russen zufallen? Die Versuchung zu Plündern prickelt mir in den Fingern.
Irmgard und ich wandern an einem wundervoll sonnigen Nachmittag wieder durch Heinrichau. Der englische Park ist eine Wildnis, aber die uralten Bäume stehen noch, in den formalen Gärten haben Schrebergärtner ihre Hütten aufgeschlagen, die geschwärzten Putten schauen traurig zu. Hinter der zum Geräteschuppen degradierten Orangerie blüht ein Beet mit grob en, blauen Schwertlilien, der türkische Kiosk ist mit Brettern vernagelt und das "Opernhaus" verschwunden. Aber die alten Klostergebäude strahlen in neuer Farbe und innen wird fleib ig renoviert: die katholische Kirche hat nach 200 Jahren wieder Besitz ergriffen! Ein junger, schon dicklicher Priesterkandidat schaut aus einem Fenster und bietet uns in minimalem Deutsch eine Führung durch die Kirche an. Er rezitiert die Namen aller dargestellter Heiliger, von dem Stukkateur weib er nichts. Nachher bettelt er und gibt erst Ruhe, als ich ihm ein vergröb ertes Angebot von 200 000 Zloty mache.
Im Vergleich zu seiner stolz-optimistischen Stimmung bei seinem Besuch vor zwei Wochen, ist Vater diesmal deprimiert und hoffnungslos. Er sieht das Ende, das Ende all seiner Hoffnungen und Träume, das Ende seiner Weltanschauung und seines Vaterlandes. Er ist sicher, dab die Alliierten diesmal noch brutaler mit Deutschland verfahren werden als 1918. Sie würden versuchen, Deutschland zu einem drittrangigen Agrarland zu reduzieren, unsere Universitäten zu zerstören und die Fabriken zu demontieren. Die Russen würden noch schlimmer verfahren, sie würden, nachdem sie so viele Menschen umgebracht hätten wie möglich, die übriggebliebenen Männer einfach als Arbeitssklaven nach Sibirien deportieren.
Er riet mir, dab ich versuchen sollte, mich bei Kriegsende in die amerikanisch besetzten Teile Deutschlands durchzuschlagen, selbst wenn das bedeuten würde, dab ich dabei von Mutter und ihm getrennt würde. Dort sollte ich bei einem Baueren Unterschlupf suchen, um meine Familienherkunft zu verbergen. Aub erdem würden die Bauern wenigstens immer etwas zu essen haben. Vielleicht könnte ich auf diese Weise überleben.
Tief bestürzt durch Vaters Pessimismus, widersprach ich ihm. Falls der Krieg wirklich mit der totalen Unterdrückung und Besetzung Deutschlands enden sollte, so versicherte ich ihm, würde in zehn Jahren bestimmt ein neues Deutschland aus der Asche steigen.
Beim Abschied hatte mich Vater gebeten den politischen Kreisleiter von Habelschwerdt zu besuchen, um von ihm ein Bauernwagenkonvoy zu erbitten, das die Restbestände von Zucker aus der Zuckerfabrik in Heinrichau evakuieren könnte.
So kam es, dab ich in dieser letzten Stunde vor dem Untergang mit Vaters Auftrag an der Tür dieses höchsten Parteibeamten in Habelschwerdt erschien. Seit einigen Monaten hatte der Kreisleiter sich in einer, von einem grob en Park umgebenen, feudalen Villa verbarrikadiert. Der Park war von Stacheldrahtverhauen umgeben, ein Tank stand mit der Kanone auf das Eingangstor gerichtet, und schwerbewaffnete SS-Männer hielten überall Wache. Erst beschied mir die Wache, dab der Kreisleiter nicht in seinem Büro wäre, dann hatte er keine Zeit Bittsteller zu empfangen. Aber ich gab nicht nach. Ich bestand darauf, dab meine Mission kriegswichtig wäre und dab ich Befehl von einer Authorität direkt hinter der Front hätte, dem Kreisleiter persönlich meinen Bericht zu überbringen. Nach einem längeren Telephongespräch mit der Hauptbefehlsstelle, wurde der aufsässige dreizehnjährige Pimpf also tatsächlich von zwei SS-Männern, Maschinenpistolen in der Hand, ins Innere der "Festung" eskortiert.
Im Gegensatz zu der eindrucksvollen, kampfbereiten äußeren Ordnung, war das Innere ein vollkommener Chaos. Überall rannten Soldaten anscheinend kopflos durch die Gänge. In einem verrauchten Raum sab eine Gruppe von Parteioffizieren, die Bier tranken und Karten spielten. Von irgenwoher hörte man halbbetrunkenes Gröhlen.
Schlieb lich erreichten wir das innerste Heiligtum, ein grob er Raum in dem der mächtigste Mann von Habelschwerdt, in voller Parteiuniform, ein dicke Zigarre rauchend, halbbesoffen hinter einem riesigen Eichenschreibtisch sab . Sonst war der Raum leer, bis auf ein Maschinengewehr, das ein junger SS-Mann während der 15 Minuten meiner Audienz auf mich in Anschlag hielt.
Ich stand stramm mit zum Grub erhobenem Arm, bis der Mann hinter dem Schreibtisch mir mit einer lässigen Bewegung seiner Zigarre das Zeichen gab, dab ich mich rühren dürfte. Ich brachte meinen Auftrag vor. Der Kreisleiter hustete Zigarrenrauch vor Lachen: "So," sagte er zwischen Hustenanfällen, "dein Vater hat dich hergeschickt. Wie war dein Name?" Er schaute auf das Meldepapier mit meinen Personalien auf seinem Tisch, "Ah, ja, Rolf Grob . Ich werde deinem Bannführer empfehlen, dich wegen deines Mutes und deiner Ausdauer zu befördern." Er schüttelte den Kopf, "Dab du es mit dieser Geschichte bis hier herein gebracht hast! Was für eine Frechheit!" Er stand auf, kam hinter seinem Tisch hervor, schüttelte mir die Hand und hob seinen Arm mit den Worten: "Wenn wir mehr Leute von deinem Schlag hätten , dann würden wir nicht in der tiefen Scheib e sitzen, in der wir jetzt sind! Leider ist der Spab vorbei. Heil Hitler!"
Ich wanderte tief erschüttert nach Hause.
Zwei Wochen nach dieser Episode in der Nacht, Christine und ich lasen wieder einmal unerlaubterweise im Bett, hörten wir ein einsames Flugzeug ziemlich tief über der Stadt kreisen, und dann gab es plötzlich einen grob en Bums, wie bei einer Explosion. Wir drehten das Licht sofort aus, aber das Flugzeug brummte schon in weiter Entfernung.
Am nächsten Morgen fanden wir, dab die eine Hälfte eines Hauses gegenüber der Kreisleitervilla verschwunden war. Was übrig war, sah aus wie ein Puppenhaus, dem jemand eine Seite herausgezogen hatte: Betten, Bilder, Tapeten und Möbel waren unversehrt in den offenen Zimmern zurückgeblieben. Dies blieb die einzige Fliegerbombe, die während des ganzen Krieges auf unsere Stadt fiel. Hartnäckige Gerüchte wollten wissen, dab es ein deutsches Flugzeug gewesen wäre und dab die Bombe eigentlich dem Kreisleiter gegolten hätte.
24.
Die berühmten Fanfaren, die unsere Siege in Polen, Frankreich und Rub land gemeldet hatten, schmetterten eines frühen Morgens aus dem Radio:
"Eine Sondermeldung des grob deutschen Rundfunks: Heute Morgen fand unser Führer Adolf Hitler in den Kämpfen um die Reichshauptstadt Berlin den Heldentod. Mit der Waffe in der Hand opferte er sein Leben im Kampf um die Erettung Europas vor den asiatisch-bolschewistischen Horden."
Die Musik von "Deutschland, Deutschland, über alles. ." folgte, dann herrschte vollkommende Stille.
Es war der 30. April, 1945.
Vaters Zimmer, in dem das Radio stand, begann sich zu drehen, der Boden sank unter meinen Füb en. Ich war allein, Mutter hantierte mit den Töpfen in der Küche. Das Radio hatte noch immer keinen Laut von sich gegeben. Angst und Verwirrung überwältigten mich. In diesen wenigen Minuten brach meine Welt zusammen. Was würde aus uns werden ohne Führer, wohin gingen wir, wo konnten wir uns verstecken vor der Katastrophe, die nun kommen mub te?
Gegen Mittag klingelte ein Pimpf aus meiner alten Gruppe bei uns und fragte, ob ich am späteren Nachmittag zu einer besonderen Gedenkstunde für den Führer an der Heldengedenkstätte auf dem Floriansberg kommen könnte. Der Bannführer würde einen Kranz niederlegen und die Trauerrede halten und würde ich bitte in Uniform kommen.
Wegen meines Knies war ich vom Arzt von allen Veranstaltungen der Pimpfe seit Oktober beurlaubt gewesen, aber das Knie war nun besser, und der Junge bat mich wirklich eindringlich darum zu kommen, und vielleicht würde der Bannführer ein wenig Klarheit in meine verwirrten Gedanken bringen können. So sagte ich dem Jungen, dab ich kommen würde.
Ich zog meine Uniform an - zum letzten Mal in meinem Leben - und wanderte den vertrauten Weg durch die Stadt.
Es war ein strahlend klarer Nachmittag und der Berg war schöner denn je. Nach dem kalten Winter war es während der letzten Tage ungewöhnlich warm geworden und überall war plötzlich das Gras grün, und die Birken auf dem Berg hatten die ersten neuen Blätter. Hier und dort im Schatten der Nadelbäumen lagen noch kleine Flecken Schnees.
Gegen zwei Uhr kam ich an dem Gefallenendenkmal an und fand dort eine kleine Gruppe von Pimpfen und Jungmädchen vor, die sich mit Schneebällen bewarfen und darauf warteten, dab jemand kommen würde, der ihnen sagen würde, was sie tun sollten. Schlieb lich erschien ein Fähnleinführer mit zwei Fahnen und lieb uns in der gewohnten Formation antreten, die Mädchen auf der einen, die Jungen auf der anderen Seite des Denkmals.
Wir standen mit unseren Fahnen und warteten auf die Ankunft des Bannführers. Eine halben Stunde später gab es immer noch kein Zeichen von dem Mann. Nach einer Stunde fingen die Truppen an ernstlich unruhig zu werden und die Ordnung auseinanderzufallen. Dann erschien ein Pimpf mit der Neuigkeit, dab der Bannführer verschwunden wäre. Er hatte gehört, dab der Kreisleiter, der Bannführer und die gesamte Parteileitung in der Nacht Habelschwerdt mit einem Zug verlassen hätten, wohin wüb te niemand.
Innerhalb weniger Minuten brach jegliche Ordnung zusammen. Ich beobachtete wie der Fähnleinführer mit einem Jungmädchen in die Büsche verschwand. Wir waren wieder führerlos. Irgend jemand machte den Vorschlag, dab wir nach Hause gehen sollten, ein anderer war dagegen und schlug vor, dab wir wenigstens ein Lied singen sollten, um das Hinscheiden des Führers angemessen zu würdigen. Zwei oder drei Pimpfe hoben den Arm, standen stramm vor dem Gedenkstein und brüllten: "Es zittern die morschen Knochen. . .". Einige begannen zu lachen und bewarfen die drei mit Schneebällen. Bald waren alle in eine allgemeine Schneeballschlacht verwickelt. Die Mädchen kreischten.
In diesem Augenblick kam ein Mädchen schreiend den Berg heraufgerannt: "Die Russen kommen! Die Russen kommen den Berg herauf!"
Innerhalb weniger Sekunden rannten alle in allen Richtungen. Ich versteckte mich hinter ein paar Bäumen nicht weit von dem verlassenen Heldengedenkplatz, wo die beiden Hakenkreuzfahnen entehrt im Dreck lagen.
Drei verwilderte Gestalten erschienen, ihre braunen russischen Uniformen zu Fetzen zerfallen, Lappen anstatt Schuhen an den Füb en, mit langem verzotteltem Haar und Bärten, halb verhungerten Gesichtern und irrsinnigen Augen, mehr Tiere als Menschen stolperten sie im Laufschritt über die verlassene Lichtung und verschwanden.
Es waren offensichtlich russische Kriegsgefangene aus dem Lager hinter dem Bahnhof. Wohin rannten sie? Wie war es möglich, dab sie am hellerlichten Tage frei herumliefen?
Vorsichtig folgte ich ihnen. Sie hatten ihre Schritte verlangsamt, sie suchten etwas, dann kamen sie wieder zurück und nahmen einen anderen Weg nach Osten. Von Baum zu Baum schleichend, folgte ich ihrem erratischen Kurs. Ich kannte die Gegend gut, war aber nie in der Senke hinter dem Berg gewesen, in die sie nun hinunterliefen. Ein hoher Drahtzaun erschien. Anscheinend waren sie ihrem Ziel nahe, denn sie begannen wieder zu laufen. Schlieb lich verschwanden sie durch ein offenes Tor in dem Zaun.
Und dann erkannte ich was es war, das sie gesucht hatten: eine süb lich stinkende Wolke, ein Abfallplatz für amputierte Arme und Beine, blutige Bandagen, Tücher, Lazarettmüll, und in diesen Bergen schwelender Debris wühlten die drei Russen auf den Knien nach etwas zu essen. . . .
Für einige Minuten stand ich paralysiert von dieser fürchterlichen Vision, unfähig zu denken oder wegzulaufen, dann rannte ich, bis mir der Atem ausging.
Als ich über die Höhe kam, stand die Sonne schon ziemlich tief und warf ein warmes Licht auf die Eisenbahnbrücke und die Stadt jenseits des scharfen Einschnitts der Neib e unterhalb des Floriansberges.
Es mub in der Nähe des verlassenen Bergbades gewesen sein, dab ich in einer, von den letzten Sonnenstrahlen beschienen Lichtung zwischen den Bäumen, sich etwas Helles bewegen sah. Beim Näherkommen sah ich, dab es zwei Menschen waren, der Fähnleinführer und die Maid.
Sie lagen in dem Sonnenfleck. Ihr blauer Rock hochgeschoben, in ihrer weit offenen Bluse, entblöb t, ihre vollen Brüste, und auf ihr lag, auf seine Ellbogen gestützt, sich langsam auf und ab bewegend ihr Mann, sein weib er Hintern der Kontrapunkt zu ihren Brüsten. Hin und wieder hielt er inne in seinem Wiegen, um sie wild abzuküssen. Dann nahm er seinen langsamen Rythmus wieder auf.
Überrascht fand ich, dab ihr Lieben schön war. Und dann begann sie zu schreien, ein langer, wollüstiger Schrei.
Ich lag in meinem Versteck und Tränen rannen über mein Gesicht. Endlich konnte ich weinen. . .
II.
1945 - 1946
1.
Es war Nacht als ich aufwachte. Das einzige Licht kam von einem Bogen Nachthimmel und dem ab und anschwellendem Glühen der Zigaretten zweier Soldaten, die in der Öffnung des Planwagens sa
b en. Der scharfe Geruch von Pferden und von modernden, alten Kleidungsstücken vermischte mit dem Rauch der Zigaretten hing in der kühlen Nachtluft.
Wir warteten.
Warum? Auf was?
Niemand sprach.
Die angespannte Stille wurde wieder und wieder von den explosiven Ausbrüchen einer Lokomotive unterbrochen, die vergeblich versuchte einen überladenen Zug die steilen Gleise der Bahnlinie auf der anderen Seite des Tales herauf zu ziehen. Nach mehreren mächtigen Atemstöb en der alten Dampfmaschine, drehten die Räder der Lokomotive, mit einem die Nacht zerreib enden Schrei der Schienen, regelmäb ig durch, und wie ein grob es Tier verendete die Maschine mit schwächer und schwächer werdendem Keuchen. Wenige Minuten später versuchte sie wieder aufzustehen, um genauso erbärmlich zu versagen.
Einer von den beiden Soldaten zündete ein Streichholz an und sein Licht warf einen riesig verzerrten Schatten des Mannes auf die rauhe Plane, die den Wagen überdachte. Für wenige Sekunden wurde der Haufen alter Kleider, Decken und Haushaltsgegenstände krab beleuchtet, der den Wagen füllte und mir als Lager diente.
Ich war auf der Flucht, allein und kalt vor Angst.
Der scharfe Knall einer Panzerabwehrkanone hallte durch die Berge gefolgt von dem Geratter eines Maschinengewehrs. Der Soldat fluchte und flehte die Nachhut an, uns Zeit zu geben. Für eine Weile diskutierten die beiden unsere Lage mit unterdrückten Stimmen.
Wir waren noch immer in den böhmischen Bergen oberhalb von Weckelsbach nahe der tschechischen Grenze. Seit Mittag hatten wir nur ganze dreib ig Kilometer geschafft. Die Strab en waren überfüllt von Kolonnen von Flüchtlingen, Soldaten, Pferdewagen und militärischem Gerät, die sich endlos langsam durch die böhmischen Bergpässe nach Süden quälten. Ein Chaos, das durch die Angst vor den Russen bis ins Unerträgliche gesteigert wurde.
Wie nahe waren die russischen Tanks? Warum fuhren wir nicht und sab en hier fest und warteten? Warum war alles wie ein Albtraum, in dem man sich nicht bewegen kann?
Vor zwei Tagen war Vater in der Nacht plötzlich zuhause erschienen, kreidebleich und zehn Jahre älter, als ich ihn vor einigen Wochen in Heinrichau verlassen hatte. Seine Volkssturmeinheit war aufgelöst worden. Man hatte ihnen geraten vor den Russen zu fliehen und sich irgendwie bis hinter die amerikanischen Linien durchzuschlagen.
Mutter packte durch die Nacht. Seit sieben Uhr am nächsten Morgen hatten wir mit unserem Gepäck auf dem Bahnhof gesessen und auf einen Zug nach Westen gewartet. Ein einziger Zug kam über Tag und fuhr ohne zu halten durch, er war so überfüllt, dab kein Platz mehr war. Und die ganze Zeit kamen die Russen näher, Stunde um Stunde.
Schlieb lich, spät in der Nacht, war ein anderer Zug gekommen. Er hielt, und wir erstürmten ihn. Wir standen durch die Nacht, es gab keine Sitzmöglichkeiten mehr. Der Zug kroch quälend langsam nördlich der Berge entlang nach Westen. Gegen sechs Uhr morgens hatten wir erst Waldenburg erreicht. Die Russen waren in der Nacht 40 Kilometer weiter westlich bis zur Bahnlinie durchgebrochen. Wir waren abgeschnitten im letzten unbesetzten Stück Deutschlands. Es war der 7. Mai.
Vollständig paralisiert hatte Vater jeden Willen zu überleben verloren, Mutter mub te alle Entscheidungen fällen. Mit hochrotem Kopf und rücksichtsloser Zielstrebigkeit sammelte sie uns fünf und zog uns in die Stadt. Gegen Mittag war es ihr gelungen, eine Gruppe Soldaten in requirierten Pferdewagen zu überreden, uns nach Süden über die tschechische Grenze mitzunehmen. Vater protestierte schwach, dab die Tschechen uns umbringen würden, lieb Mutter aber endlich mit hängenden Armen gewähren. Wir wurden auf drei verschiedene Wagen verteilt.
Seitdem war alle gewöhnliche Realität in eine Folge intensiv erlebter Bilder zerfallen, surreale Visionen von Angst, Tod, Glück, und Friede.
Der folgende Tag wurde sehr heib , vielleicht aber nur, weil Mutter uns drei verschiedene Lagen von Kleidung übereinander angezogen hatte. Die Sonne brannte auf eine endlosen Schlange verzeifelter Menschen nieder, die sich einem Lindwurm gleich durch Wälder, Wiesen und Felder nach Süden wand: alte Männer, Frauen und Kinder zu Fub , die auf Handwagen und Schubkarren nutzlosen Besitz zogen und schoben, die heulende Kinder obenauf. Dazwischen Militärgerät in völliger Unordnung. Gelegentliche versuchte ein Offizier zu Pferde, Befehle schreiend, Ordnung zu machen. Sie verhallten ungehört. Fliehende Soldaten auf Pferdewagen, die sie einem Bauernflüchtling weiter östlich abgenommen hatten, suchten ihr Glück auf eigene Faust. Niemand kümmerte sich mehr um die einst gefürchtete Militärpolizei. Die Langsamsten diktierten das Fortkommen aller, es gab keinen Platz zum Überholen oder Ausweichen.
Wir hatten die böhmische Ebene bei Adelsberg auf der Südseite der Berge erreicht. Die Felder auf beiden Seiten waren übersät mit weggeworfenem militärischem Gerät und zerbrochenen Wagen.
Dazwischen war der Frühling mit einer bunten Pracht von Blumen ausgebrochen. Schmetterlinge taumelten über dem Kriegsschutt und die Weiden blühten an den Bächen.
Plötzlich waren sie über uns, zwei Jagdflugzeuge, keine hundert Meter hoch. Sie kamen von Süden die Strab e herauf und sprühten Maschinengewehrgarben.
Jemand schrie. Ich sprang aus dem Wagen. Mein Herz schlug rasend, und ich zitterte am ganzen Körper. Ich vergrub mich mit dem Gesicht nach unten im Strab engraben. Und dann kam das zweite Flugzeug genau über der Mitte der Strab e. Menschen schrien. Ein Pferd flog in hohem Bogen durch die Luft und landete tot neben mir im Graben.
Auf dem Höhepunkt der Angst wurde mein Herz plötzlich still, ich verlor alle Furcht und wub te auf einmal, dab der Tod mein schönstes Erlebnis sein würde, und ich habe dieses Wissen seitdem nie wieder verloren.
Ich lag auf einer wundervoll grünen Wiese und schaute in den blauen Himmel. Der Chaos und die Erregung der Strab e waren weit weg. Das in der Ferne verklingende Geheul der schweren Flugzeugmotoren verzauberten das Licht des späten Nachmittags.
Ein Flackgeschütz war endlich aufgewacht und schob nutzlose, kleine, weib e Wölkchen in die Luft zu dem einzigen Zweck, so schien es, den Himmel blauer erscheinen zu lassen. Die Wagen standen und die Pferde grasten ausgeschirrt am unteren Ende der Wiese. Ein Bach gurgelte nicht weit zwischen grün schimmernden Weiden und Büscheln von Blumen. Links begrenzten die Wiese zwei Bauernhäuser.
Eine betörend schöne, junge Frau mit dunklem Haar und grob en Augen in einem ovalen Gesicht wanderte selbstbewub t und mit flieb enden Bewegungen über die Wiese auf mich zu. Sie trug ein langes, weib es Kleid und hielt einen Straub tiefroter Mohnblumen in ihrer Hand. Ich konnte nicht sagen, wer sie war, oder wo sie herkam.
Für viele Jahre suchte ich nach ihr, und wo immer ich eine Landschaft durchwanderte, die mich an ihr erstes Erscheinen erinnerte, schlug mein Herz in der Erwartung, dab ich sie wieder treffen, und sie mir ihr Geheimnib verraten würde. Langsam lehrte sie mich ihr Wesen: Hoch über dem Maintal, wo ich zum erstenmal eine Frau liebte. Auf dem Berg Athos, wo ich während einer einsamen Mittagsstunde, umflattert von Schmetterlingen, die doppelsinnige Allwissenheit der Frau begriff, und anderswo in Griechenland, wo sie zuhause ist. Dort hat sie viele Namen und Orte, die ihr heilig sind: Artemis, Aphrodite, Ariadne. Aber ihr eigentlicher Name ist Kore-Persephone, was mir Alexeía, ihre geheime Priesterin, unter den alten Ölbäumen am Wege zur Akropolis verriet:
"Eines Tages ging Kore, die geliebte Tochter der Demeter, auf eine Wiese in Arkadien, um einen Strauß roter Mohnblumen zu pflücken, die dort von besonders tiefer Farbe sind und ein schwarzes Kreuz auf dem Grund ihrer Blüten haben. Die Sonne schien heib , und der Mohn duftete so stark, dab sie, von süb er Müdigkeit überkommen, auf der blutroten Wiese einschlief. Während sie schlief, öffnete sich die Erde und Pluto, der Herr der Unterwelt, erschien, vergewaltigte sie und entführte sie mit ihrem Blumenstraub in seinen unterirdischen Palast. Dort gab er dem erschöpften Mädchen einen Granatapfel zur Stärkung, wohl wissend, dab ein Mensch, der von einen Granatapfel ib t, dem Reich der Toten verfällt. Die unwissende Kore verschlang die roten Samen und war verurteilt als Plutos Königin Persephone in der Unterwelt zu verweilen. Später zwang ihre unglückliche Mutter dem Zeus das Zugeständnis ab, dab Persephone nach dem Osterfest für ein halbes Jahr als Kore unter den Lebenden weilen durfte, um nach der Ernte des Korns, für den Rest des Jahres, wieder in das Reich des Todes zurückzukehren. Seitdem ist die Farbe des Todes mohnrot und das Licht der Auferstehung weib bei den Griechen."
Inzwischen weib ich, dab die schöne Frau die Gestalt meiner Lieben und meines Todes ist.
2.
Die Nachricht, da
b die deutsche Heeresführung bedingungslos kapituliert hatte, verbreitete sich mit Windeseile unter den Flüchtenden.
Das Ende des Krieges war da. Es war der 8. Mai, 1945. Unser Leidensweg würde nun beginnen.
Es war ein Wunder, dab wir noch alle zusammen waren. Der Wagen, in dem die Zwillinge gesessen hatten, war von den wildgewordenen Pferden umgerissen worden während des Luftangriffes. Beide Pferde waren tot, aber Gerhard und Christine waren unversehrt. Sie fuhren jetzt mit mir.
Wir hatten die Gegend nördlich von Königsgrätz erreicht. Das Gerücht, dab die russischen Tanks uns den letzten Ausweg nach Westen abgeschnitten hätten, verbreitete sich. Bisher hatten wir jedoch noch keinen Russen zu Gesicht bekommen.
Es war an diesem Nachmittag, dab ich kurzerhand entschied, meine und der Zwillinge Identitäten zu zerstören. Ohne den geringsten Zweifel, rib ich unsere Geburtsscheine und Personalausweise, die wir in einem Täschchen um den Hals trugen, in kleine Stücke und warf sie hinter uns aus dem Wagen. Niemand würde je wieder mit Sicherheit sagen können, wer wir wären. Dies ist der Grund, dab Gerhard und ich nicht denselben Familiennamen haben, ich schreibe meinen Gross und er den seinigen Grohs, wie ihn unser Grob vater auf seinem Taufschein eingetragen hatte, den Mutter trug und der deshalb meinem Unternehmen entging.
Gegen Abend fuhren mehr und mehr Wagen an uns in entgegengesetzter Richtung vorüber. Schlieb lich erfuhren wir von einem solchen "Rückkehrer", dab die Russen ein paar Kilometer weiter westlich eine Strab ensperre errichtet hatten, an der sie alle Männer, die alt genug waren, um in der Armee gewesen zu sein, als Kriegsgefangene einsammelten, zivilen Flüchtlingen erlaubte man zu gehen, wohin sie wollten, und viele zogen wieder Richtung "Heimat" zurück.
Das Pandemonium, das dieses Gerücht erzeugte, war überwältigend, überall standen am Strab enrand Soldaten in Unterhosen herum, die sich ihrer Uniformen entledigt hatten, und nun mit den Flüchtlingen um Zivilanzüge feilschten.
Im Strab engraben lagen mehrere Männer in der Uniform der ukrainischen Wlasow Armee, die seit Jahren auf deutscher Seite gekämpft hatten. Sie hatten sich bewub tlos getrunken.
Vater, völlig demoralisiert, unfähig klar zu denken, stand seines Lebens müde mit hängenden Armen seiner Frau gegenüber und erklärte, dab er in Gefangenschaft gehen würde. Mutter bestand darauf, sofort umzukehren. Sie stritten sich für kostbare Minuten. Schlieb lich, ohne weiter auf Vater zu hören, überredete Mutter impulsiv zwei Soldaten, uns ihren zweispännigen Wagen zu überlassen, packte uns und unser Gepäck hinein und schrie ihren verzweifelt unentschlossenen Mann an, die Pferde am Halfter zu nehmen und den Wagen umzukehren. Dieses war das zweitemal in zwei Tagen, dab sie ihm das Leben rettete.
Gegen Abend erreichten wir Königsgrätz, wo man uns sagte, dab wir einen "propusk", einen Erlaubnisschein vom russischen Stadtkommandanten brauchten um weiterzufahren. Zusammen mit hunderten anderer Flüchtlinge wurden wir in ein Notlager am Rande der Stadt gepfercht.
Eines von den beiden Pferden an unserem Wagen hatte schon den ganzen Nachmittag über gehinkt. Als Vater und ich es jetzt ausspannten legte es sich hin und weigerte sich wieder aufzustehen. Gegen Abend, zwei Stunden später, begann es furchterregend zu röcheln. Plötzlich sprang es auf, schleppte sich bis in einen Graben am Rande des Lagers und brach heftig zitternd zusammen. Ein Mann mit einer Maschinenpistole, der gerade vorbeikam, schob das sterbende Tier mehrmals in den Kopf, bis es still war.
Dann kam die tschechische Siegesnacht.
Die Dunkelheit hatte kaum begonnen, als das Schieb en bereits begann, mit und ohne Leuchtgeschosse, in die Luft, auf alles was sich bewegte, überall um uns herum. Der Himmel sah aus wie in der Neujahrsnacht. Feuer wurden angezündet, und Gruppen von, bis an die Zähne bewaffneter, Betrunkener rannten durch die Gegend. Gegen Mitternacht erschien ein Haufen Tschechen im Lager, die mit Gewehren fuchtelnd Uhren, Schmuck und Frauen verlangten. Einer kletterte in unseren Wagen, hielt dem kleinen Dieter, den er am Bein hochhielt, seine Pistole an den Kopf und verlangte "Frau und Gold". Vater gab ihm seine Taschenuhr. Mutter fand er zu alt.
Der neue Tag begann heib er als je. Es gab keinen Schatten, kein Wasser, keine Toiletten und nichts zu essen. Die wenigen Baracken im Lager waren in einem solchen Zustand der Verschmutzung, dab wir es vorzogen auf der blob en Erde zu kampieren. Gegen Morgen erschienen ein paar russische Soldaten mit Maschinenpistolen, um die Flüchtlinge im Lager vor der aufgebrachten Bevölkerung zu beschützen. Sie waren blutjung, kaum zwanzig, freundlich, diszipliniert und hilfreich und die ersten Russen, die wir zu Gesicht bekamen.
Mutter hatte entschieden, dab wir, um zu überleben, so schnell wie möglich aus diesem Ort herauskommen und nach Habelschwerdt zurückkehren müb ten. Vater kannte die Gegend, es war nicht weit und die Strab en waren gut.
Mutter ging allein in die Stadt, wo sie den ganzen Tag über verschwunden blieb. Gegen sechs Uhr abends kam sie triumphierend mit einem Papier in der Hand zurück, auf dem eine Menge kyrillischer Buchstaben geschrieben standen und der grob e Stempel des sowjetischen Militärkommandanten prangte. Merkwürdig, wie das gefürchtete Symbol von Hammer und Sichel fähig war, uns über Nacht Vertrauen einzuflöb en. - Mutter hat uns nie erzählt, was sie in der Stadt erlebt hatte.
Es wurde beschlossen, dab wir vor Dunkelheit das Lager verlassen und auf Nebenstrab en im Schutze der Nacht Königsgrätz umgehen sollten. Aber dann kamen praktische Probleme. Vater konnte nicht herausfinden, wie er das verbliebene Pferd allein vor den Wagen spannen sollte. Zu zweit probierten wir alle möglichen Kombinationen des vorhandenen Doppelgeschirrs. Ein älterer Mann half uns schlieb lich aus unserer Misere und bot sich an, uns zu begleiten. Ich wechselte auf seinen Wagen über, um unser müdes Pferd zu entlasten. Es war Nacht geworden, bevor wir schlieb lich ins Ungewisse aufbrachen.
Die Feuerwerke und Schieb ereien hielten noch immer an in der Stadt, aber die Landstrab en waren leer und ruhig. Vielleicht hatten die Menschen Angst vor den einsamen Strassen, vielleicht war es nur Glück, dab uns nichts geschah in dieser Nacht auf unserem Weg nach Hause. Mutters Propusk wirkte Wunder, es öffnete uns mehrere russische Kontrollpunkte in dieser Nacht.
Alle gröb eren Ansiedlungen meidend, wählten wir, mit äub erster Vorsicht, unseren Weg nach Osten. Hin und wieder berieten sich Vater und der Mann auf meinem Wagen im Flüsterton, wie wir weiterfahren sollten. Unsere müden Pferde wurden zu unserer zweite Sorge. Sie waren kaum noch fähig, die Wagen zu ziehen., aber wir konnten jetzt nicht rasten. Gegen Mogen erreichten wir die Berge bei Nachod, auf denen die Grenze zwischen der Tschechei und der Grafschaft Glatz verlief.
Hinter Nachod war die Strab e von einem kilometerlangen Stau von Flüchtlingswagen verstopft. Man erzählte uns, daß die Russen in Kudowa an der Grenze wieder einmal nach entlaufenen Soldaten suchten und die Reisepapiere aller Flüchtlinge kontrollierten. Nach zwei Stunden waren wir an der Reihe. Ein Offizier und zwei russische Soldaten durchsuchten unseren Wagen. Ich mub te meinen Knieverband abwickeln. Die Soldaten lachten, sie könnten nicht sehen, was an meinem Knie "kaput" wäre. Dann fragten sie mich nach meinen Alter. Ich erklärte ihnen, dab ich dreizehn wäre. Sie schauten sich fragend an, und lieb en mich dann nach einer endlosen Minute gehen.
Mein Reisegefährte kam nicht ganz so leicht davon. Sie wollten ihm seine sechzig Jahre nicht glauben. Unter lautem Protest griff er sich in den Mund, nahm sein Gebib heraus und hielt die Prothese triumphierend hoch, während er Unverständliches aus seinem zahnlosen Mund schrie. Die Russen lachten und winkten uns über die Grenze.
Dann kam Mutter angelaufen, Tränen rannen ihr übers Gesicht. Ich wub te sofort, was hatte geschehen sollen, war geschehen. Sie hatten Vater mitgenommen.
Ich lief hinter ihr her, um ihn zu suchen. Aber er war in einer Gruppe Gefangener verschwunden, die von Soldaten mit Maschinenpistolen bewacht auf der Strab e nach Glatz weggetrieben wurden.
Als wir uns ein letztesmal nach ihnen umsahen, war ein junger Mann plötzlich aus der Gruppe ausgebrochen und lief auf einen Garten voller blühender Kirschbäume zu. Zwei Soldaten erhoben ihre Gewehre und schossen fast gleichzeitig. Der Mann machte eine Luftsprung und lag dann bewegungslos im Grase. Langsam wie Schneeflocken senkten sich, von den Schüssen ausgelöst, weib e Blütenblätter auf ihn herunter und bedeckte seinen leblosen Körper.
3.
Wir fanden die Gellhorns noch in unserem Haus. Sie begrüb ten uns mit geheuchelter Freude. Inzwischen hatten sie sich in der Eltern Schlafzimmer einquartiert, und er trug einen von Vaters Anzügen. Wieder in meinem eigenen Bett zu schlafen, aber war ein himmlisches Gefühl.
Wenn ich heute diese Heimkehr bedenke, besonders nachdem mir Irmgard die Erlebnisse ihrer Flucht im Winter 1944 mit zwei kleinen Kindern aus Breslau und ihres Lebens in den darauffolgenden Jahren erzählt hat, dann erkenne ich erst, was Mutters impulsive Entscheidung, in Königsgrätz umzukehren, für uns bedeutete. Wir hatten für das nächste Jahr, so schwierig es auch immer werden würde, ein festes Zuhause, eine bekannte Umgebung, Freunde die zu uns standen und genügend verkäufliche Dinge um zu überleben. Es ist fraglich, ob wir eine Chance gehabt hätten, und das sah Mutter damals ganz klar, selbst die nächsten zwei Wochen als heimatlose Flüchtlinge in der Tschechei zu überleben. Und den Gellhorns, so entsetzt Mutter war von ihren zahlreichen Übergriffe auf unseren Besitz, verdankten wir, dab dieses Zuhause überhaupt noch existierte, als wir zurückkamen.
Abgesehen von dem fälschlich bombardierten Haus, hatte der Krieg keine Schäden in Habelschwerdt hinterlassen, eine Folge der frühzeitig abgereisten Parteifunktionäre. Ein paar eifrige Hitlerjungen, die die Eisenbahnbrücke sprengen wollten, hatten nicht gewub t, wie sie das anstellen sollten. Aber die Stadt war eine faszinierende Müllgrube von Kriegsmaterial. Die Gräben hinter unserem Haus, die der Volkssturm ausgeschachtet hatte, waren randvoll mit Munition, Panzerfäusten, Uniformen, Stahlhelmen und elektronischem Gerät gefüllt. Auf dem Sigritz lagen drei Fieseler-Storch Flugzeuge, und auf der Strab enkreuzung vor dem Krankenhaus stand für Monate ein kettenloser Tank.
In der Villa des Kreisleiter hauste jetzt der sowjetische Militärkommandant, aber die tägliche Verwaltung der Stadt, hatten die Russen einem "Volksrat" deutscher Altkommunisten übertragen, Gott weib , wo sie die gefunden hatten.
Der Kommandant hatte ein Ausgehverbot verhängt, um nicht nachzustehen hatte der Volksrat den surrealen Befehl erlassen, dab alle Luftschutzverdunkelungen beseitigt und alle Gehsteige innerhalb einer Woche vom Unkraut befreit sein müb ten: "Zuwiderhandlungen gegen diese Bestimmung werden mit Gefängnis bestraft!"
Die Gellhorns, die sich bereits als erfahrene Bürger der neuen Ordnung fühlten - wir waren doch weggelaufen, nicht wahr - waren darauf bedacht, dab wir diesen Anordnungen genauestens Folge leisteten. Das Abnehmen der schwarzen Papiere, mit denen die Fenster verklebt gewesen waren, war nicht schwer. Es öffnete Ausblicke auf Berge, derer ich mich nicht mehr erinnern konnte, sie je gesehen zu haben.
Aber der Gehsteig war eine andere Sache. Er war nie geteert worden und voller Unkraut. Niemand hatte den Gehsteig je benutzt, aub er als Futterquelle für die Kaninchen, die allenthalben in den Häusern der Gartenstrab e als Fleischzusatz gezogen wurden. So zogen wir drei Kinder am frühen Morgen nach unerer Heimkehr, das Wetter war immer noch so heib , und jäteten Unkraut vor unserem Grundstück. Wir verbrachten den Rest der Woche mit dieser harten Arbeit.
Am dritten Tag, wir hatten schon sehr zeitig mit der Arbeit auf der Strab e begonnen, hielt ein Flüchtlingswagen mit einer dreiköpfigen Familie auf der Altheiderstrab e. Die Frau rief mich zu sich und fragte mich nach dem Haus von Dr. Grob . Als ich ihr sagte, dab ich sein Sohn sei, gab sie mir einen Schlüssel und einen Brief in Vaters Handschrift, mit den Worten, dab er sie gebeten hätte, diese Dinge seiner Frau zu geben.
Mein Herz setzte für einen Schlag aus. Ich rannte ins Haus, um Mutter zu holen. Als ich sie schlieb lich gefunden hatte, war der Wagen schon lange über alle Berge.
Mutter las den Brief mit Tränen kämpfend. Vater schrieb, dab sie nach Glatz getrieben würden, wo sie in einem Gefangenenlager in der ehemaligen Gebirgsjägerkaserne gesammelt werden sollten. Es ginge ihm so ganz gut, aber sein schwaches Herz mache ihm Schwierigkeiten bei der Hitze und den langen Fub märschen.
In der Nacht hatte Mutter zum erstenmal die wahnwitzige Idee, zu Fub nach Glatz zu gehen und Vater aus dem Gefangenenlager herauszuschmuggeln. Wie würde sie ihn aber unter den tausenden von Männern finden? Es kostete mich mehrere Stunden, sie davon zu überzeugen, dab dieser verzweifelten Plan schierer Wahnsinn wäre und darin enden müb te, dab sie beide erschossen werden würden.
Wir hatten nicht viel Zeit über soche Rettungspläne nachzugrübeln, am Ende der Woche marschierte eine Truppe Soldaten unsere Strab e hinunter. Wir schlossen alle Türen und Fenster und versteckten uns hinter den Gardinen. Es waren die gefürchteten Mongolen mit Schlitzaugen und breiten Backenknochen. Sie marschierten in geschlossener Formation und sangen schwermütige Lieder, die uns gleichzeitig in Traurigkeit und Grausen versetzten. Was würde jetzt geschehen? Neugierig schlüpften wir Kinder aus dem Hause. Mutter hatte uns streng verboten aus dem Garten zu gehen.
Wir fanden, dab die Truppe am Ende der Strab e haltgemacht hatte und dab zwei russische Offiziere von Haus zu Haus gingen, um für ihre Soldaten Quartiere zu suchen. Mutter gab mir einen Schlüssel und die Anordnung, dab ich sagen sollte, dab sie nicht zuhause wäre. Es dauerte eine lange Zeit, bis die beiden Offiziere bis zu uns heraufgekommen waren, und dann fanden wir, dab sie freundlich waren und gar keine Ungeheuer und obendrein unerwartet gut Deutsch sprachen. Sie suchten jetzt nur noch nach einer Unterkunft für sich selber. Als ich ihnen sagte, dab Mutter nicht zuhause wäre, fragten sie, ob ich eine Schwester hätte. Ich zeigte alarmiert auf Christine, sie lachten und zuckten die Achseln, sie würden später wiederkommen.
So kam es, dab in dieser Nacht zwei russische Offiziere in meines Vaters Zimmer schliefen, während er in russischer Gefangenschaft war. Mutter lud sie zum Abendessen ein, und sie erschienen zu Tisch mit zwei Flaschen Wodka als Geschenk. Und obgleich keiner von uns das wasserklare Zeug probieren mochte, waren wir allesamt charmiert von unseren beiden Gästen. Die Disziplin war musterhaft, auch unter den mongolischen Soldaten, und am nächsten Morgen zogen sie singend wieder ab.
Während der darauffolgenden Wochen hatten wir noch andere unangemeldete russische Gäste. Einer ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Er hatte zuerst bei den Laubes gegenüber geläutet. Die Laubes gerieten in Panik und machten nicht auf. Daraufhin verlor der arme Muschik, der ganz allein war, sein Pferd und Wagen hatte er auf unserer Strab enseite abgestellt, seine Geduld und entleerte seine Automatik durch das Glas der Laubeschen Haustür. - Später zählten wir zehn Einschub löcher in der Decke ihrer Veranda. Die Tür war in Scherben.
Nach diesem Fehlversuch wanderte er zu uns herüber. Mutter hatte etwas dazugelernt und öffnete die Tür, lieb ihn ins Haus, und versuchte den erregten Mann zu beruhigen. Er fragte sogleich nach Vodka. Mutter sagte: "Vodka nyet, voda da!" und zeigte auf den Wasserhahn in der Küche. Er akzeptierte ein Glas Wasser, brachte seinen Wagen in unseren Garten, schleppte einen riesigen Seesack ins Haus und legte sich auf dem Bett in der Veranda schlafen.
Später lud ihn Mutter zum Abendessen ein. Für eine geraume Weile weigerte er sich, aber nach vielen Gesten auf Mutters Seite - er sprach keinerlei Deutsch - gab er nach. Bevor er zu Tisch kam verschwand er noch einmal in seinem Zimmer und suchte für eine lange Zeit nach irgend etwas in seinem Sack. Uns war schon wieder bange geworden, als er mit einem breiten Lachen und einem halben Pfund, für uns nahezu unerhältlicher, Butter erschien, das er Mutter ganz förmlich überreichte.
Nach dieser erfolgreichen Episode wurden wir "russenfreundlich", was den nächsten Besuch - drei halbbetrunkene Männer mit einem offenen Lastwagen - dazu ermutigte, uns, ehe wir begriffen hatten, was geschah, von unserem kostbaren Blaupunktradio zu befreien. Ich sehe sie das Ding noch obenauf, auf einen Haufen anderen Plunders werfen, sie hielten den schönen Apparat zwischen sich fest und lachten, als sie Richtung Altheide abfuhren.
4.
Es mu
b in der ersten Juniwoche gewesen sein, dab Frau Schlachthofdirektor Schigulla bei uns klingelte. Mutter war etwas befremdet "diese Frau", mit der sie noch nie gesprochen hatte, in unserem Haus zu sehen. Aber hier stand sie, die einzige Person, die ein Telephon besab in unserer Umgebung, mit einer Nachricht von Vater aus Glatz. Eine ehemalige Glatzer Nachbarin, die als Krankenschwester in dem Gefangenenlager arbeitete, hatte Vater dort gefunden. Sie lieb uns wissen, dab es Vater bis auf seine Herzgeschichte, gut ginge und dab er in der Krankenabteilung des Lagers von deutschem Personal gut behandelt würde.
Jetzt konnte ich Mutter nicht länger davon abhalten, bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen war sie bereits auf dem Wege nach Glatz. Es gab noch immer keine Züge, so ging sie zu Fub . Unter normalen Umständen wäre das ein guter Tagesmarsch gewesen, 15 Kilometer, aber das Land war voller russischer Soldaten, und der Krieg war gerade erst zuende gegangen. Es benötigte einigen Mut, sich als Frau allein auf so einen Weg zu wagen. Sie wollte die Strab e durch die Dörfer an der Neib e entlang nehmen, weil der ihr mehr Schutz bieten würde als die Strab e über den Mellingpab . Sie verkleidete sich als alte Bauersfrau mit einem Korb und Kopftuch.
"Ach Unsinn," hatte sie mit einer entschiedenen Kopfbewegung zu mir gesagt, als sie wegging, "was sollen die Soldaten mit mir alter Frau schon anfangen. Und wenn schon, es wird mich nicht umbringen. . ."
Sie mub te mehrmals Männer abschütteln, die ihr folgten, erreichte aber Glatz und das Haus unserer ehemaligen Nachbarn ohne Zwischenfall und vor der abendlichen Ausgehsperre.
Wir hatten verschiedene Möglichkeiten diskutiert, wie sie in das Lager kommen könnte, aber keiner der Vorschläge erschienen mir praktisch ausführbar. Sie fand einen weiteren, besseren Weg in Glatz. Auf dem Wege zu den Kasernen kam sie an der Gärtnerei vorbei, die einem anderen alten Bekannten gehörte. Der füllte ihren Korb mit Erdbeeren. Jetzt sah sie wie eine Bauersfrau aus, die Erdbeeren zu verkaufen hatte.
Die Krankenschwester hatte Mutter die Lage der Krankenbaracke direkt hinter dem Stacheldrahtzaun am nördlichen Ende des Lagers genau beschrieben. Mutter kannte die Umgebung gut. Sie wanderte am Zaun der Kaserne entlang den Berg hinauf, ohne dab irgendjemand von ihr Notiz nahm und überraschte ihren Mann, wie er am Zaun, aub erhalb der Baracke stand.
Vater wurde bleich und konnte nur stottern, "Mein Gott, Käthe was tust du hier? Bitte gehe weg, so schnell wie du kannst. Niemand kann sagen, was geschehen würde, wenn sie dich hier sähen. Bitte, Käthe, bitte, geh weg." Er wandte sich von ihr ab und verschwand ohne ein weiteres Wort in der Baracke.
Mutter ging in Tränen, überwältigt von ihrer Erschöpfung, ihren Ängsten und Wochen der Spannung und vergeblichen Liebe zu diesem Mann.
Aber als sie auf dem Rückweg an dem Haupteingang zu der Kaserne vorbeikam, hatte sie wieder so viel Mut geschöpft, dab sie einen zweiten, noch gewagteren Anschlag unternahm.
Das Tor wurde von einem einzigen Soldaten bewacht, auf den sie jetzt mit ihrem mütterlichsten Lächeln zusteuerte. Es war sonst niemand in der Nähe. Sie bot ihm von ihren Erdbeeren an. In diesem Augenblick kam ein Jeep voller Offiziere die Strab e herauf. Der Soldat machte eine Bewegung, dab sie sich schnell verstecken sollte. Sie hockte sich hinter eine Mauer an der Strab e. Der Mann nahm Haltung an, grüb te, und das Jeep verschwand durch das Tor. Als die Luft wieder rein war, winkte er ihr: "Komm Frau, komm!" sagte er. Sie kam aus ihrem Versteck, gab ihm die versprochene Handvoll Beeren und ein Packen Zigaretten, die sie in ihrer Tasche gefunden hatte, und der gutmütige Mensch lieb sie passieren!
Sie ging geradewegs zur Krankenbaracke.
Vater hat später gesagt, dab Mutters plötzliches Erscheinen in seinem Zimmer, wo er weinend auf seinem Bett gesessen hatte, den Kopf in seinen Händen, ihn so erschreckt hätte, dab er beinahe tot umgefallen wäre. Aber seine Stubengenossen klatschten Beifall und gingen hinaus um aufzupassen, dab niemand die beiden überraschte, und Mutter konnte ihren Mann endlich umarmen und ihm einen Kub geben.
Sie brauchte zwei Tage für den Heimweg, aber sie kam unbehelligt zu uns zurück.
Vaters Gesundheit war nicht so schlecht, wie es zuerst erschien, der deutsche Arzt hatte seine Herzprobleme übertrieben, in der Hoffnung eine Gelegenheit finden zu können, ihn aus dem Lager herauszuschmuggeln. Aber die Zeit war kostbar, seit Wochen gingen Gerüchte um, dab die Sowjets beabsichtigten, in flagranter Verletzung der Genfer Konvention, alle Gefangene nach Sibirien zu verschleppen, auch diejenigen, die nach Kriegsende gemacht worden waren, und niemand in der Welt würde sie daran hindern.
Gegen Ende Juni begannen die Abtransporte, und nur eine erschütternd kleine Zahl der Männer überlebten. So erschien es wie ein Wunder, als Frau Schigulla ein zweitesmal bei uns erschien mit der Nachricht, dab Vater dem Lager entkommen sei und im städtischen Krankenhaus in Glatz läge, das noch von deutschen Ärzten betreut wurde.
Mutter fuhr am nächsten Tag sofort nach Glatz. Es gab jetzt wieder einen gelegentlichen Zug, aber der war so überfüllt, dab sie nur, aub en an der Treppe angehängt, mitkam.
Vater war sehr krank. Er hatte Mutter kaum erkannt. Die russische Lagerärztin hatte Typhus diagnostiziert und aus Furcht, dab er im Lager sterben könnte, Vater mit einem Propusk herausgeschafft, das für einen unbekannten Mann ausgestellt worden war, den ein Pferd gebissen hatte. Der Stempel des Lagerkommandanten hatte seinen Dienst getan.
Die wenigen Ärzte in dem Krankenhaus warnten Mutter, dab es sehr schwer sein würde, Vater in seinem Zustand lebend durchzubringen. Das Krankenhaus war völlig überfüllt, sie hatten keine Medikamente, kein Personal, nichts zu essen, alle Instrumente waren von den Russen geplündert worden, und der Dreck und die Ratten nahmen täglich zu. Aber sie versprachen Mutter, dab sie versuchen würden zu tun, was sie konnten unter den Umständen, und Mutter schöpfte wieder Hoffnung.
Die entsetzliche Hitze dauerte nun schon zwei Monate. Das ganze Land war von einem süb lich, nach verbranntem Fleisch und Abfall stinkenden Smog bedeckt, und jeden Abend versank die Sonne in einem spektakulären Sonnenuntergang.
Es war an einem solchen Tag, dab ich Vater besuchen fuhr. Ich trug einen Sack mit Nahrungsmitteln und einen anderen mit Vaters Mikroskop, das ich den Ärzten als Dank und Abzahlung überreichen sollte. Der Zug war so voll, dab es meine ganze Kraft und Frechheit bedurfte, mich in ein Abteil zu zwängen. Menschen hingen an den Plattformen, sab en auf den Puffern, und einige hatten sogar das Dach des Wagens erklommen.
Ich habe vor kranken Menschen immer einen Widerwillen gehabt, und ich fand Vater in einem noch viel schrecklicheren Zustand, als ich mir ihn nach Mutters Beschreibung vorgestellt hatte. Er hatte so viel an Gewicht verloren, dab er ein bloßes Skelett war. Nahezu sein ganzes Haar war ausgefallen. Er hing an einem Tropf, um ihn vor dem Vertrockenen zu bewahren. Wegen der Hitze standen alle Fenster weit offen, und hunderte von Fliegen umschwärmten die Kranken. Die Toiletten und die Bettwäsche waren seit Tagen nicht gesäubert worden. Der Dreck und der Gestank waren unbeschreiblich. Es gab nur einen Krankenwärter auf der Station, mit dem zusammen ich schlieb lich Vaters besudeltes Bettlaken wechselte.
Vater war zu schwach um zu sprechen, aber er war lange genug wach, um mich wenigstens zu erkennen. So sab ich für mehrere Stunden an seinem Bett, wedelte ihm Luft zu und verscheuchte die Fliegen von seinem Gesicht.
Die Sonne sank bereits blutrot in die stinkende Düsternis, als ich an dem verlorenen Güterbahnhof von Glatz auf den Zug wartete. Es war dort, dab aus einem offenen Fenster eines Schaltturmes die unendlich traurige Stimme eines Mannes herüberklang, der molto grave sang:
Ich hatt' einen Kameraden, einen besser'n find'st du
nicht.
Er ging an meiner Seite im gleichen Schritt und Tritt.
Eine Kugel kam geflogen, gilt sie mir oder gilt sie dir?
Sie hat ihn weggerissen,
Er liegt zu meinen Füb en,
Als wär's ein Stück von mir,
Als wär's ein Stück von mir.
5.
Unsere kleine Stadt hatte eine neue Zeitung. Nun ja, es war dasselbe alte Provizblättchen: Das Tageblatt für Kreis und Stadt Habelschwerdt war wie der Phönix aus der Asche des Weltunterganges wieder auferstanden. Es sah genauso aus wie früher, hatte dieselbe Titelseite, nur der Untertitel "Herausgegeben von der Kreisleitung der NSDAP" war ersezt worden durch "Herausgegeben von der Sowjetischen Militärkommandatur für Deutschland". So einfach war das.
Da es nicht genügend Papier gab, um eine grö
b ere Ausgabe zu drucken, wurden die Seiten in den Glaskästen, die früher der Parteileitung vorbehalten gewesen waren, öffentlich für die Bürger zum Lesen ausgestellt. Im Kasten vor dem Büro der Druckerei gab es sogar Bilder zu sehen.
Dort sah ich eines Tages die ersten Bilder aus den Konzentrationslagern.
Ich konnte ihnen keinen Glauben schenken. Mit nur ganz wenigen Zweifeln war ich überzeugt, dab es Bilder aus den sowjetischen Lagern waren, die die deutsche Armee gefunden hatte, und die die Russen jetzt auf die Deutschen abzuwälzen versuchten.
Jeder hatte 1941 - in demselben Kasten - die Bilder von langen Reihen toter polnischer Offiziere gesehen, die die deutsche Armee in Katyn in Ostpolen ausgegraben hatte. Sie waren von einer internationalen Kommission aus der Schweiz und Schweden eindeutig als von den Russen erschossen identifiziert worden.
Vielleicht hatte es auch deutsche Lager gegeben, wo man Ziegeuner und Juden hingebracht hatte, wie der Text andeutete - und tatsächlich sahen viele von den verhungerten Menschen auf den Photos jüdisch aus - aber es konnten nicht wahr sein. Kein Deutscher hätte sich dazu hergegeben, Frauen und Kinder mit Giftgas umzubringen, in grob en Öfen zu verbrennen, oder zu ganzen Bergen aufeinander anzuhäufen, wie es die Bilder zeigten. Und die Anzahl der Ermordeten, von denen die Zeitung berichtete, war unvorstellbar grob . Die Photos mub ten gefälscht, der Text Lüge sein. Es konnte nicht wahr sein.
Wie einfach es war Lügen zu fabrizieren: In einer anderen Ausgabe der Zeitung wurde berichtet, dab Adolf Hitler in seinem Bunker in der Reichskanzlei in Berlin sich zusammen mit seiner Frau das Leben genommen hätte. Zusammen mit seiner Frau? Wenn das keine Lüge war, wer hatte je von einer Frau Hitlers gehört? Das Photo zeigte einen verkohlten Klumpen, der vage an die Form eines Menschen erinnerte - wie hatten die Russen diese Schwarze Masse als Hitler identifizieren können? Es war schwer zu glauben.
In den darauffolgenden Monaten zeigte die Zeitung für Wochen Bilder unserer ehemaligen Führer, die die Alliierten in Nürnberg eingesperrt hatten und jetz vor einem amerikanischen Gericht als "Kriegsverbrecher" anklagten. Die begleitenden Artikel waren so rachsüchtig, die Bilder so entstellt und voller Hab , dab sie eine andere Welle der Entrüstung bei mir hervorriefen. Warum, wenn sie diese Männer so hab ten, hatten die Alliierten sie nicht einfach an die Wand gestellt und erschossen? Das war ihr Recht, sie waren die Sieger. Aber dieser Nürnberger Gerichtshof, dieses Schauspiel der "Gerechtigkeit" waren eine Farce. Wie konnten Angehörige der Nationen, die Dresden und Hamburg auf dem Gewissen hatten, von den Russen ganz zu schweigen, über die ihnen Unterlegenen "richten", ohne ihre eigenen "Verbrecher an der Menschlichkeit" ebenfalls zu verurteilen? - Und trotz der Ungeheuerlichkeit der "Nazi"-Verbrechen ist, nach Hiroshima, den sowjetischen Lagern, Vietnam und dem Fall der Mauer, dieses Problem noch immer eine unbefriedigte Frage für mein Verständnis.
Ich wehrte mich mit allen Fasern gegen diese "Diffamierungen", wie ich sie sah, gegen die Verunglimpflichungen von allem, das mir bisher gut, schön und heilig erschienen war. Ich war nicht blind gewesen, ich hatte 1938 die Flüchtlinge aus dem Sudentenland gesehen, die Hetze in den englischen und amerikanischen Zeitungen gelesen, wir waren nicht die einzigen Schuldigen an diesem Krieg. Wir waren auch nicht alle "Nazis" gewesen. Trotzdem verfolgten mich diese Bilder, und es wurde täglich schwieriger, mich gegen ihren Ansturm zu verteidigen.
Auf dem Höhepunkt meiner Verwirrung hatte ich ein traumatisches Erlebnis. Bei einem Gang durch die Stadt, in der schmalen Gasse hinter der katholischen Kirche, traf ich unerwartet den Musiklehrer aus der Aufbauschule, der uns immer ein Lied der Bewegung singen lieb .
Ohne Nachzudenken hob ich meinen Arm zum deutschen Grub und sagte "Heil Hitler!", wie es vor vier Monaten noch de rigeur gewesen war. Aber jetzt war dies gefährlich, ich war ein Junge, aber den Lehrer hätten sie einsperren und zu Tode prügeln können, wie sie den Geschäftsführer unseres Lebensmittelladens in den Kellern der Geheimpolizei neben dem Kino zu Tode geprügelt hatten.
Gott sei Dank hatte uns niemand beobachtet. Der Lehrer sah weg und verdrückte sich schnell in eine Seitenstrab e, und ich rib meine Hand herunter, als ob ich mich verbrannt hätte.
Aber es war nicht nur die Angst, die mich nach dieser Dummheit verfolgte - es war die verwirrende Entdeckung, dab Adolf Hitlers Name mit einem Male für mich zu einer Beschämung geworden war. Ich entdeckte, dab ich im Begriff war meinen Glauben zu verlieren.
Die meisten Albträume, die ihren Ursprung in den Erlebnissen dieses Jahres hatten, haben aufgehört mich zu verfolgen, aber bis zu diesem Tag wache ich noch gelegentlich auf, weil ich irgend jemanden im Traum mit "Heil Hitler!" gegrüb t habe.
Für Monate kämpfte ich gegen den langsamen Zerfall meiner Ideale, gegen das Verwesen meiner Heroen und Vorbilder und den Verlust eines Teiles meiner deutschen Identität, für die diese Symbole einstanden. Begriffe wie Nationalstolz, Patriotismus, Vaterland, das Singen von Nationalhymnen und Volksliedern, das Vorzeigen von Flaggen und Uniformen, die "Nationalpronome" "Wir", "Uns", und "Unser" verloren nicht nur jegliche Bedeutung für mich, sondern treiben mir bis heute das Blut der blinden Verzweiflung in meinen Kopf, ganz gleichgültig um was für eine Nation es sich handelt.
Eine grob e Traurigkeit überkam mich. Zuerst nur vage, später aber immer klarer, verstand ich, dab ich nie wieder fähig sein würde Ideale zu haben, sterblichen oder unsterblichen Heroen nachzufolgen, oder konventionell zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.
Auf der anderen Seite war ich erst vierzehn, und war noch nicht von den "Krücken" abhängig, die diese authoritären Strukturen meinem Vater und seiner Generation gegeben hatten, und die ihnen die eigene Entscheidungen weitgehend abnahmen, so lange sie willens waren, sich ihren Organisationen unterzuordnen. Ich fand mich frei von allen authoritären Beschränkungen, ich konnte tuen und lassen, was innerhalb meiner eigenen Fähigkeiten und Urteilsfähigkeit lag, und ich machte rücksichtslosen Gebrauch von dieser Freiheit.
6.
Hermann war noch immer mein bester Freund. Er hatte sich von der Quecksilbervergiftung erholt und baute in seiner Mutter Keller an einem richtigen Boot, das von einem kleinen Benzinmotor angetrieben werden sollte, den er irgendwo "gefunden" hatte.
Wir fühlten uns, wenn wir zusammen auszogen, wie Robin Hood. Wir stahlen, oder "organisierten", wie das damals genannt wurde, ehemals deutsches Material, das die russischen Feinde in Besitz genommen hatten. Alles war recht und billig: Die drei verlassenen Fiseler-Storch Flugzeuge auf dem Sigritz zum Beispiel. Mit Hammer und Mei
b el nahm ich die Zündmagnetos und mehrere Instrumente aus dem Armaturenbrett heraus. Weil dies einen ungeheuren Lärm machte, mub te Christine Schmiere stehen bei dieser Arbeit. Dann fanden wir eine Lagerstelle für elektronische Geräte, tragbare Sendeempfänger, Telephone und dergleichen, eine ganz grob e Versuchung, insbesondere weil der Platz von bewaffneten Russen bewacht war. Einmal stolperte ich bei einer Operation dort über einen Haufen Radioröhren. Das splitternde Glas weckte die schlafenden Bewacher auf, die uns mit ihren Maschinenpistolen verfolgten. Ich bin nie wieder so gerannt. Wir entkamen ihnen nur wegen unserer besseren "Vertrautheit mit dem Terrain". Dies war der letzte gefährliche Beutezug, Mutter verbot uns alle solche Unternehmungen. Das einzige, was ich nie anrührte, war Munition. Es gab zu viele Kinder mit abgerissenen Armen und Händen, von denen ich wub te, als dab mich Explosionsfeuerwerke gereizt hätten.
Es gab aber noch genügend Dinge in den Schützengräben hinter unserem Haus, die nicht so gefährlich waren. Nach und nach hatte ich ein ganzes elektronisches Labor angesammelt, in dem ich die Experimente in Vaters Kollegheften nachzuahmen versuchte. Es war eine aufregende Zeit des Lernens.
Merkwürdigerweise vergriffen wir uns noch nicht an Nahrungsmitteln. Trotzdem ich oft genauso hungrig war wie ein Jahr später, war das Stehlen von den Bauern oder aus deutschen Läden damals noch tabu. Ich stahl allerdings manchmal mit klopfendem Herzen, wenn mein Hunger zu grob wurde, von Mutters mageren Vorräten im Keller ein bib chen Quark oder eine Scheibe Butter. Sie mub davon gewub t haben, sagte jedoch nie etwas. Vielleicht tat ihr ihr grob er Junge Leid.
In der Mitte des Juni waren unsere Vorräte weitgehend aufgegessen. Seit sechs Wochen hatten wir keinen Zucker, keine Milch, Käse, oder Butter kaufen können und Fleisch nur ein einziges Mal, als Frau Schigulla uns wissen lieb , dab ein Pferd bei ihnen angeliefert worden wäre. Ihr Mann hätte das Fleisch untersucht und für einwandfrei befunden, ob wir davon ein paar Pfund haben wollten? So ab en wir Pferdefleisch an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen. Einen Kühlschrank hatten wir natürlich nicht in diesen Tagen.
Schlieb lich kam Mutter zu der gefürchteten Einsicht, daß wir würden "Hamstern" gehen müssen, um zu überleben, wir mub ten versuchen ein paar unserer Habseligkeiten bei den Bauern gegen Nahrungsmittel einzutauschen. Da Hamstern dem Betteln so nahe verwand ist und Mutter sich an ähnliche, erniedrigende Ausflüge während der zwanziger Jahre erinnerte, war ihr der Gedanke sehr schwer. Zusammen beschlossen wir, dab wir nach Spätenwalde gehen würden, wo wir mehrere Bauern kannten, und Vater einen guten Namen hatte.
Jeder von uns trug einen Rucksack mit allen möglichen Dingen, die wir nicht länger benötigten: ein Paar Schuhe von Vater, Vaters schwarzen Sonntagsanzug, seinen guten Hut, einige Silberlöffel. Der Weg ging für zwei Stunden durch die Wälder auf der Jestelkoppe. Mutter war sehr besorgt gewesen, die Wälder waren für Wochen unsicher gewesen, voller Russen, die dort kampiert oder nach entflohenen deutschen Soldaten gesucht hatten, aber wir trafen keine Seele.
Gegen Mittag entkamen wir den Wäldern hoch über dem engen Tal mit seinen kleinen Häusern und einem Bach, der sich auf seinem Grund dahin schlängelte. Der Weg endete an dem kleinen Hof von Frau Ponzel, eine alleinstehende Witwe, die nur ein paar Hühner, Gänse und zwei Ziegen besab , aber sie war immer sehr gut zu uns gewesen.
Einmal waren Vater und ich bei ihr eingekehrt und ich durfte im Hinterhof spielen. Die Gänse hatten mich angezischt, und ich hatte versucht, sie zu verscheuchen. Ich war so erfolgreich, dab eine von den wohlgemästeten Vögeln in wilder Panik und mit lautem Geschrei von der hohen Wiese über das Dach des Hauses geflogen war. Sie landete unter dem Haus, tot an einem Herzinfarkt. Vater war sehr besorgt gewesen, und wollte der armen Frau die Gans abkaufen, aber sie wollte nichts davon wissen. Die Gans wurde umgehend geschlachtet und für den Winter eingebüchst.
Frau Ponzel lud uns mit einem breiten Lachen zum Essen ein. Sie lieb keine unserer halbherzigen Ausflüchte gelten, wir mub ten bleiben. "Wir haben uns ja so lange nicht gesehen," sagte sie. "Man hört ja so entsetzliche Dinge dieser Tage. Wie geht es ihrem Herrn Gemahl?" fragte sie Mutter, "Und meinen lieben Zwillingen?" Gerhard und Christine hatten im Sommer vor einem Jahr für ein paar Wochen bei ihr gewohnt.
Während des Essens brachte Mutter ganz vorsichtig ihr Anliegen vor. Ob Frau Ponzel uns gegen die Dinge, die wir mitgebracht hatten, etwas zu essen eintauschen würde? Wir hätten alle unsere Vorräte aufgegessen, und es gäbe nichts zu kaufen in der Stadt. Ja natürlich, sagte die gute Frau, sie hätte selber nicht viel, aber sie hätte gerade Ziegenquark gemacht, wenn wir den möchten, und ein paar Eier könnte sie sicher auch bei den Hühnern für uns finden. Aber sie wollte entschieden keine unserer Wertsachen dafür annehmen: "Was soll ich alte Frau mit diesen Dingen machen?"
Wohl gefüllt und ermutigt wanderten wir zu den Geißlers im Sattel am oberen Ende des Dorfes. Der Geib ler war einer der reichsten Bauern in Spätenwalde, er besab eine kleine Herde von Kühen und ein grob es Stück beinahe ebenes Land. Er war sehr viel weniger freundlich als die arme Witwe, aber in herablassendem Ton sagte er, "wir werden doch unsere alten Freunde nicht darben lassen!" Er füllte unseren Rucksack mit einem Pfund Butter, zwei Büchsen Schweinefleisch und fünf Eiern, und bat uns, ihn dem Herrn Doktor zu empfehlen. Von unseren Tauschwaren wollte auch er nichts wissen, "Das ist doch selbstverständlich, Frau Doktor Gross!"
Dies war unsere erste Hamstertour. Ermutigt davon wie einfach es war zu hamstern, meinte ich, dab wir sehr erfolgreich gewesen wären. Mutter aber fühlte sich erniedrigt. Die Bauern hatten sich geweigert, die einzige Bezahlung anzunehmen, die wir anzubieten hatten, für sie war es eben doch nur einfaches Betteln.
Später, als die Polen wie Lokust auf uns einfielen, fand sie ohne grob e Schwierigkeiten Leute, die willens waren gutes Geld für Vaters alte Anzüge zu zahlen.
Der letzte Akt des deutschen Volksrates, ehe er von den Polen abgeschafft und durch einen polnischen Bürgermeister ersetzt wurde, war ein Dekret, das verlangte, dab jede männliche Person über 14 Jahre eine Arbeitsbescheinigung mit sich führen mub te oder riskierte verhaftet zu werden. Diese Anordnung, so schwer sie ohne Polizeigewalt durchsetzbar war, würde später der polnischen Militia eine "legale" Handhabe für manch eine brutale Verprügelung geben.
Mutter aber war froh darüber. Sie sah voraus, dab keine der deutschen Schulen in der nahen Zukunft wieder eröffnet werden würde, und diese Anordnung kam ihr gerade recht, um mich von meinem "losen Leben" abzubringen. Am 1. Juli wurde ich mit meinen 14 Jahren zum Ernährer meiner Familie ernannt.
7.
Irmgard und ich fuhren also nach Spätenwalde, alias Zalesie, an diesem wundervollen Frülingstag, und ich stelle mir vor, wie schön es gewesen wäre, wenn Christine mitgefahren wäre. Dann mü
b te ich nicht alles zweimal erzählen, und sie könnte Irmgard und mir helfen, die Dinge zu finden, von denen ich nichts wußte
Am unteren Ende der ehemaligen Gartenstrab e kommt man auf die Altweib tritzer Strab e, die bald steil in das Tal der Weib tritz und das Dorf selber hinunterführt. Auf dieser Abfahrt habe ich einmal einen Geschwindigkeitsrekord von ganzen 50 km/h erreicht, stehend auf Vaters Fahrrad, es hatte einen Tachometer. Ich war sehr Stolz. Dann kommen zwei scharfe Kurven. In der ersten gab es einen unbenutzten Steinbruch, in dem es im Winter herrliche Eisfälle gab, die ein grob e Anziehung auf mich ausübten und deswegen das Mib trauen meiner Eltern erregten, es war mir streng verboten dort Klettern zu gehen. Der Steinbruch ist überwachsen aber noch vorhanden.
Oh, Gott, dann sehe ich schon wieder ein Gespenst: auf dem kurzen Stück zwischen den beiden Kurven gehen Vater und ich an seiner rechten Seite - er hörte schwer auf seinem linken Ohr - und er erklärt mir mit Entschiedenheit, dab Onanieren - er beschreibt ungeschickt, wie man das macht - ungesund wäre, besonders für meine Nerven und dab er mir deshalb dringend davon abriete.
Irmgard protestiert, dab ich zu oft an Sex dächte. Ich zucke die Achseln, was soll ich machen, so war es eben. Ich war erst zehn und hatte davon nur theoretisch von meinen Schulfreunden gehört.
Das Tal ist schmal und die Bauernhöfe reihen sich an der Strab e entlang. Sie sind offensichtlich in privaten Händen und trotz der Ärmlichkeit des Bodens in erstaunlich gutem Zustand. Es geht alles viel zu schnell mit dem Auto. Da ist der Gasthof, in dem die polnischen und französischen Kriegsgefangenen lebten, die auf den Höfen arbeiteten, bewacht von einem einzelnen Soldaten.
Den Hof auf dessen Feldern mich das Pferd schlug, kann ich nicht eindeutig finden, aber andere Erinnerungen, aus der Zeit, in der ich dort arbeitete, kommen zurück, schreckliche und merkwürdige.
Beim Essen, wenn wir um den grob en Tisch in der Wohnküche sab en, betete die Bäuerin immer erst fünf Ave Marias, du Gebenedeite unter den Weibern, in mechanisch rapider Folge. Beten, so schnell? und "Gebenedeite", was war das? Und beim Mittagessen?
Die schreckliche Erinnerung hat wieder mit Vater zu tun. Die Polen, die auf dem Hof arbeiteten, ein jüngere Frau und ein Mann, hatten beim Dreschen gemeutert, ich weib nicht weswegen. Als ich am Abend zuhause darüber berichtete, hatte Vater mir erregt geraten, dab ich einen Stock nehmen sollte, "um das Gesindel zu schlagen, und hart. Denen mub man zeigen, was sie schuldig sind!" Ich war entsetzt, mein schwacher, gutmütiger Vater, wie konnte er so etwas denken, geschweige denn von mir verlangen?
Dann kommt die verrostete Fabrik, die während des Krieges allerlei kriegswichtige Metallteile fabrizierte, und in der ich 1946 ein Ingenieursbuch stahl, aus dem ich mir das technische Zeichnen beibrachte. Daneben die Bücke, über die die Straße nach Spätenwalde abbiegt. Die Strab e ist kaum breit genug für das Auto und verschwindet sofort hinter der Brücke in einem engen Tunnel zwischen steilen Hängen und Büschen, eine Kurve nach der anderen. Ich fahre ganz langsam und hoffe, dab mir niemand entgegenkommen wird.
Irmgard seufzt wie schön die Landschaft wäre. Ich habe noch keine Zeit gefunden, das zu bemerken. Ich lauere auf eine Vision in jeder Kurve, aber dieser Teil des Weges ist nicht in meinem Gedächtnis hängen geblieben, er erschien anders in meinen Träumen, und die Gespenster bleiben aus.
Dann erscheinen die ersten Häuser. Wo ist der Hof, in dem wir in einer kalten Dezembernacht zum Schweineschlachten eingeladen waren? Es gab so viel Fleisch, dab mir schlecht wurde, frisches, wabbliges Wellfleisch und Blutwürste, und das Fett triefte nur so. Selbst die Einheimischen benötigten grob e Mengen klaren Schnapps' , um so viel essen zu können. Der Abend war sehr fidel, und eine Ehre für Vater und eine noch gröb ere für mich.
Und wo ist Christine, welches ist das Haus der guten Frau Ponzel? Ich kann es nicht ausmachen, und fragen möchte ich nicht.
Die Kirche und das Schulhaus ziehen auf der linken Seite vorbei. Beide sind in bestem Zustand, aber ich kann mich ihrer nicht erinnern. Überhaupt sind alle Höfe in so gutem Zustand, dab es schwierig ist, ein "romantisches" Photo zu machen. In meiner Erinnerung war dies einmal ein sehr armes Bergdorf gewesen, das erst Vater geholfen hatte, in ein Musterdorf hochzupäppeln. Wovon leben die Menschen dort heute, Ackerbau auf diesen steilen Hängen? Es gibt zu wenig Vieh, als dab Viehzucht oder Milch eine Einkunft sein könnten.
Die Strab e geht steil den Berg hinauf, eine kleine Brücke über den Bach, dann verwandelt sich die Teerdecke in einen unfahrbaren Feldweg. Wir sind gerade unter dem Sattel, auf dem ich glaubte, den Geib lerschen Hof zu finden, in dem wir Vater versteckt gehalten hatten. Ich lasse den Wagen stehen und gehe ein Stück weiter auf Suche und finde die Mauerreste und einen Schornstein eines Hauses. Ob es das Geib lersche war? Warum sollte gerade der gröb te und fruchtbarste Hof im Ort verfallen sein? Es ist nicht zu verstehen.
Als ich wieder zurückkomme, sitzt meine 80-jährige Tante Irmgard auf einem Holzstapel und baumelt mit den Beinen, um sie herum hat sie eine wunderschöne Brotzeit für uns ausgebreitet. Nun da ich meine erste, unruhige Neugier befriedigt habe, kann ich endlich die Landschaft betrachten.
Hinter uns ist eine steile Wiese voller Butterblumen und Hahnenfub . Irmgard sucht nach den grob en, gelben Glatzer Rosen, findet aber keine. Sie sind schon immer selten gewesen, zu unserer Zeit waren sie geschützt. Vater liebte sie sehr. Dazwischen stehen vereinzelte Büsche mit kleinen weib en Blüten. Sind es Schlehen, die im Herbst die kleinen uneb bar sauren Pflaumen tragen? Die Wiese mub einmal ein Feld gewesen sein. Rechts am Hang steht der Schornstein des verfallenen Hauses, ein überwachsener Weg führt dorthin. Neben der Brücke wird der Bach von hohen Buchen, Haselnub büschen und Weiden umsäumt.
Aus den Weiden konnte man stimmbare Flöten machen. Man mub te einen passenden Zweig abschneiden und seine Rinde sehr vorsichtig mit dem Haft des Taschenmessers beklopfen, bis sich das feste Holz herausziehen lieb . An einem Ende schnitt man dann ein Flötenmundstück aus dem Holz, der Rest diente als Stimmstock. Es war eine wirkliche Kunst und konnte nur im Frühjahr gelingen, wenn der Saft in die Weiden stieg.
Das einzige Geräusch in dieser Mittagstunde ist das Gurgeln des Baches. Die Kinder des Dorfes bauten früher kleine Wasseräder in den Bächen, und siehe da, ein paar hundert Meter weiter unten, neben einem sehr schönen Hof finde ich wie ehedem ein schnurrendes Wasserrädchen. Aber die mysteriösen Wasserhammerpumpen, die die Bauern hier bauten zur Bewässerung der Bergwiesen, gibt es nicht mehr. Man würde sonst ihr rythmisches Knallen meilenweit hören.
Das Tal fällt, auf beiden Seiten eingerahmt von sanften Hügelwellen nach Osten ab, was den Hügeln in der Entfernung den Anschein kleiner Berge gibt. Obenauf tragen sie dichten Mischwald. Feldwege, teilweise noch immer von uralten Steinwällen eingesäumt, durchziehen die Hänge, die so steil sind, dab sie sich nur mit Ochsen pflügen lieb en, Pferde waren zu störrisch, und ein Traktor würde einfach umkippen.
Ich sehe, dab dies eine sehr menschliche Landschaft ist, keine drohenden Klippen oder steinernen Gipfel, die zu Selbstbeweisen verlocken. Sie schenkt einem ein stilles Glück, vielleicht auch die mystisch kleinbürgerliche Zufriedenheit und meditative Beschaulichkeit, die Böhme oder Eichendorf kannten.
Wir fahren zurück und das Weib tritztal weiter hinauf nach Voigtsdorf-Voitkowitce und Hammer-Mloty, was beides direkte Übersetzungen sind. Die Welt wird immer verträumter. Ich folge meiner Intuition auf einem Waldweg durch hohen Fichtenbestand und lande in Donnerloch, so hieb en die paar Höfe im Sattel auf der Höhe einmal. Hier wird es wirklich "ursprünglich", wie Marianne sagt, die Häuser sind aus dicken, verwitterten Lärchenstämmen erbaut. Sie hatten einst ebensolche Schindeln, die inzwischen Wellblech gewichen sind. Die Höfe sind noch um einiges ärmer als im Tal.
Und just in dieser abgelegen Gegend steht ein grob er Reisebus aus Westdeutschland. Die alten Muttchen sind ausgestiegen und schwärmen über die Wiesen und graben wieder nach "Heimatpflanzen". Die Männer wandern herum und photographieren. Einer steht und starrt einen steinernen, blumengeschmückten Gekreuzigten in einer Wegegabel an. Ich steige aus und rede mit ihm. Er kam einmal aus einem Nachbardorf. "Sehen Sie doch nur", sagt er mit zitternder Stimme, "die Marter trägt noch die ursprüngliche Widmung von 1763, in grob en deutschen Buchstaben."
Zwei Kilometer weiter, oberhalb des Dorfes Brand, wir sind wieder ganz allein, steht unter alten Buchen ein einzelnes Haus. Ich starre es sprachlos an, es ist ein altes Gasthaus. Hier kehrten Vater und ich im Winter oft mittags beim Schifahren ein. Ich parke den Wagen unter zwei riesigen Tannen und wandere zu dem Haus hinüber. Alle Türen sind weit offen, die Schiehalter im Eingangsflur sind noch da, die Toilette stinkt noch genau wie früher. Ich rufe, aber keine Seele antwortet mir. Ein Dornröschenschlob denke ich, sie schlafen seit fünfzig Jahren hier und dringe in das Gastzimmer vor. Es ist wie ehedem mit Fellstühlen möbliert und langen, rohen Holztischen, Hirschköpfe mit vielendigen Geweihen stieren glasäugig von den Wänden, und dann sehe ich den Hund, ein zottiges Ungeheuer so grob wie ein Kalb. Er liegt in der offenen Tür zum Garten und sonnt sich. Als er meiner gewahr wird, dreht er seinen Kopf herum, wirft mir einen drohend warnenden Blick zu und erhebt sich ganz langsam zu seiner vollen Gröb e. . .
8.
Recht eigentlich war es eine gloreicher Zeit voller unmöglicher Geschichten, meine Lehrzeit als Automechaniker. Die Werkstatt war die grö
b te in Habelschwerdt und hatte dem Vater eines Klassenkameraden gehört. Seitdem hatten sie die Russen übernommen, die einfach einen jungen Unteroffizier als Leiter dort eingesetzt hatten. Der sab im Büro und machte den Verbindungsmann zum russischen Militär, unserem einzigen Kunden. Die technische Arbeit überlieb er der erprobten Mannschaft, die eine seltene Mischung war aus älteren deutschen Mechanikern, entlaufenen Soldaten und Kuriositäten aus allen Ländern Europas.
Wladimir, der Russe, war ein kleiner, muskulöser, rothaariger Gemütsmensch von etwa 30 Jahren, der es liebte seine rauhe Seite herauszukehren, der aber gesellig und umgänglich war, solange er nicht getrunken hatte. Was selten vorkam. Seine Passion galt den beiden Mädchen im Büro. Als mich der Vormann, der mich eingestellt hatte, ihm zum erstenmal vorstellte, unterzeichnete er meine Anstellungspapiere mit den Worten, "Lab 's gut sein, Franz, geht schon alles in Ordnung," ohne seine linke Hand von der blonden Christa zu nehmen, die auf seinem Schob sab . Christa hatte hochgesteckte Haare, sah trotz ihrer zwanzig Jahre alt und abgenutzt aus und hatte die schrecklichsten Launen. Ihre brünette Kollegin hielt sich den Boss erfolgreicher vom Leibe, mub te dafür aber alle Büroarbeit machen.
In guter, altdeutscher Tadition begann meine Lehre in der Kehrkolonne, eine bunte Gruppe aus einem halben Dutzend ungelernter Männer zwischen sechzehn und sechzig. Wir mub ten die Zufallsarbeiten machen, gekehrt wurde nur selten.
Jeden Morgen mub ten wir den Holzvergaser füllen, in Brand setzen und fahrbereit machen. Der Holzvergaser, ein zylindrischer Ofen von zwei Meter Höhe, verbrannte Buchenholzklötzchen zu "Holzgas", er war hinter dem Fahrerhaus auf einem Opellastwagen montiert. Das Gas aus den Holzklötzchen, die in grob en Säcken auf der Prische mitgeschleppt werden mub ten, ersetzte das kostbare Benzin. Wenn der Ofen erst einmal brannte, fuhr der Wagen ganz zuverlässig, aber im Winter dauerte es manchmal eine Stunde bis der Vergaser so weit war.
Der Holzvergaser war eine Erfindung aus dem Kriege, das andere Relikt des Hauses, ein Traktor mit Glühkopfmotor entstammte dem 19. Jahrhundert. Diese Maschine hatte einen einzigen, enormen, horizontalen Zylinder von etwa zwei Liter Hubraum. An seinem Ende besab er einen birnenartigen Auswuchs, in den eine Pumpe den Brennnstoff einspritzte. Aber zuerst mub te der Glühkopf mit einem geräuschvollen Benzinbrenner von aub en und mit der Hand zum Glühen gebracht werden. Wenn der Kopf rot war, drehten wir zu zweit an einer Kurbel, während der dritte Mann das Pumpventil genau zur rechten Zeit vor dem oberen Totpunkt öffnen mub te, sonst lief das Ding rückwärts. Das infernale Gebell des endlich laufenden Motors war der Höhepunkt jeden Morgens und während des Startrituals stand regelmäb ig die gesamten Kehrkolonne um die Maschine herum, um die beiden Drehleute anzufeuern. Die Sage war, dab der Motor unverwüb tlich wäre und alles fräb e was brennbar und flüssig war, von dicken Ölabfällen bis zu Wodka.
Die Höhepunkte des ersten Monats waren die Expeditionen mit dem Holzvergaser zur Schraubenfabrik in Altweißtritz und zur "Kuhfarm". Aus den Lagern der verlassenen Fabrik requerierten wir regelmäb ig Schrauben, Muttern und anderen in der Werkstatt benötigte Dinge - und ich stahl unter der Hand die Bücher des ehemaligen Ingenieurbüros, für die sich sonst niemand interessierte.
Die Reisen zur Kuhfarm dienten anderen Zwecken. Die Russen hatten auf dem Sigritz eine ehemalige Radiostation besetzt und dort eine grob e Herde in der Umgebung "erbeuteter" Kühe zusammengetrieben, die nachts im ehemaligen Schlafraum der Station untergebracht waren. Während des Tages weideten die Kühe unter der Bewachung zweier Soldaten mit Maschinenpistolen auf den umliegenden Feldern. Jede Woche erschossen die Kuhhirten ein Kuh, und wir mub ten die Leiche mit dem Holzvergaser zur weiteren Verwendung abholen. Jeder von uns bekam am Freitag darauf ein schönes Stück Fleisch, das mehr Wert war als das ganze Gehalt, das man mir zahlte.
Für Wochen konnte ich nicht verstehen, warum diese Reisen so populär waren, die ganze Kehrkolonne rib sich um die Arbeit, die Kuh abholen zu dürfen. Dazu kam, dab meine Kollegen, so dreckig die Witze waren, die sie mir täglich erzählten, mir jedesmal andeuteten, dab ich zu jung wäre "für die Arbeit" auf der Kuhfarm. Schlieb lich stahl ich mich eines Tages doch auf den Holzvergaser, um das Rätsel zu lösen. Ich schnüffelte überall in den Gebäuden der Station herum, bis ich eine Tür öffnete und in dem Zimmer auf einem Bett einen meiner Kollegen mit heruntergezogenen Hosen in voller Aktion auf einem Mädchen überraschte. Es stellte sich heraus, dab der Mann nicht der einzige war, der ein Mädchen besucht hatte. Das Rätsel war gelöst, die Kuhfarm war ein Puff! Erstaunlicherweise standen die Mädchen dort, ohne jede Eifersucht, nicht nur den Russen sondern auch ihren Angestellten kostenlos zur Verfügung.
Ich habe die Einzelheiten dieses interessanten mezhdunaródnij sotsialisticheskij eksperiment nie ganz aufklären können, denn nach dieser Entdeckung durfte ich nie wieder auf die Kuhfarm mitfahren.
Die Mädchen, die die praktischen Russen mit den Kühen zusammen auf den Dörfern aufgelesen hatten, melkten aub erdem auch noch die Kühe, und die Milch wurde ebenfalls jeden Morgen an uns verteilt. Ich bekam sogar, weil ich drei kleine Geschwister zuhause hatte, anderthalb Liter jeden Tag! Die Milch, die aus der Kuhfarm flob , und das Fleisch ihrer schwarzen Kühe retteten unsere Familie vor dem Verhungern in diesen Monaten.
Obendrein bekam ich jeden Tag ein Mittagessen in der russischen Kantine im Gasthof "Zum Grünen Baum". Es gab meistens Krautsuppe mit dem übriggebliebenen Kuhfleisch, die Russen nannten es borschch. Es war reichlich, und Mutter war ihren hungrigsten Esser los.
Das Leben in der Kehrkolonne war ansonsten recht langweilig, es gabe einfach nicht genug Arbeit für so viele Esel. Für Stunden lagerten wir beisammen abseits vom Verkehr in einem dunklen Raum, der bis nahe unter die Decke mit Reinigungslumpen gefüllt war und wetteiferten im Geschichtenerzählen, natürlich überwiegend "schmutzige". Wenn es mir dort zu langweilig wurde, zog ich mich auf den komfortablen Hintersitz eines räderlosen Mercedeswracks zurück und verschlang mit heib em Kopf meinen ersten Softpornschmöker. Ich entsinne mich nicht mehr, wo der herkam, aber ich könnte heute noch den ganzen romantischen Inhalt wiedergeben.
Nach dieser Einführung in die Volksseele war ich, jedenfalls theoretisch, mit allen Wassern gewaschen, und niemand konnte mir je wieder "was" erzählen, nicht einmal die Arbeiter in den Salzbergwerken von Niedersachsen, wo ich von 1951 bis 54 mein Studiengeld verdiente.
Nach anderthalb Monaten ging das bequeme Leben zuende, ich wurde befördert. Zunächst lernte ich, wie man einen Motor überholt. Für Tage durfte ich mit einem Handrädchen die zwölf Ventile eines Lastwagenmotors einschleifen. Dann wurde ich dem Motoradspezialisten zugeteilt. Dies war ein "feiner Herr", dessen halbgebildeter Zynismus weitaus schlimmer war, als die Witze der rauhen aber gutmütigen Jungen der Kehrkolonne. Im Ende half ich einem unrasierten, buckligen Gnom von einem Tschechen beim Reparieren von Autokühlern. Dieser Mensch, der aus der schwärzesten Unterwelt zu kommen schien, war ein wirklicher Künstler mit seinem Salmiak und Lötkolben.
Während der Zeit mit dem Motoradmann vertraute man mir eines Tages die Reparatur eines Reifens am Motorrad eines russischen Majors an. Man hatte mir gesagt, er wohne im Hotel Grüner Baum.
Nach längerem Suchen fand ich seine Zimmertür im zweiten Stock. Ich mub te mehrmals klopfen, bevor mir ein Man mit riesigen Händen öffnete. Er war so stark betrunken, dab er nur schwer aufrecht stehen konnte. Auf der Suche nach einem Halt am Geländer der Treppe, hatte er die Tür weit offen gelassen. In dem mit dichtem Zigarettenrauch gefüllten Zimmer, im grauen Gegenlicht eines gekreuzten Fensters, stand ein langer, mit Flaschen und Speisen überladener Tisch. Fab ziniert von diesem Berg eb barer Dinge, hatte ich die Frau gar nicht bemerkt, die in einem, bis zu den Hüften hochgeschobenen Uniformrock, mit brutal offen gespreizten Beinen im Vordergrund neben dem Tisch auf einem Stuhl sab und mich gereizt anstarrte. Ein kalter Schauer durchlief mich, als sich unsere Blicke trafen, noch nie hatte ich in derartig gnadenlos grausame Augen geschaut. Ich hatte das unmittelbare Gefühl, dab diese Frau fähig wäre, mich mit ihren blob en Händen umzubringen. Wer war diese Frau? In diesem Augenblick hob sie einen Fub und stieb die Tür mit grob er Gewalt zu.
Diese Episode kam mir schlagartig fünfunddreib ig Jahre später in Tbilisi ins Bewub tsein. Wir waren mit unserem Freund Merab auf ein grob es Volksfest gegangen. Ich hatte mich mit meiner Kamera abgesetzt, um den farbenprächtigen Trubel allein nach Motiven zu durchsuchen. Da begegnete ich dieser Frau ein zweites Mal. Ihr streng geknotetes Haar war inzwischen grau geworden. Bequem im schönen Lande der Georgier pensioniert, war sie fett geworden. Sie trug dieselbe braune Uniform, denselben jetzt lächerlich kurzen Rock. Auf ihren immensen Brüsten prangten Reihen über Reihen von Medallien, vom Stalinorden bis zum Orden des 20. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik. Ich sah sie zuerst aus einiger Entfernung und lief mit meinem Teleobjektiv auf sie zu, um ein Bild ihres hochdekorierten Brustkissens zu machen. Als sie mich sah, ging sie zum Angriff über. Mit dem russischen Schlachtruf: "Ich werde dich töten, du Bulgar!" raste sie wie ein Urtier auf mich zu. Ich zog mich langsam zurück, immer noch verzweifelt versuchend, meine Kamera auf ihr von Lastern und Passionen gezeichnetes Gesicht einzustellen. Als ich endlich ihre wahnsinnigen Augen, ein Lid zuckte unkontrolliert, in meinem Sucher erkennen konnte, wub te ich plötzlich, wo ich schon einmal in diese Augen geschaut hatte. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Ich trat fluchtartig den Rückzug an.
Merab meinte, sie wäre eine Krankenschwester aus dem grob en patriotischen Krieg. Ich aber wub te, dab diese Frau Männer mit ihren blob en Händen getötet hatte. Merab schüttelte den Kopf.
Der Major, plötzlich von dem Knall der Tür ernüchtert, wurde sich endlich meiner bewub t, stieb sich von dem Geländer ab, richtete sich auf und stolperte mit mir in den Keller hinunter, wo sein Mototrad stand.
Eine Stunde später war der Reifen wieder heil, aber ich fürchtete mich, den Augen noch einmal gegenüberstehen zu müssen. Ein Hoteljunge holte mir schlieb lich den Major in den Keller herunter. Er schaute sich sein Motorad an und zog mich dann am Arm in einen anderen Kellerraum, wo er ein Wasserglas bis zum Rand mit Wodka füllte.
"Trink!" sagte er und schob mir das Glas über den Tisch zu. Ich erwog die Menge des Alkohols und meine Chancen die Tür zu erreichen. Ich wub te, dab ich tot umfallen würde, wenn ich nur die Hälfte des harten Zeuges tränke, aber der Mann mit den grob en Händen stand zwischen mir und der Tür. Ich konnte nicht weglaufen.
Ich schüttelte meinen Kopf.
Seine Augen wurden klein und drohten kalt. "Trink! Dawai!" bellte er mich an. Das Glas stand noch immer zwischen uns auf dem Tisch. Was immer geschehen würde, ich konnte den Wodka nicht trinken. In wirklicher Furcht versuchte ich ihn zu beruhigen, "Nyet, spasibo!" versuchte ich zögernd.
Plötzlich verwandelte sich sein Gesicht in ein Lachen, "Du Mutter? Du Schwester?" fragte er. Ungewib , was jetzt kommen würde, nickte ich. Er begann in einem grob en Karton zu wühlen. Endlich hatte er gefunden, was er suchte, und glücklich wie ein Kind preb te er ein Pfund kostbarer Butter in meine Hände. . .
An einem grauen Tage im frühen November kam Vater unerwartet aus Spätenwalde nach Hause. Der Pole, der den Hof usurpiert hatte, hatte ihn hinausgeworfen. Just in diesem kritischen Moment verlor ich meine Arbeit, allerdings nicht unerwartet. Seit mehreren Wochen wurden die Russen in Schüben nach Hause abtransportiert, wie wir heute wissen, überwiegend in die Lager Sibiriens. Schlesien überlieb man, ohne uns zu fragen, den Polen. Aus Mangel an Arbeit schlob die Reparaturwerkstatt.
9.
Es war ein gro
b es Unglück. Seit August waren nach und nach eine grob e Anzahl von Polen in Habelschwerdt angekommen, die meisten aus den angrenzenden polnischen Gebieten. Ein polnischer Bürgermeister hatte den deutschen Volksrat ersetzt. Die Ordnung war vom russischen Militär in die Hände einer korrupten und gnadenlosen polnischen Miliz übergegangen, und eine polnische Wohnungskommission trieb ihr Unwesen. Die paar Zloty, die ich aus der Werkstatt nach Hause gebracht hatte, und die Miete, die unsere polnischen Zwangsmieter zahlten, waren unser einziges Einkommen. Mutter begann unseren Besitz zu verkaufen, um ihre Kinder und jetzt auch noch ihren Mann zu ernähren. Lange konnten wir so nicht weiterleben.
Seit zwei Monaten lebten wir zu fünft in der Eltern ehemaligem Schlafzimmer im Oberstock. Den Rest des Hauses hatte die polnische Wohnungskomission beschlagnahmt. In den unteren Zimmern lebte ein liebes, jüngeres Ehepaar aus Tschenstochowa mit einem Baby. Ihnen war auch die Küche zugefallen, wir kochten im Badezimmer. Im ehemaligen Kinderzimmer oben wohnte ein Militiaoffizier mit seinen verschiedenen, ständig wechselnden Frauen. Die Mieter bezahlten eine kleine, von der Kommission festgesetzte, Miete, aber für das Geld zwang der Offizier Mutter obendrein seine Wäsche zu waschen, einschlieb lich der gelegentlich blutbefleckten Bettlaken.
Und jetzt war Vater auch zuhause, immer noch sehr schwach und deprimiert, eine Person mehr in dem schon übervölkerten, kleinen Zimmer und einer mehr, der gefüttert werden mub te. Wir mub ten beide schnellstens eine Arbeit finden und nicht blob aus finanziellen Gründen.
Es war gefährlich geworden für einen deutschen Mann ohne Arbeitsbescheinigung auf der Strab e angetroffen zu werden, selbst am hellen Tage. Aub erdem mub te seit August jeder Deutsche eine weib e Armbinde tragen. Die polnische Militia, oft in Zivil, kämmte die Stadt Tag und Nacht auf der Suche nach Männern ohne die Bescheinigung, die der deutsche Volksrat ursprünglich eingeführt hatte. Deutsche ohne Binde oder Männer ohne Arbeit, die gefunden wurden, wurden verhaftet und verschwanden oft für Tage in dem gefürchteten Keller der Militia neben dem Kino. Keiner der Verhafteten sprach freiwillig über seine Erlebnisse dort, falls er überhaupt wieder auftauchte.
Ich entsinne mich der kalten Angst, die mich ergriff, als ich eines Tages auf dem Weg zum Grünen Baum mit meinen Kollegen fand, dab ich meine Armbinde vergessen hatte. Der Meister beruhigte mich, es wäre nicht weit, aber vor dem Eingang des Hotels erwischte mich doch ein Militiamann in Zivil. Er war gerade dabei, mich mit Gewalt festzunehmen, als meine Freunde mit der russischen Militärpolizei aus dem Hotel zurückkamen, und der Mann eiligst das Weite suchte.
Diesmal verschaffte mir mein Freund Hermann einen neuen Job in einem Radiorepaturladen. Er arbeitete dort auch, zusammen mit einem aus der Rüstungsindustrie entlaufenen Elektroingenieur, einem alten Elektriker und einem anderen Jungen meines Alters, dessen alleinstehende Mutter mit einem russischen Offizier lebte. Sie waren Flüchtlinge aus der Gegend von Breslau, und ihr Mann war im Krieg gefallen.
Auf dem Rückweg von Brand zu unserem Hotel in Glatz am späten Nachmittag machten wir Halt in Habelschwerdt. Wir brauchten beide einen Kaffe und Irmgard wünschte sich ein Eis. Das Kaffe an der Hauptstrab e, in dem wir regelmäb ig auf dem Rückweg vom Baden ein unerlaubtes Eis erstanden hatten - "mach mal hu!" würden wir zueinander sagen, um herauszufinden, ob Mutter das Eis würde riechen können - ist nicht mehr, aber ein anderes hat sich in der ehemaligen Drogerie (so wurde das ausgesprochen) am Ring aufgetan. Wir setzen uns an die Theke. Eine junge Frau nimmt unsere Wünsche entgegen.
Eine ältere Frau mit weib en Haaren und einem offenen Gesicht spricht uns vom anderen Ende der Theke in flieb endem Deutsch an: "Wo kommen sie her?" Ich zeige ihr abwehrend meine Trumpfkarte: "Aus Amerika!" "Von so weit weg," sagt sie, "aber ich meinte eigentlich, kommen sie ursprünglich von hier?" "Ja," bekenne ich entwaffnet, "und sie?" Sie zeigt auf die junge Frau, die unseren Kaffe kocht: "Ich heib e Elisabeth und dies ist meine Tochter." Jetzt werde ich neugierig, und sage es ihr auch unumwunden: "Wie haben sie mit diesem guten Deutsch hier überlebt?" "Nun," sagt sie, "ich war zwanzig, als ich mit meiner Mutter 1945 aus der Breslauer Gegend hier als Flüchtling ankam. Mein Vater war im Krieg geblieben, wir hatten weder Geld noch Einkommen. Als die Deutschen abtransportiert wurden, habe ich schlieb lich einen polnischen Freund geheiratet und bin geblieben."
Wir unterhielten uns dann noch eine Weile über Erinnerungen aus der alten Zeit, aber ich habe sie nicht gefragt, ob sie die Schwester meines ehemaligen Mitlehrlings wäre.
Ich war sehr stolz und glücklich am selben Ort mit Hermann arbeiten zu dürfen. Wir hausten, eingepfercht in einem kleinen Raum, im Hinterhaus hinter dem Geschäft an der Hauptstrab e nahe des Rings. Ich rieche noch die Schwaden, die heib es Bakelit, Lötfett und ein Plumsklosett, dessen Fenster in unsere Werkstatt ging, und das nur mit einem neckischen, rot-weib karierten Vorhang verhangen war, in dem Raum verbreiteten.
Wir reparieten alles, ausgebrannte Heizplatten, Bügeleisen, Lichtleitungen, Radioantennen und auch Radios. Der einzige, der wirklich etwas von den Radios verstand war der Engineur, und der war sehr ungeduldig mit uns jungen Leuten. Aber hin und wieder brachten wir ihn dazu über seine Vergangenheit zu sprechen, über den Messerschmittdüsenjäger und Wernher von Brauns Raketen. Der alte Mann war der Heizplattenexperte, er zeigte mir, wie man die ausgebrannten Spiralen wieder zusammenhaken konnte, ein für die nächsten Jahre sehr nützliches Wissen. Schlieb lich wurde es meine Aufgabe bei den Kunden, fast alles Polen, die Antennen zu reparieren.
Eines Morgens fanden wir einen Militiamann, die verhab te Frau der Wohnungskommission und einen polnischen Gecken in gutem Anzug im Laden. Sie redeten erregt mit dem deutschen Besitzer. Sie informierten ihn grade, dab der feine, polnische Herr von jetzt an der Leiter des Ladens sein würde. Alles würde beim alten bleiben, nur dab der Besitzer und wir uns fortan als die Angestellte des Polen betrachten sollten, der die Arbeit austeilen und uns bezahlen würde.
Wir verbrachte den Vormittag damit, die weinende Frau des Besitzers zu trösten. Ihre gesamte Lebensarbeit, ihre Hoffnungen und Ersparnisse waren ihnen mit einem brutalen Handstreich genommen worden. Der neue Inhaber war so faul, wie er elegant war. Er begnügte sich damit, hinter der Kasse zu sitzen und das Geld einzustreichen, er sprach kaum Deutsch, kümmerte sich nicht um uns und verstand nichts von der Branche.
Der Radiojob dauerte für mich nur drei Monate. Eines Morgens erklärte mir der Pole kühl, dab ich entlassen wäre und am nächsten Tage nicht wieder zu erscheinen brauchte. Diesmal hatte ich mich selber ins Unglück gestürzt.
Ich war ein paar Tage früher ausgeschickt worden, die Antenne eines polnischen Offiziers zu reparieren, der in der wilhelminischen Villa eines, von mir besonders geschätzten, Geschichtsprofessoren neben der Aufbauschule einquartiert war.
Als ich dort klingelte, öffnete die 60-jährige Frau des Professors in einer weib en Uniform, wie sie die Dienstmädchen besserer Leute gelegentlich noch tragen. Im Flüsterton informierte sie mich, dab der Herr Oberst noch schliefe. Sie klopfte schüchtern an eine Tür, während ich im Foyer wartete. Nach einer Weile kam ein cholerisch aussehender, etwa 40-jähriger Mann in Unterhosen aus dem Zimmer und bedeutete der Professorenfrau, dab ich hereinkommen könnte.
Es stellte sich heraus, dab das Radio im ehemaligen Arbeitszimmer des Professors stand, das jetzt dem Polen als Schlafzimmer diente. In einem riesigen Doppelbett lag der Oberst und befummelte einer halbnackten Frau die Brüste. Sie nahmen keinerlei Notiz von mir.
Heute mub ich zugeben, dab der Mann Stil hatte. Ich war eben nur ein Dienstmann und vor denen hatte man, unter dem Kodex des osteuropäischen Adels, keine Geheimnisse, die existierten einfach nicht in solchen Situationen. Es war mein Fehler, dab ich mich gestochen fühlte: Hier lag dieses polnische Schwein im Bett eines der gebildetsten Männer Habelschwerdts und fummelte vor meinen Augen an den Brüsten einer Hure.
So, als ich mit hochrotem Kopf meine Arbeit beendigt hatte, ging ich, mit derselben Nichtachtung ihrer Gegenwart, zu einem der grob en Bücherregale des Historikers, nahm ein Buch heraus, las ein paar Seiten, stellte es wieder an seinen Platz, nahm ein anderes, dünneres über die Schlacht von Verdun heraus, steckte es in meine Tasche und verlieb das Zimmer. Ein letzter Blick auf das Bett sagte mir, dab sie diesmal meine Gegenwart sehr wohl bemerkt hatten.
Niemand verlangte das Buch zurück. Der Oberst machte, so scheint es, nur einen unbedeutenden Skandal wegen dieser Episode, aber der neue Leiter des Ladens mub te mich einfach entlassen. Der Oberst war, so stellte sich heraus, der Leiter der Habelschwerdter Militia.
Ich habe das Buch, das ich nie las, als eines von drei Büchern, stolz in meinem Rucksack mitgeschleppt, als wir im Mai 1946 deportiert wurden.
Da stand ich nun ziemlich dümmlich, der selbstherrliche, deutsche Held und suchte wieder einmal nach einer Arbeit. Inzwischen war es sehr schwierig geworden, als Deutscher eine Arbeit zu finden, fast alle Betriebe waren von Polen usurpiert worden, und die waren an 14-jährigen deutschen Lehrlingen nicht sonderlich interessiert..
Es war Mutter, die mir die Arbeit in der Schmiede an der Hauptstrab e, schräg gegenüber vom "Grünen Baum" besorgte. Es war einer der letzten deutschen Betriebe in Habelschwerdt. Offensichtlich hatte die polnische Kommission noch keinen Gecken gefunden, der daran interessiert war, solch einen altmodischen, dreckigen, unfeinen Betrieb zu leiten.
Das Haus steht wie ehedem, aber die Schmiede ist nicht mehr. Offensichtlich hat sich nie ein polnischen Meister gefunden. Pferde und hölzerne Wagenräder gäbe es noch viele. Das Haus ist leicht zu finden, das grob e Tor an der Hauptstrab ist leuchtend Rot angestrichen, die Fensterläden der Schmiede sind grasgrün, aber alles war fest verschlossen in diesem Frühjahr.
Der Schmied lebte wirklich noch im 19. Jahrhundert. Durch ein grob es Tor gelangte man in ein dunkles, romanisches Gewölbe, die Esse war an der linken Wand, der Ambob in der Mitte, ein anderes Tor gegenüber öffnete den Weg in den Hinterhof, wo drei Holzboxen standen, in denen besonders unruhige Pferde festgeschnallt werden konnten. Eine steinerne Wendeltreppe rechterhand führte zur Wohnung des Meister im ersten Stock über dem Werkraum. Der Meister hatte einen älteren, recht unwirschen Gesellen, der in seiner Wohnung ein Zimmer mietete. Den Meister mochte ich ganz gut leiden, er hatte Geduld mit dem Neuling, aber mit dem unruhigen Gesellen, der keine Gelegenheit auslieb dem Sohn besserer Eltern das Leben schwer zu machen, bin ich nie ausgekommen.
So lernte ich Pferde beschlagen. Natürlich durfte ich nur Hilfsstellung leisten oder beim Hämmern der Eisen helfen, die Hufe pab te der Meister selber an, selbst der Geselle durfte nur den Fub des Pferdes vorbereiten. Nach zwei Tagen stank ich wie ein Teufel aus der Hölle nach dem verbrannten Horn der Pferdehufe, denn das Eisen wird rotglühend an den Huf angepab t. Nach meiner schlechten Erfahrung mit schlagenden Pferden, war ich sehr vorsichtig mit diesen Bestien und lieb dem Gesellen gern den Vortritt, wenn es um das Hochhalten des Pferdebeins ging. Aber wenn es ein störrisches Tier war, war ich unentbehrlich. Das Pferd wurde zunächst in dem Holzrahmen im Hof mit Riemen eingeschnürt, das machten der Meister und der Geselle. Dann legten sie dem Tier ein Zaumzeug an, das mit einem, mit einer Lederschlinge versehen, Unterlippenknebel ausgerüstet war. Wurde das Tier unruhig, oder bockte und drohte die beiden zu treten, dann mub te ich den Knebel langsam anziehen, bis ihm die Augen aus dem Kopf traten. Ein schrecklicher Anblick.
Nach ein paar Wochen brachten sie mir bei, den Hammer im Tackt zu schwingen, was nötig ist, wenn ein Wagenradreifen auf die alte Art verschweib t werden sollte. Um den Reifen weib glühend zu erhalten während dieser Operation, mußten drei Leute gleichzeitig auf die Schweib stelle hauen. Der Meister zog das Eisen aus der Esse, schlug mit seinem Hammer auf den Ambob und zählte eins, und der Geselle schlug auf die funkensprühende Naht, zwei und ich mub te auf dieselbe Stelle schlagen, bei drei war der Meister an der Reihe, und dann wiederholte sich der Zyklus. Das ganze ging unheimlich schnell, ich hatte kaum Zeit den Hammer hochzureißen, bis sie wieder bei mir angelangt waren. Und Gott helfe dir, dab du nicht auf des Gesellen Hammer schlägst, er hätte dich umgebracht.
Ich lernte auch andere, subtilere Künste, wie das Härten von Stahlschneiden durch vorsichtiges Erhitzen und Abschrecken in Öl oder Wasser. Gegen Ende des dritten Monats durfte ich mir ein kleines Beil selber machen, das schlieb lich ein Familienstück wurde und mich bis nach Oldenburg begleitete.
Die Schmiede wurde meine letzte Arbeit, bevor uns die Polen in Viehwagen verluden und in eine unsichere Zukunft verschickten.
10.
Mutters Stimme, angespannt vor Angst, ri
b mich aus tiefem Schlaf: "Rolf wach auf, die Polen versuchen ins Haus einzubrechen," flüsterte sie, "bitte, wach auf, schnell!"
"Was ist, Mutti?" Es war völlig dunkel im Zimmer. Ich versuchte meine Leselampe anzumachen, aber sie legte ihre Hand auf meine. "Mach kein Licht, sie würden uns sehen. Seit einer halben Stunde versuchen sie einzubrechen. Erst im Keller, jetzt sind sie an der Haustür. Ich habe Angst. Die Tür wird's nicht aushalten."
Es war für eine Weile ruhig gewesen. Aber nun begann der Lärm an die Haustür wieder. Laute Stimmen in Polnisch. Sie versuchten die Tür mit ihren Stiefeln einzutreten, dann rammten sie mit einem schweren Gegenstand dagegen. Vielleicht war es ein Gewehr. Die schweren Schläge erschütterten das ganze Haus.
Ich setzte mich im Bett auf, am ganzen Körper zitternd. Mutter hielt sich an mich. Die Geschwister schliefen fest.
Dann trat Stille ein. Stimmen. Unser polnischer Untermieter war an die Tür gegangen und sprach mit den Leuten.
Es ging alles sehr schnell. Ich hörte wie der Untermieter die Türkette beiseite schob, den Schlüssel umdrehte und die Tür öffnete. Schwere Stiefel kamen die Treppe heraufgerannt. Einige Sekunden später stürmten zwei Männer in Militiauniformen, Maschinenpistolen in ihren Händen, in unser Schlafzimmer: "Hände hoch! Steh! Polizei!" Einer hielt Mutter in ihren Pyjamas, seine Maschinenpistole in ihrem Rücken, mit erhobenen Händen an die Wand gedrückt, der andere befahl mir, mich im oberen Flur auf den Fub boden zu legen. Christine, Gerhard und Dieter wurden aus dem Bett gerissen und neben mich gelegt.
Inzwischen waren zwei weitere Männer die Treppe heraufgekommen. Der Mann, der Mutter zur Wand hielt, schrie mehrere Male: "Wo ist dein Silber? Frau, schnell!" Zwischen jedem Ausruf stieb er ihr seine Maschinenpistole in den Rücken. Die anderen drei Männer rissen Schubladen und Schränke auf und verstreuten ihren Inhalt auf dem Fub boden. Ich zitterte unkontrolliert. Dieter und Christine heulten vor sich hin. Einer der Männer stieb Christine mit seinem Stiefel und schrie sie an, dab sie aufhören sollte zu heulen.
Sie waren dabei die Matratzen der Betten zu untersuchen, einer schlitzte ein Bettkissen auf und schüttelte die Federn ins Zimmer, als plötzlich ein Ruf von unten kam.
Der Mann lieb von Mutter ab, die anderen unterbrachen was immer sie taten und rannten in grob er Hast die Treppe hinunter. In weniger als einer Minute waren sie verschwunden.
Mutter, leise weinend, sammelte ihre Kinder auf und brachte sie wieder zu Bett. Ich ging nach unten, wo ich die Untermieter mit bleichen Gesichtern vorfand, das Baby weinend in ihrer Mutter Armen. Sie entschuldigten sich. Die Männer hatten ihnen gesagt, dab sie von der Militia wären mit einem offiziellen Befehl, das Haus nach Waffen zu durchsuchen.
Anscheinend, sie trugen offizielle Uniformen, waren sie eine Militiagruppe, die auf einen privaten Raubzug ausgezogen war. Sie ergriffen die Flucht, als ihr Aufpasser eine Gruppe legitimer Polizei die Strab e heraufkommen sah. Als Mutter herunter kam, fiel ihr die Frau weinend um den Hals und beide versprachen, die Tür nie wieder zu öffnen. Am nächsten Tage organisierte ich drei starke Holzbohlen, mit denen wir die Tür jeden Abend gewissenhaft verbarrikadierten.
Alle zwei Wochen versuchten plündernde Gruppen von Polen irgendwo auf der Strab e einzubrechen. Meistens kamen sie in den frühen Morgenstunden und jedesmal schreckte Mutter aus dem Schlaf und wisperte, mit angespannter Stimme, daß ich aufwachen sollte, die Polen wären wieder da. Wir sab en hellwach zusammen im Dunkeln und lauschten der Schläge und Tritte gegen die Tür, betend, dab die Barrikade standhalten würde.
Gegen Ende des Jahres war mein Schlaf so leicht geworden, dab Mutter nur "Rolf!" zu flüstern brauchte und ich hellwach aufsab . Und selbst nach vielen Jahren schrie sie noch gelegentlich, in der Mitte der Nacht: "Rolf, Rolf die Polen brechen unsere Tür ein!" Ich ging dann zu ihrem Bett und streichelte ihr Haar und versuchte sie zu beruhigen: "Mutter, es gibt keine Polen hier. Wir sind nicht mehr in Habelschwerdt. Du hast nur einen schweren Traum gehabt. Mutter, wach auf!" Und dann setzte sie sich verwirrt auf und hielt mich fest umarmt und mit einem trockenen Lachen sagte sie: "Ach Rölfchen, hab Dank, daß Du mich aufgeweckt hast. Du hast Recht, das ist alles schon so lange her. - Mein Gott, was war das wieder für ein schwerer Traum."
Es war ein Glück, dab Vater zu dieser Zeit nicht in Habelschwerdt war, ich weib nicht, was geschehen wäre, wäre er zu Hause gewesen. Im späten Juli, einige Wochen nachdem die ersten Polen in Habelschwerdt aufgetaucht waren, war Vater aus dem Krankenhaus in Glatz an Mutters Arm nachhause gekommen. Ein gebrochener Mann, ohne Haare und zehn Jahre älter, war er ein blob es Skelett seiner selbst. Er war noch immer sehr schwach und Mutter brachte ihn sofort zu Bett.
Zwei Wochen lang lag er dort, und wir berieten was wir machen sollten. Wir hatten nichts zu essen, meine Fleisch- und Milchrationen aus der Werkstatt genügten nicht, um ihn wieder aufzufüttern, und dann war da noch die andere Gefahr: Es war die Zeit, in der die Polen die weib en Armbinden einführten, Vater konnte jeden Tag auf der Strab e aufgelesen werden. Er würde eine Verhaftung nicht überlebt haben. Schlieb lich ging Mutter nach Spätenwalde und überredete die Geib lers, ihn aufzunehmen. Dort bekam er wenigstens etwas Milch jeden Tag und war aub er Gefahr.
So schleppten Mutter und ich eines Tages Vater durch die Berge nach Spätenwalde. Der Weg wurde zweimal so lang, als er sonst schon war. Alle zwei Wochen ging einer von uns nach Spätenwalde, um ihn zu besuchen und für uns etwas zu essen zu erbetteln. Unendlich langsam kam Vater wieder zurück zu den Lebenden, aber sein Haar war vollständig weib geworden.
Vater blieb dort bis Ende Oktober. In den letzten zwei Monaten war er stark genug gewesen, um bei der Ernte zu helfen, danach warf ihn der neue polnische Hofbesitzer aus dem Haus. Er kam nach Hause, schlief auf dem Sofa in unserem einzigen, verbliebenen Zimmer und zeigte sich so wenig wie möglich auf der Strab e. Im Dezember fand er eine Arbeit und die begehrte Bescheinigung in einer Holzhandlung, aber die Arbeit, der Transport von schweren Baumstämmen auf dem Hof des Sägewerks, war emotionell und physisch sehr schwer für ihn besonders in den Wintermonaten. Ich sehe ihn noch am Abend völlig erschöpft mit ganz zerschundenen Händen zuhause ankommen, Eiszapfen hingen in seinem Haar und Schnurrbart.
Während des Winters wurden die Nahrungsmittel jeden Monat knapper. Wir überlebten vom Verkauf unserer bürgerlichen Besitztümer in den zwei neuen Pfandläden in der Stadt, einen Photoapparat, Vaters Stresemann, ein Fernglas, seine besseren Schuhe. Manchmal machte Mutter einen grob en Coup, indem sie etwas direkt verkaufen konnte. Dann ging sie auf eine Einkaufstour. Sie kam erregt nach Hause und "beschenkte" uns mit einem Pfund braunem Zucker, einem Pfund Schweineschmalz oder einem Laib Brot.
Ich kann mich an das Weihnachten von 1945 nicht erinnern, aber daran, dab Mutter Anfang Februar "Pferdebohnenmousse" erfand. Diese geniale Erfindung wurde unsere tägliche Kost: Koche die kleinen, harten, braunen Bohnen, die die Bauern zum Füttern der Pferde benutzen, und vermische sie mit ein paar Zwiebeln und Gewürzen und drehe die Mischung durch einen Fleischwolf. Das Resultat ist eine unansehnliche braune Paste von hohem Nährwert - denke an die vielfältigen Möglichkeiten der Sojabohnen: Wir ab en Pferdebohnenmousse zum Frühstück, Mittag und Abend, anstelle von Fleisch, als Brotaufstrich und wenigstens einmal als Desert! Wäre einer von uns damals schon in China gewesen, dann hätten wir sicher auch Klöb e und Kuchen mit süb em Mousse gefüllt, - oder wie wäre vergorenens Pferdebohnenmousse? Mutter versuchte sogar Pferdebohnenmousse zu verkaufen, erfolglos, wie sich herausstellte, die Leute schüttelten sich davor.
Der Pferdebohnen-Craze begann mit einer Hamstertour nach Grafenort im späten Dezember. Zu dieser Zeit waren eßbare Dinge selbst bei unseren Freunden in Spätenwalde so rar geworden, dab wir oft nur noch mit einem halben Pfund "Hühnerquark" von dort zurückkamen, ein krümeliger, trockner Topfen, den die Bauern nur an Hühner verfütterten.
In Grafenort waren wir noch nie gewesen, aber Vater kannte den Verwalter des Gutes dort. Um etwaigen Militiabanden aus dem Weg zu gehen, liefen wir noch bei Dunkelheit mit Schneeschuhen über die verschneiten Felder des Sigritz. Wir mub ten uns auf unseren Spürsinn verlassen in der offenen Landschaft. Als wir das Gut erreichten, hatte Vaters Bekannter nur einen Sack Pferdebohnen anzubieten, ganze 20 Kilogramm davon! Es war nicht nur eine Enttäuschung, sondern das Zeug war auch noch schwer. Auf dem Rückweg war der Wind nach Süden umgesprungen, der Schnee war weich geworden und klebte an den Schneeschuhen. Wir kämpften gegen den Wind an, und versanken immer wieder in dem morschen Schnee. Durchnäb t und ermüdet kamen wir erst nach Dunkelheit zu einer besorgten Mutter zurück.
Für mehrere Abende durchsuchten wir die Bohnen nach Steinchen und Unkrautsamen und überlegten, wie wir dieses Pferdefutter würden eb bar machen können. Schlieb lich ersann Mutter diese scheub lich aussehende, braune Paste. . .
Der Winter war, Gott sei Dank, nicht sehr kalt, aber das Zimmer, das wir bewohnten war, weil es nach Norden ging, das kälteste im Haus. Es besab einen grob en Kachelofen, aber Kohle gab es nicht mehr. Diesmal hatte ich die rettende Idee: Warum nicht einen eisernen Kanonenofen mit einem Rohr an den Kachelofen anschlieb en, dann könnten wir in dem Kanonenofen Holz verbrennen, und die Wärme in dem Kachelofen speichern. Und Kochen könnten wir auch noch auf dem Kanonenofen. Mutter tauschte ein paar Schuhe gegen einen Kanonenofen ein, ein Maurer schlob ihn an den Kachelofen an, und wir mub ten "nur" noch mit dem Schlitten in den Wald gehen und Holz "organisieren". Der neue Ofen füllte das Zimmer mit glühender Hitze, besonders im oberen Stockwerkbett, in dem ich schlief, aber von da an stand immer ein Kessel heib en Wassers bereit. Die Idee war ein grob er Erfolg, und Vater fantasierte, dab wir den Kachelofen so umbauen sollten, dab wir alle darauf schlafen könnten, wie die Russen, sagte er.
Wenn mir die Enge und Spannungen in userem Gemeinschaftsraum unerträglich wurden, dann entwischte ich in das "Geheimzimmer" auf dem Dachboden. Vater hatte einen Teil des Dachbodens vor Jahren als Zimmer für das Dienstmädchen ausbauen lassen. Es war ein primitiver, holzverschalter Raum, in dem wir während des letzten halben Jahres die Bände aus Vaters Bibliothek versteckt hatten, die möglicherweise Ärgernib bei Russen oder Polen erwecken konnten. Die Tür zu dem Zimmer war so hinter Boxen und Gerümpel versteckt, dab niemand das Zimmer je fand, auch nicht die Frau von der Wohnungskommission.
Es war kalt dort oben, aber so himmlisch still. Ich zog mir eine Wollmütze über den Kopf und Handschuhe an, verkroch mich in das riesige Kastenbett, in dem die Mädchen geschlafen hatten, las und pflegte mit Hilfe der "verbotenen" Bücher mein immer noch tief verwundetes "kollektives Unterbewub sein".
Das meiste war harmlos genug, Gustav Freitags und Felix Dahns geschwollene, historische Romane. Aber einen nicht ganz so harmlosen Roman, es waren zwei dicke Bände, las ich gleich zweimal in diesem Winter: Hans Grimms "Volk ohne Raum". Die Gefahr war damals und die Versuchung dieses Romans ist noch heute die, dab Hans Grimm das politische Denken meines Vaters in vieler Hinsicht sehr genau beschreibt, und mir deshalb immer noch Material liefert, meines Vaters Ideologie blob zustellen. Wozu?
11.
Eines Morgens im April auf meinem Weg zur Arbeit entdeckte ich ein gro
b es gelbes Plakat an einem Baum gegenüber der Feuerwehr. Es war in Deutsch:
Bekanntmachung!
Seit vorgeschichtlicher Zeit ist Schlesien polnisches Land. Die Mächtigen des preub isch-deutschen Staates beraubten Polen seines rechtmäb igen Besitzes. Nach jahrhundertelanger Versklavung Schlesiens durch die Deutschen wird Schlesien endlich wieder in das polnische Mutterland heimkehren.
Im Einverständnis mit unseren westlichen und östlichen Verbündeten wird allen deutschen Staatsangehörigen, die nicht für Polen zu optieren wünschen, die Gelegenheit einer Rückführung nach Deutschland geboten.
Die Kosten der Rückführung werden von der polnischen Regierung getragen. Rückwanderer dürfen bis zu 300 Reichsmark pro Person aus Polen ausführen. Wegen der beschränkten Transportmittel können Rückwanderer nur soviel Gepäck mit sich führen, wie sie über eine Strecke von einem Kilometer tragen können.
Rückführungsanträge können bei der städtische Wohnungskommission gestellt werden.
Ich las den Text zweimal und verstand ihn immer noch nicht. Kopfschüttelnd und erregt ging ich weiter. Dann entdeckte ich ein zweites solches Plakat, und ein drittes in einer Hinterstrab e. Ich schaute mich um, es war niemand in Sicht, so rib ich das Plakat von der Wand und zertrat es mit meinen Füb en.
Aber es war nutzlos, die Stadt war von den gelben Zetteln überschwemmt.
Dies war meine Heimat. Was für eine Unverschämtheit, es eine polnische Provinz zu nennen. Meine Vorfahren hatten in diesem Lande seit vor dem 16. Jahrhundert gelebt, und keiner von ihnen hatte einen polnischen Namen oder sprach Polnisch. Es war ein chauvenistisch-arroganter Witz, dab dieses Land "seit Urzeiten polnisch" wäre.
Für Polen optieren? Wer würde so etwas tuen, es würde einem emotionellen Selbstmord gleichkommen. Wir wollten hier bleiben und als Deutsche.
Rückwanderung? Zurück wohin? In die ausgebombten Städte Westdeutschlands? Dort kamen wir nicht her.
Ich war furchtbar erregt und nahe daran irgendeine sehr heroische aber schrecklich dumme Tat zu unternehmen, wie zum Beispiel all die gelben Plakate in der Nacht mit roter Farbe zu beschmieren, oder die Fenster des polnischen Bürgermeisters mit Steinen einzuwerfen. Aber was hätte das genützt? Die Autoritäten lieb en keinen Zweifel daran, dab alle Deutschen deportiert werden würden, dab es keine "Optionen für Polen" gäbe und dab auch keine "Rückführungsgesuche" nötig wären. Die Andeutungen auf den Plakaten waren nur internationale Höflichkeitsformeln, diktiert von den westlichen Alliierten. Die Wohnungskommission würde entscheiden, wann jeder von uns abtransportiert werden würde. Für uns gab es keinerlei Wahl, und keine Entscheidungen zu treffen. Überdies würde unser Besitz von der polnischen Regierung in lieu der Kosten unseres Abtransportes beschlagnahmt werden.
Und ganz nebenbei, Polen sei unschuldig in dieser Angelegenheit, die Aussiedlung aller Deutschen wäre von den Siegermächten bereits in Yalta und Potsdam beschlossen worden, um Polen für die Abtrennung seiner Ostgebiete an die Sowjetunion zu entschädigen. Eine Volksabstimmung, wie man sie etwa in Oberschlesien im Jahre 1924 veranstaltet hatte, wäre nicht vorgesehen.
Wir hielten einen Familienrat zuhause an diesem Abend. Vater und ich erhitzten uns mit absurden Widerstandsplänen. Mutter sab auf ihrem Bett und weinte. Sie hatte nur eine Frage, wovon sollten wir leben? Sie hatte nahezu alles verkauft, an gröb eren Objekten war da nur noch ihre Nähmaschine.
Die Diskussion zog sich über Tage hin. Was sollten wir tun? Dann erschien die Frau von der Wohnungskommission, und Mutter tat wie immer das, was ihr praktisch durchführbar erschien. Sie ging und tränenüberströmt, im Dreck der Strab e kniend, bettelte sie die Frau an uns wegzuschicken. Ich war empört, dab sie sich so erniedrigte vor dieser verhab ten Person, aber ich konnten nur meinen Kopfe hängen lassen, ich sah keine andere Alternative.
Es kam noch schlimmer. Die Frau beschied ihr, dab wir nicht weggehen könnten, weil Vater eine "lebenswichtige" Beschäftigung hätte.
Christine mub te mir erst von Vaters und ihrem Gang an diesem Abend zu den Bureaux der Holzhandlung erzählen. Voller Rachegedanken über unsere verlorene Heimat und meine geschändete Mutter, hatte ich die Bedeutung von Vaters Gang nach Canossa gar nicht in mir aufgenommen.
Drei Tage später kam die Frau von der Wohnungskommission wieder, und Mutter, Vaters Entlassungsschein in der Hand, überredete sie erfolgreich, uns gehen zu lassen. Der Termin war auf den 27. April festgelegt worden. Dies gab uns drei Wochen, uns auf diese schwerste Reise unseres Lebens vorzubereiten.
Im Ende war die Entscheidung eine Erleichterung. Anstatt über unser Schicksal zu grübeln, konnten wir etwas Positives tun. Ein regelrechtes Endzeitfieber bemächtigte sich unser. Mutter nähte mit heib er Nadel aus Bettvorlegern für jeden von uns Kinder einen Rucksack. Ich backte Nub kuchen als Notproviant in der Küche, die uns unsere Untermieter zeitweilig eingeräumt hatten, und Vater kopierte - seine Ahnenkartei in kleine Oktavhefte.
Die Ahnenkartei, er hatte sie über zwanzig Jahre hin angesammelt, war sein kostbarster Besitz. Während er schrieb, las er mir seine dramatischen Entdeckungen vor, und ich, zu Vaters bleibendem Kummer, machte meine eigenen Legenden daraus. Abstrakte Geschichte hat mich nie wirklich interessiert.
Mutter hatte keine Zeit für solche Frivolitäten, überall in der Stadt suchte sie nach den 300 deutschen Reichsmark für jedes Familienmitglied. Sei dem August war deutsches Geld verschwunden und durch Zloty ersetzt worden, und jetzt durften wir nur Reichsmark aus Polen mitnehmen. Die Bank verkaufte deutsches Geld, aber zu unverschämten Preisen und nur in kleinen Mengen. Glücklicherweise hatten mehrere unserer Bekannten Reichsmark in ihren Matratzen gehortet. Sie waren nun froh, sie für einen guten Preis einzutauschen. Ein solcher Fall war die Tochter von Frau Doktor Futter nebenan. Ich sehe sie noch in unserem Badezimmer, das dicke, alte Mädchen beim Abzählen von hunderten von Markscheinen auf die Holzplatte, die die Badewanne als Tisch bedeckte.
Mit einem Mal besab en wir mehr deutsches Geld, als wir mitnehmen durften, wohin damit? Erst wollte Mutter das Geld in ihren Büstenhalter und ihre Unterwäsche einnähen. Aber irgendwer überzeugte sie, dab dies genau die Orte wären, an denen die Polen zuerst nachsuchen würden. Dann hatte ich die Idee, die zwei Holzstangen, mit denen Vater und ich den alten Reisekorb mit unseren Sachen tragen wollten, auszuhöhlen, um das Geld dort zu verstecken. Der Familienrat begutachtete diesen Plan, und nachdem Geld und Mutters Schmuck in den Löchern verschwunden waren, klebte ich sie nahtlos wieder zu. Mutter begann heimlich Hundertmarkscheine in alle möglichen Schuhe und in Dieters Unterwäsche einzunähen, der nichts darüber gesagt bekam. Zwei Jahre später kamen immer noch gelegentlich völlig verwaschene Hundertmarkscheine aus einem abgetragenen Schuh oder Kleidungsstück zutage.
Das Ende war traurig. Ich mub te all meine kostbaren Dinge in dem Wandschrank unter der Dachschräge zurücklassen, meinen Lötkolben, meine Laubsäge, meine Modellboote und Flugzeuge und meine Bücher. Sie verfolgten mich und erschienen mir in meinen Träumen noch nach Jahren. Ein Plan, all diese Dinge zu zerstören, kam nicht mehr zur Ausführung, und heute hoffe ich, dab sie einem anderen Jungen eine Freude gemacht haben.
12.
Mutter war schon auf. Es war noch dunkel. Ich beobachtete sie, wie sie in ihren Pyjamas Feuer im Kanonenofen machte und Mehlsuppe kochte, jene dicke, wei
b e Suppe, die wir hab ten, die aber seit Monaten das seltene Brot zum Frühstück ersetzte.
Das Licht des Feuers tanzte über die Wände des Zimmers, über der Eltern Betten und den furchterregenden Druck des dornengekrönten Chistuskopfes aus Dürers "Grob er Passion", der seit undenklichen Zeiten über ihrem Bett hing, die kleine weib e Kommode zwischen den Fenstern, auf der Mutter Dieter zu wickeln pflegte, den Kleiderschrank und die Tür zu meinem Schrank voller Schätze unter der Dachschräge. Sie deckte den Tisch, der zwischen den Betten eingeklemmt stand, mit Suppentellern. Wir sab en zu den Mahlzeiten auf der Eltern Betten, für Stühle war kein Platz. Dies war die Welt, in der wir nun seit sieben Monaten gelebt hatten, und die wir heute verlassen würden.
Vater stand jetzt auch auf und nahm die Bilder von der Wand, die er liebte, den Dürer, zwei Blumenstiche. Sie hinterließen dunkle Rechtecke auf der weib getünchten Wand. Dann rollte er sie ein und steckte sie in den Reisekorb. Jeder von uns durfte ein, zwei besonders geliebte Dinge mitnehmen.
Unter dem linken Fenster, wo mein Arbeitstisch gewesen war, stand Mutters Nähmaschine, auf der sie noch bis zum letzten Abend genäht hatte. Sie hatte eine polnische Frau gefunden, die die Maschine kaufen wollte und die sie im letzten Augenblick vor unserer Abreise abholen würde.
Mutter briet unsere letzten Kartoffeln, als "Grundlage" für den langen Marsch, der uns bevorstand. Sie weckte Dieter und die Zwillinge und wir setzten uns zusammen an den Tisch. Frühstück war immer ein "heiliges" Mahl gewesen in diesem Haus, zu dem sich die ganze Familie traf, aber bei unserem Hunger dieser Tage, hatte es viel von seinem früheren Anstand verloren. Niemand sprach. Halb im Schlaf schlangen wir unser Essen hinunter.
Dann begann das Anziehen. Wir trugen wieder mehrere Lagen von Kleidungsstücken übereinander. Mutter half Dieter und Christine in ihre Leibchen, an denen ihre langen Wollstrümpfe mit Gummibändern angeknöpft waren. Ich konnte die Hundertmarkscheine in Dieters Leibchen gerade noch erkennen. Ich war schon aus dem Leibchenalter heraus, und brauchte diese erniedrigenden Wäschestücke nicht mehr zu tragen. Mein Geld hatte Mutter in meinen Mantel eingenäht.
Um halb acht standen wir überhitzt und aufgeregt herum, als die Frau und zwei Männer kamen, die Nähmaschine abzuholen. In der letzten Minute gab es noch einen Kampf mit ihr, sie wollte den vereinbarten Preis nicht zahlen., aber schlieb lich trugen die beiden Männer auch dieses letzte Besitzstück die Treppe hinunter.
Vater und ich manövrierten den schweren Reisekorb um die steile Kurve in der Treppe nach unten und luden ihn gerade auf den kleinen Handwagen, als die Frau von der Wohnungskommission in Begleitung von zwei Militiamännern erschien. Sie versiegelten die Zimmertür mit dem polnischen Adler und einer kurzen Schnur, steckten den Schlüssel in die Tasche und gaben Vater ein Stückchen Papier als Quittung für sein Haus.
Jeder von uns schulterte seinen grauen Bettvorlegerrucksack. Die Zwillinge zogen und Vater und ich schoben den Handwagen. Mutter hielt Dieter an der Hand. Niemand sagte uns Lebewohl, niemand winkte uns, niemand begleitete uns, als wir zum letztenmal die Altheiderstrab e entlang wanderten.
Haben meine Eltern geweint? Hab ich mich umgedreht, um einen letzten Blick auf das kleine Haus zu werfen, in dem wir acht schöne und schicksalshafte Jahre durchlebt hatten, nahezu meine ganze Kindheit? Ich weib es nicht mehr. Der traurige Augenblick des Abschieds ist gnädig verschleiert in meinem Gedächtnis.
13.
Die alte Stäupe auf dem Salzmarkt war von einem Chaos weinender Menschen, Gepäck, Pferden und Bauernwagen umgeben, die die Militia in den Dörfern für den Tansport der deutschen "Heimkehrer" nach Mittelwalde, zwanzig Kilometer südlich, ausgehoben hatten. Dort, so wurde uns gesagt, würden wir den Zug besteigen, der uns nach Deutschland bringen würde.
Es dauerte mehrere Stunden bis die vielen Sachen in die Wagen verstaut waren, und dann waren sie so überladen, da
b nur ganz kleine Kinder und die ältesten Menschen obenauf sitzen durften. Wir mub ten zu Fub gehen.
Die jammervolle Karawane brauchte den ganzen Tag, um sich unendlich langsam durch die Dörfer nach Süden zu quälen. Wir erreichten den Bahnhof in Mittelwalde erst in der Nacht. Dort lud man uns in einem Barackenlager aus, das bis vor einem Jahr noch polnische Zwangsarbeiter beherbergt hatte.
Ich habe einmal vor langer Zeit versucht diese Nacht zu beschreiben, sie steht in graphischen Einzelheiten vor meinen Augen. Die Baracken waren mit Stockwerkbetten vollgestopft, vier Etagen, bis unter die Decke. Sie sahen aus wie die Speicherregale in unserem Keller, nur gröb er. Sitzen konnte man nicht in ihnen. Es gab keine Matratzen, nur die harten Bretter, auf denen wir zu sechst nebeneinander schliefen. Sie erinnerten mich verteufelt an die KZ-Bilder in der Zeitung.
Wir hatten Glück, ein "Fach" in der Mitte zugeteilt zu bekommen, denn das Licht brannte die ganze Nacht. Viele Menschen schliefen überhaupt nicht in dieser Nacht, sie wanderten auf Suche nach Bekannten oder standen herum und redeten in kleinen Gruppen. Eine Frau sab vor dem einzigen Spiegel im Raum und schminkte sich, bis böse Neider sie vertrieben. Bei meinem Hunger und dem Lärm, um unsere Vorräte zu schonen hatte Mutter nur ein Stück Brot an jeden von uns ausgeteilt, lag ich lange Zeit wach und stellte mir vor, wie die Ostarbeiter hier für vier Jahre gelebt haben mub ten. Die Zeitungsbilder verfolgten mich bis in den Schlaf.
Wir wurden nicht bewacht, der einzelne Soldat, der am Eingangstor zum Lager stand, diente mehr zu unserer Beschützung als Bewachung. Wir hatten auch auf der Bahnfahrt später keine eigentliche Bewachung, die paar Militiamänner, die auf dem Zug mitfuhren, kümmerten sich nicht viel um uns.
Wir verbrachten zwei Tage in den Baracken, Essen gab es nicht. Am dritten Tag mub ten wir uns mit unserem Gepäck am Lagertor anstellen und dann in Familiengruppen die Sachen über den Bahnhofsvorplatz in das neugotische Stationsgebäude schleppen. Alles was wir in einem Weg nicht über den Platz tragen konnten, wurde sogleich konfisziert. Die Überraschung war eine Gruppe von jugendlichen Raufbolden aus Habelschwerdt, die unter den Militiamänner standen, und für die Polen gewisse Leute auswählten.
In der Bahnhofshalle mub ten wir unsere Habseligkeiten durch die enge Sperre ziehen. Rechts und links standen Militamänner und eine vollbusige Frau in Uniform, die unseren Kampf mit dem Gepäck beobachteten und die nach Gutdünken Menschen und Gepäck herausgriffen. Die Opfer mub ten ihre Koffer öffnen, oder verschwanden in eine Tür am Ende des Korridors.
Wir waren ungeschoren durchgekommen. Der Gang über den Bahnhofsplatz war kürzer gewesen, als wir befürchtet hatten, und Vater und ich hatten den Korb mit klopfendem Herzen ohne Aufsehen zu erregen auch durch die Sperre gebracht. Die "wertvollen" Zwillinge, die vor uns gegangen waren, hatten es ebenfalls geschafft, aber als Mutter Dieter durch die Sperre ziehen wollte, hatte die vollbusige Militiafrau auf Mutter gezeigt und sie abgeführt. Sie verschwand mit ihr durch die Tür im Hintergrund.
Dieter, von seiner Mutter so plötzlich verlassen, begann zu heulen. Christine rettete ihn schlieb lich. Was geschah mit Mutter? Wir hatten keine Schreie gehört, so schienen sie die Menschen wenigstens nicht zu prügeln. Wir warteten für eine Ewigkeit. Mit welcher Intensität man in solchen Augenblicken unwichtige Dinge wahrnimmt, die grüne Wand, ein Loch im Putz, das die Form des südamerikanischen Kontinents hatte, die aufgedonnerten Haare einer Militiafrau an der Sperre. . .
Als Mutter wieder auftauchte hatte sie den erregten Ausdruck im hochroten Gesicht, halb verlegen, halb siegreich, ihre kurze Nase hocherhoben, den ich so gut von ihren Besuchen bei meinen Lehrern kannte. Ich wub te sofort, dab alles in Ordnung war.
Wir zogen sie mit fragenden Gesichtern nach draub en. Die Militiafrau hatte sie ganz ausgezogen und ihre Unterwäsche und ihren ganzen Körper nach Wertsachen durchsucht, und natürlich nichts gefunden. Wir setzten unsern Korb ab und umarmten sie glücklich.
Die Durchsuchung der etwa 900 Menschen dauerte den ganzen Tag. Ein Zug war nicht in Sicht. War sab en für lange Zeit auf dem Bahnsteig, diesmal bewacht von bewaffneter Militia. Als beim Eintreten der Nacht immer noch kein Zug gekommen war, trieb man uns in einen grob en, dunklen Güterschuppen, verschlob die Türen und überlieb uns unserer selbst. Die Verwirrung war unbeschreiblich. Überall lagen und hockten Menschen auf dem blob en Zementfub boden oder riefen oder suchten nach verlorenen oder weinenden Kindern und Angehörigen in der Dunkelheit. Draub en wurden Züge mit viel Geräusch hin und her rangiert, und um Mitternacht brach eine Panik wilder Schreie unter den Frauen in der gegenüberliegenden Ecke des Schuppen aus. Jemand behauptete am nächsten Morgen, dab zwei junge Mädchen vergewaltigt worden wären, aber ob das wahr war und durch wen, war nicht herauszufinden.
Am Morgen fanden wir einen Zug von 29 Viehwagen auf dem Bahnsteig stehen. Wir wurden wieder in Reihen aufgestellt und mub ten unser Gepäck in den Zug laden, 30 Mensche in jeden Wagen.
In unserem Wagen gab es alte Leute und Kinder. Wir kannten niemanden, und jeder beobachtete jeden mit Mib trauen. Eine Gruppensolidarität würde sich auf dieser Reise nicht entwickeln, jeder dachte zuerst nur an sich selbst und seine Angehörigen. Kurz bevor sich der Zug in Bewegung setzte, rannten ein anderer Junge und ich zu einem Zug auf dem Nachbargleis und stahlen einen Kanonenofen und das zugehörige Schornsteinrohr für unseren Wagen. Wir fanden auch irgendwo Kohle. Ein alter Mann, der neben dem Ofen lag, bot sich an, das Feuer während der kalten Nächte am Leben zu erhalten.
Wir hatten erst gedacht, dab 30 Menschen zu einem schrecklichen Gedränge in dem Wagen führen würden, fanden aber schon gegen Abend, dab mit einem Bib chen Geduld beinahe jeder einen Platz zum Hinlegen gefunden hatte.
Nach einem grellen Pfiff der Lokomotive setzte sich der Zug beim Einfall der Nacht und völlig unerwartet in Bewegung. Die plötzliche Stob welle, die sich durch die Wagen fortpflanzte, hätte beinahe unseren glühenden Ofen umgeworfen.
Es war völlig Dunkel, als wir das letzte Mal durch Habelschwerdt fuhren.
14.
Die Gedanken an Christine lie
b en mir keine Ruhe. Während ihres Besuches in Pacific Palisades hatte sie eines Tages gesagt: "Lab uns ein Spiel spielen. Wer erinnert sich an unseren Schulweg besser, du oder ich?"
"Also, gegenüber vom Haus war das Sägewerk, dann kommen die Reihenhäuser auf der rechten und hinter einem offenen Feld der Schlachthof auf der linken Seite." Fing ich an. "Du hast den Weg zum Sigritz vergesssen," unterbrach sie mich, "auf dem hast du mich auf dem Fahrad gefahren. Du trampeltest auf den Pedalen stehend und, ich balancierte auf dem Sattel. Wo der Schlachthofzaun zuende war, gab es einen "Getöppelgarten" voller alter, verrosteter Nachttöpfe und Blechkannen, um den wir herumfuhren. It was such fun!"
Ich erinnerte mich nicht. Aber dann vergab sie den Brunnentrog auf der anderen Seite neben dem Schlachthof, wo wir die Katzen ertränken sollten, und das Haus der Frau Schigulla. Dafür erinnerte sie sich an das erste Haus auf der Flurstrab e, wohin wir die Kaninchen zum Decken brachten - und sie behauptet, strenge Order gehabt zu haben, dab wir nicht zuschauen durften. Ich lachte ungläubig, und sie versichert mir, dab sie dieses Verbot natürlich nie eingehalten hätte. . .
Und so ging es weiter. Ich erinnerte mich natürlich an die "Bureaux", hatte aber die Feuerwehr vergessen. Genauso wub te ich nicht, dab sie vor der Volksschule hinter dem Kriegerdenkmal mit der Germania obenauf immer Pipi machen ging. Sie erlieb mir diesen Verlustpunkt. . .
"Irmgard," sagte ich zu meiner Tante, als wir am vierten Tag in Glatz aufwachten, "ich mub noch einmal nach Habelschwerdt, um für Christine unseren Schulweg zu photographieren. Vergib mir, dies ist langweilig für Dich, aber es ist eine ganz wichtige Obligation."
Als wir zum drittenmal beim Krankenhaus in Habelschwerdt ankamen, waren die Nonnen damit beschäftigt einen Altar an der Strab e mit Blumen zu schmücken und alle Läden waren geschlossen. "Warte," sagte Irmgard, "ich werde es gleich haben." Sie kramte aus ihrer Handtasche einen Kalender hervor und erklärte triumphierend, "heute ist Frohnleichnam! Das erklärt den Aufwand."
Festlich gekleidet strömten die Menschen der Kirche zu, Mädchen in weib en Tüllkleidchen, Häubchen auf dem Kopf und dickliche Jungen in weib en, rot bebaspelten Anzügen. Die Glocken läuteten und ein Lautsprechen an der Kreuzung bei der Feuerwehr dröhnte Kirchenlieder. An derselben Stelle gab es mal einen Lautsprecher, aus dem zu Hitlers Geburtstag Marschmusik gedröhnt hatte. . .
Ich lieb Irmgard als Wache im Auto, sie las ein Buch, und ich wanderte ein Stück mit meiner Kamera weiter. Die ganze Stadt war so klein.
Und dann stand ich wieder vor dem Haus. Das einzige, das von Vaters Garten noch übrig war, war die Birke, in der, in einem Vogelhaus, Mutter ihren Schmuck versteckt hielt im Jahre 46. Sie war inzwischen ein riesiger Baum geworden.
Aus einer Abgrenzung zwischen der Garage und dem Haus, wo wir unsere Kaninchen hielten, bellt ein Hund den Fremden an. Das Küchenfenster öffnet sich und eine junges Ehepaar, der Mann mit einem schwarzen Bart, schauen heraus, um nach dem Grund des Bellens des Hundes zu sehen. Ich winke verlegen und bin dabei wegzugehen, als sich die Haustür öffnet, und die junge Frau wie eine Schlafwandlerin mit vor sich ausgestreckten Händen auf die Birke und mich zugelaufen kommt.
Sie nimmt meine Hände in die ihren und sagt langsam und auf Deutsch: "Wer sind Sie?"
Meine Stimme verläb t mich, Tränen drohen mir in die Augen zu kommen, und die Dinge verschwimmen.
Die Frau drückt meine Hände ganz fest und schaut mich ernst an: "Bitte, sagen Sie, wer Sie sind?"
Schlieb lich kann ich wieder sprechen: "Dies ist meines Vaters Haus."
"Oh," sagt die Frau, "dann müssen Sie hereinkommen, bitte."
Eine Wirrnis von Bildern rast durch meinen Kopf, "Darf ich?" frage ich stockend. "Aber natürlich, ich mub Ihnen doch das Haus zeigen!" sagt sie.
Ich küsse ihre Hand. "Bitte!" sage ich. "Ich mub aber erst meine Tante und mein Auto holen gehen. Es steht beim Schlachthof."
Sie läb t meine Hände los. "Kommen Sie, wir warten auf Sie."
Ich wandere die Strab e zurück zu Irmgard. Ich kann dies alles noch immer nicht begreifen. "Irmgard," sage ich, "wach auf. Bist du bereit? Wir sind eingeladen ins Haus zukommen."
"Gott sei dank, hast du's geschafft!" sagt sie und gibt mir einen Kub . Zehn Minuten später stehen wir vor der wohlbekannten Haustür. Die Tür öffnet sich und die ganze Familie empfängt uns, Mutter, Vater, zwei Töchter und ein junger Mann. Die ältere von den beiden Töchtern sagt in fehlerfreiem Deutsch: "Ich heib e Margot, kommen Sie herein!" und führt uns in Mutters ehemaliges Wohn- und Eb zimmer.
Der erste Eindruck ist, wie unerwartet klein der Raum ist! Wo hat nur der Eb tisch für sechs Platz gehabt? Anstelle meiner Mutter Bücherschrank steht ein Sofa mit einem Kaffetisch davor, gegenüber ein kleines, modernes Regal mit Blumen und einem Plattenspieler, der Kachelofen ist verschwunden, ein Zentralheizungskörper unter dem Fenster ersetzt ihn. Die Wände sind weib , wie es Mutter geliebte hätte, das Zimmer scheint viel heller als in meiner Erinnerung, was wohl auf unsere alten, dunklen Grob tantenmöbel zurückzuführen ist. Wie schön die es sich gemacht haben, denke ich.
Irmgard und ich sitzen auf dem Sofa. Margot und ihrer Schwester setzen sich auf den Fub boden. Ihre Mutter fragt, ob wir Kaffe möchten und geht in die Küche. Vater setzt sich auf einen Stuhl zur rechten. Der junge Mann steht schüchtern an der Tür zur Veranda. Er spricht kein Deutsch. Er küb t Irmgard, wohl in der Meinung, dab sie meine Frau wäre, sehr vollendet, sehr polnisch die Hand, und Margot sagt, dab er ihr Freund sei. Ich sage meinen Namen und erkläre ihnen, dab Irmgard meine Tante, nicht meine Frau sei und zum grob en Erstaunen aller, dab sie achtzig sei.
Margot sagt sehr ernst: "Bitte sprechen sie sehr langsam, damit ich alles übersetzen kann. Woher kommen Sie? Bitte erzählen Sie uns alles über dies Haus, wir wissen doch nichts darüber."
Meine Stimme verläb t mich wieder und Margot wartet mit niedergeschlagenen Augen geduldig, bis ich mich gefab t habe. Ich erzähle ihnen, dab ich in Kalifornien lebe und Irmgard in Freiburg. Warum ich so weit weg lebte, fragt Margot, und ich bleibe ihr die Erklärung schuldig.
Ihre Mutter kommt mit dem Kaffe zurück, und ich erfrage ihren Namen: Krystyna und ihr Mann heib t Waclaw. Ich erzähle von Barbara und unseren Kindern, von meinen Geschwistern und wohin sie das Schicksal verschlagen hat, von unseren Jahren in diesem Haus, und bewundere die Veränderungen, die sie geschaffen haben. "Wo sind die Kachelöfen geblieben?" frage ich. Krystyna lacht, "Ja, in diesem Zimmer stand ein grob er weib er." "Und nebenan war ein brauner, und oben waren sie grün und bläulich." sage ich. Es ist beinahe ein Spiel wie mit Christine. Wir lachen beide über den Spab Erinnerungen zu teilen, von denen die anderen nichts wissen können.
Ich frage Krystyna, wann sie geboren ist: "1948" sagt sie ohne Schüchternheit, "und in diesem Hause." fügt sie arglos hinzu. Ich rechne in meinem Kopf, sie hat in diesem Haus 46 Jahre gelebt, was suche ich eigentlich hier? Ein halbes Jahrhundert verglichen mit den zieben Jahren, die wir hier lebten. Mein Gott, denke ich, sie hat dich in dies Haus eingeladen, das ihres ist, wie kein anderes.
"Und die beiden Kinder sind auch in diesem Hause geboren?" frage ich meine Gedanken verratend. "Ja," sagt Krystyna einfach und schaut mich traurigernst an. "Meine Eltern bekamen dies Haus, kurz bevor ich auf die Welt kam. Ich bin hier grob geworden, habe hier geheiratet, und die Kinder sind hier geboren und grob geworden."
Sie fühlt, was in mir vorgeht, und springt auf: "Ich habe etwas für Sie," sagt sie und verläb t das Zimmer. Margot kommt auf das Haus zurúck, und die Umbauten, die ihr Vater gemacht hat. Vater ist Automechaniker und seit zwei Jahren arbeitslos. Er hat die Küche vollständig modernisiert und das Badezimmer und die Toilette gekachelt. Das Dach der Veranda verwandelten er in einen Balkon, brach eine Tür aus dem Schlafzimmer und vermauerten einen Teil der Verandafenster, um den Raum heizen zu können. Aber wozu waren die Stahlstreben im Keller? Ich erkläre ihnen, dab dies der Luftschutzkeller gewesen wäre im Jahre 1938. Waclaw ist befriedigt, dies Rätsel gelöst zu haben.
Krystyna kommt mit einer Bildpostkarte von Habelschwerdt, aufgenommen anno 1938, zurück. "Hier," sagt sie, "möchten Sie dieses alte Bild? Ich schenke sie Ihnen. Ich fand sie in einem Trödelladen." Meine innere Stimme vollendet den Satz. "Ich hab sie extra für Sie aufgehoben. - Sehen Sie, ich habe mein ganzes Leben lang auf Sie gewartet." Ich danke ihr. Wir lächeln einander zu, und ich fühle, wie meine polnischen Drachen zusammenfallen, wie ihnen die heib e Luft ausgeht.
Die Postkarte schickte ich am nächsten Morgen von Glatz aus nach Perth an Christine.
Krystyna nimmt uns auf einen Rundgang durchs Haus. Die Küche ist ein Prachtstück. Die Treppe nach dem ersten Stock ist noch steiler als in meiner Erinnerung. Margot hat ihr Zimmer im ehemaligen Kinderzimmer - wie haben wir nur dort zu viert geschlafen? Den Schneeberg kann man nicht aus dem Mansardenfester sehen, wie ich es träumte.
Ich frage Krystyna nach dem Dachboden. Sie ist verwundert, macht Ausflüchte, an dem hätten sie nichts gemacht, führt mich dann aber doch hinauf. Ich finde mein altes Refugium unverändert. Krystyna kann nicht wissen, warum mich dieser staubige Platz so bewegt.
Inzwischen sind zwei Stunden vergangen. Es scheint, als ob wir uns bereits seit Jahren kennen.
Wir entschlieb en uns zu gehen. Margot kommt mit ihrer Kamera, und jeder macht Bilder. Das amerikanische Auto! Waclaw besteht auf einem besonderen Photo. Wir lachen, umarmen und küssen einander auf polnisch, dreimal, unsymmetrisch.
III.
1946 - 1947
1.
Hinter Glatz gab es in der Nacht eine gro
b e Aufregung, als der Zug nach Osten, Richtung Breslau fuhr und nicht an den Bergen entlang nach Westen. Die Gerüchte, genährt von der nie ganz verdrängten Furcht, dab wir nach Sibirien führen anstatt nach Westdeutschland, liefen wie Buschfeuer durch den Zug in dieser Nacht. Aber die Eisenbahnbrücken hinter Waldenburg waren von den deutschen Truppen gesprengt worden. Die Gemüter beruhigten sich erst, nachdem wir aus Breslau Richtung Liegnitz nach Nordwesten weitfahren.
Wir kamen nur sehr langsam voran. Oft hielten wir irgendwo für Stunden auf einem Abstellgleis. Dann rannten alle in die Büsche, um sich zu erleichtern, dauernd in Angst, dab die launische Lokomotive plötzlich und ohne Warnung abfahren könnte.
Am dritten Tag zogen die Ruinen von Liegnitz vorbei und später Bunzlau. Hinter Bunzlau kam der Zug wieder einmal auf einer winzigen Station in den Wäldern für zwei Tage zum Stillstand, die Lokomotive war verschwunden. Zum erstenmal wagten wir eine genauere Untersuchung des ganzen Zuges und fanden, dab in einem mit Bettüchern verhangenen Waggon, ein Kind auf die Welt gekommen war. Der Lokomotivführer war kurzerhand mit der Mutter nach Bunzlau zurückgefahren.
Am Morgen bevor wir wieder in Bewegung kamen, erschien ein Militiamann und befahl, dab wir die weib en Armbinden abnehmen müb ten. Es war ein merkwürdiges Gefühl, die Binden nicht mehr zu tragen, nachdem sie für so lange Zeit den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeutet hatten, beinahe als ob man ein anderes Stück seiner Identität verlöre.
Gegen Mittag erreichten wir den Bahnhof von Kohlfurt, die Grenze zwischen Polen und der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands. Wir mub ten uns in langen Reihen auf dem Bahnsteig aufstellen, unser Gepäck blieb zurück. Die Angst, daß unser Besitz gestohlen werden könnte, war immer noch gröb er als die Furcht, dab uns irgend ein körperliches Leid angetan werden könnte: Unter allgemeinem Geläster mub ten die Männer ihre Hemden und Hosen aufknöpfen, die Frauen ihre Blusen. Dann wurden wir in das Bahnhofsgebäude getrieben, wo vier uniformierte Engländer mit langen Schläuchen ein weißes Pulver in die Kragen, Hosenbeine. Schlitze, Unterröcke und Busen bliesen. Dies war unsere erste Begegnung mit DDT. Es erzeugte ein irritierendes Jucken auf dem angereicherten Dreck von fünf Tagen ohne Wasser.
Die Engländer verteilten auch eine Schale Suppe an die Entlausten, aber das aufregende Erlebnis von Kohlfurt waren nicht DDT, die Engländer oder ihre Suppe, sondern der erste Volkswagen meines Lebens. Er hatte das Kennzeichen der britischen Control Commission of Germany, CCG, und stand hinter dem Bahnhof! Vater hatte seit 1937 für einen Volkswagen gespart, er sollte 999 Mark kosten, und jeden Monat hatte Vater eine Sparmarke gekauft und in sein VW-Sparbuch geklebt. Als das Buch voll war, waren alle Volkswagen in den Krieg "eingezogen" worden. Ich hatte nie eines dieser Wunderautos gesehen. Hier stand er, offensichtlich gerade erst ausgeliefert, das erste Versprechen eines neuen Deutschlands.
Für zwei Tage und eine Nacht rollten wir durch Ostdeutschland. Ich erinnere mich nur an das von Quecksilberlampen gespenstisch beleuchtete, nächtliche Gewirr von Gleisen auf dem Bahnhof in Dessau, wo ich gegen Mitternacht wieder einmal Kohle von einem benachbarten Zug stahl. In den frühen Morgenstunden überquerten wir die Elbe unter der grauen Silhouette von Magdeburg und die Grenze zwischen der sowjetischen und britischen Zone. Wir hatten den Westen erreicht. Wir waren erleichtert, nur Vater wäre lieber in der russischen Zone geblieben, die Briten und Amerikaner waren ihm ideologisch verdächtig.
Im "Auffanglager Helmstedt" endete unsere Reise in den Viehwaggons. Wir wurden mit unserem Gepäck ausgeladen, gezählt, nach Zeichen von Syphilis, Läusen und Krätze abgesucht, mit Suppe, Brot und Wurst gefüttert - was für eine Sensation, eine ganze Salami für die Familie - bekamen 300 Mark pro Familie, einen Ausweis und ein Papier, auf dem unser Reiseziel verzeichnet war. Das Reisepapier gab den Namen des Ortes als "Lochne" an, niemand hatte eine Ahnung, wo das war. Vater meinte, einen Ort mit solch einem Namen gäbe es nur in Polen.
Gegen Abend fuhren wir in einem regulären Personenzug weiter gegen Westen. Jetzt erfuhren wir erst, wie komfortabel die Viehwagen gewesen waren, auf den Holzbänken konnte man nicht schlafen, und es gab nicht genügend Platz für das sperrige Gepäck.
Wir waren die ganze Nacht hindurch nach Westen gefahren. Gegen Morgen standen Vater und ich auf dem Perron des Wagens und versuchten zu erraten, wo wir wären. Die ausgebrannten Städte des Ruhrgebiets zogen im Morgengrauen vorbei und dann machte der Zug unerwartet eine scharfe Wendung nach Nordosten, durch Moore, baumgesäumte Felder und Kiefernwälder und an strohgedeckten Einzelhöfen vorbei. Gegen neun Uhr hielt er in einer kleinen Stadt namens Lohne. Das Rätsel hatte seine Lösung gefunden.
Am 8. Mai, zehn Tage nachdem wir Habelschwerdt verlassen hatten, waren wir an unserem Ziel angekommen.
Wir mub ten unser Gepäck ausladen und schliefen die erste Nacht auf einer Strohschütte, die auf dem Zementfub boden einer stillgelegten Korkenfabrik ausgelegt worden war.
Am nächsten Morgen fand eine "Flüchtlingsversteigerung" statt. Jedem der grob en Bauern in der Umgebung waren eine Anzahl "Flüchtlinge" auferlegt worden, und jetzt versuchte ein jeder, sich die besten Arbeitskräfte herauszusuchen. Obwohl kein Geld die Hände wechselte, glich es einem Sklavenmarkt.
Wir müssen sehr vielversprechend ausgesehen haben: drei volle Arbeiter. Jedenfalls war Bernd Heseding in bester Laune, als er uns mit seinem Pferd und Wagen an dem Abend nach Brockdorf nachhause karrte. Bernd war ein Riese von einem Mann von undefinierbarem Alter. Nach seinem verrunzelten Gesicht und Nacken zu urteilen - ich mub te an die populären Puppen denken, deren Köpfe aus verschrumpelten Äpfeln gemacht sind - war er nahezu 50, aber er hatte die Fistelstimme - eines Kastraten.
Bernd war der einzige Mann auf dem Hof. Es war das Land, aus dem nach Prof. Günther die nordgermanische Rasse stammte, und ich hatten in meinem Geschichtsunterricht eine "Eins" für einen Plan eines Niedersachsenhauses bekommen. Unter dem mächtigen Strohdach des Hauses coexistierten ein Hund, zehn Stück Vieh, zwei Pferde, zwei, der Armee entlaufene Knechte und drei unverheiratete Schwestern von Bernd. Lisbeth, die älteste und dickste der Schwestern, setzte uns sechs um den Tisch in der "guten Kammer" - normalerweise wurde in der Küche gegessen - und fütterte uns warme Milch, in der Klumpen des schwärzesten Schwarzbrotes schwammen, das wir je gesehen hatten. Selten habe ich so gut gegessen, wie an diesem Abend, und es gab so viel von der Milch, wie man wollte.
2.
Sie starb diesen ganzen frühen Sommer hindurch. Ihre Schwestern hielten sie in einem Zimmer neben dem unsrigen versteckt. Im Dorf sagte man, da
b sie an "gallopierender" Schwindsucht litt, aber sie war in keiner Eile. Wenn ich im Garten unter unseren Fenstern arbeiten mub te, versuchte ich einen Glimmer der mysteriösen Patientin zu erhaschen, aber ihr Fenster war mit schweren Vorhängen verhangen. Ihr Name wurden nie erwähnt.
Jede Nacht konnten wir ihr furchtbares Stöhnen hören und ihre endlosen Hustenanfälle. Ich lag wach im Bett und stellte sie mir vor, bleich mit einem Kissen im Rücken auf der anderen Seite der Wand im Bett liegend, ihr abgezehrter Körper in ein schmuddeliges Nachthemd gehüllt, umgeben von ihren fetten Schwestern, die bei dem Licht einer Kerze magische Beschwörungen murmelten, um ihren Husten zu beschwichtigen, und dem Blut Einhalt zu gebieten, das sie spukte.
Ich tastete mit meiner Hand nach Christine, die neben mir auf dem Strohsack lag. Sie bewegte sich im Schlaf, wachte aber nicht auf. Ich hatte Glück, mein Platz war am linken Rand des Doppelbettes, in dem wir schliefen - zu sechst. Neben Christine lagen Gerhard und Dieter, Mutter und Vater schliefen auf der anderen Seite. Ich hörte die Eltern flüstern, Mutter beschwor Vater, dab er etwas unternehmen möchte, um uns aus diesem Haus herauszubringen. Gerhard hatte als Kind eine Infektion der gefürchteten Krankheit gehabt, und sie fürchtete, dab er sich wieder anstecken könnte. Vater schwieg.
Für eine Weile war es still, bis das Husten eines neuen Anfalls wieder durch die Wand zu hören war. Vater stöhnte schwer. "Käthe," sagte er dann mit verhaltener Stimme, "es ist nicht nur diese sterbende Frau. Berndt hat mir gestern eröffnet, dab er erwarte, dab ich morgen mit ihm aufs Feld gehe, um ihm beim Eggen zu helfen. Und Rolf mub den Hühnerstall ausmisten dafür, dab sie uns füttern."
So gab Bernd mir nach dem Frühstück eine Schaufel und einen Eimer und befahl mir, in den Hühnerstall zu klettern und ihn sauber zu machen. Die Leiter war schlüpfrig mit halbvertrocknetem Kot, und in dem halbhohen Schuppen empfing mich ein überwältigender, saurer Gestank. Ich hackte und schaufelte auf den Knien für mehrere Stunden an vielen Schichten seit Jahren versteinerter Hühnerscheib e.
Bernds Zimmer war ein, an die Küche grenzender, fensterloser Raum. Er war gefüllt mit einer chaotische Unordnung von alten Kleidungsstücken, die in Haufen neben einem riesigen, eichenen Bettkasten auf dem Boden lagen. Das Bett war, wie auch unseres, mit einem Strohsack gefüllt, der von einem seit Monaten nicht gewaschenen Bettuch bedeckt wurde. Bernd teilte sein Bett mit Barro, einem schwarz-weib en Dalmatiner von der Gröb e eines kleinen Kalbes. Der Hund war sein einziger Freund. Bernd und der Hund lieb en niemanden in diesen "Stall", am wenigsten die Schwestern. Barro fing an böswillig zu knurren, wenn man der offenen Tür zu nahe kam.
Am Morgen, wenn wir an dem langen, rohen Tisch in der Küche unser Frühstück ab en, erschien Bernd aus seiner Kammer, sagte "Moin!" in seiner Falsettostimme und steuerte auf die Küchenspüle zu um sich zu waschen. Ein Badezimmer gab es nicht, die Toilette war ein Holzkasten aub erhalb des Hauses. Er war vollständig angekleidet in einem dreckigen Hemd und Hosen, die lose von seinem riesigen Körper hingen. Am Wasserhahn wusch er dann seinen einzigen unbedeckten Körperteil, seinen enormen, runden Kopf, der mit so kurzgeschorenem Haar bedeckt war, dab man den Schorf auf seiner Kopfhaut sehen konnte. Barro folgte ihm und schlürfte das Wasser, das aus dem Becken überlief.
Nachdem er sich gewaschen hatte, das Wasser rann ihm noch vom Kopf, sagte er jedesmal zu uns gewendet: "Ihr ostdeutschen Schweine, wascht ihr je euer Haar?" Diese Bemerkung vergällte mir den ganzen Tag.
Eines Tages rächte ich mich dafür - allerdings nur an Barro. Barro hatte denselben Körperbau wie sein Herr und Bettgenosse, aber obendrein besab er ein schreckliches Gebib und konnte furchterregend Bellen. Wenn er jemanden ansprang, war er fähig selbst einen starken Mann durch sein blob es Gewicht umzuwerfen. Wir fürchteten ihn. Aber wie sein Herr war er eine degenerierte, dumme Bestie. Also, eines Tages erwischte ich das gefürchtete Tier bei dem verirrten Versuch ein Schaf zu vergewaltigen. Das Schaf war angebunden und konnte nicht weglaufen. Erst hatte ich Mitleid mit dem Schaf und wollte Barro verscheuchen, dann aber sah ich meine Gelegenheit. Ich suchte mir ein Birkenzweig und kitzelte Barros Organ zu voller Gröb e, während ich ihn anfeuerte das blökende Schaf zu besteigen. Er sprang wieder und wieder, bis er sich mit hängender Zunge und zitternden Flanken davonschlich, das starke Tier.
Im Grunde war Bernd ein gutmütiger Trottel, aber gelegentlich verlor er seinen Verstand und lief beserk. Dies geschah im allgemeinen am Sonntag nach dem Mittagessen. Dann begann Lisbeth, gelangweilt und überfressen, ihren langsamen, beschränkten Bruder, zum Zeitvertreib zu hänseln. Sie sprachen Plattdeutsch, das wir nur unvollkommen verstanden, aber hin und wieder flocht Lisbeth ein paar hochdeutsche Worte für ihr "ausländisches" Publikum ein. Langsam nahm das Volumen ihrer Stimmen zu, bis Bernd, mit geschwollenen Adern, in blinder Wut seinen Stuhl umstieb und Anstalten machte Lisbeth von seiner Seite des Tisches her anzugreifen. In diesem Augenblick feuerte Lisbeth, in völliger Kontrolle ihrer selbst, mit eisiger Ruhe eine letzte Salve unflätiger Ausdrücke auf ihren Bruder und verschwand mit einem grob en Knall der Tür in die Frauenkemnate. Sie drehte den Schlüssel geräuschvoll um, und der impotente Bernd konnte nur noch die schwere Tür nutzlos mit den Fäusten bearbeiten.
Lisbeth spielte dieses nordische Drama jeden Sonntag mit vollendeter Geschicklichkeit, bis Bernd an einem Wochenende ihrer Kontrolle entglitt. Anstatt seine Wut an der Tür abzureagieren, ergriff er diesmal eine schwere Axt und schlug sich einen Weg durch die Tür in die Kammern seiner Schwestern. Wir liefen alle hinter ihm her. Die geilen Schreie der Frauen erreichten ein neues Crescendo, sie hatten sich in der Kammer der sterbenden Schwester verbarrikadiert. Bernd war dabei die zweite Tür zu zersplittern, als ihn die beiden Knechte im letzten Augenblick überwältigten und auf den Boden zwangen. Lisbeth öffnete und erschien triumphierend in der Tür.
Dies war das einzige Mal, dab ich einen Blick auf die sterbende Frau warf.
Ostern war spät dies Jahr. Am Gründonnerstag befahl Lisbeth eine grob e Säuberung von Haus und Garten. Die Knecchte mub ten den Mist aus den altmodischen Tiefställen ausgraben, die man nur zweimal im Jahre zu säubern brauchte, und wir die Fenster waschen und mit einem Rechen komplizierte Wellenfiguren in die Sandwege im Garten kratzen. Die Frauen mub ten den Küchenfub boden schrubben und ihn mit weib em Sand bestreuten. Lisbeth selber rührte keinen Finger, sie stand in der Positur eines Unterfeldwebels, mit in die Hüften gestemmten Armen, dabei und kommandierte ihre Sklaven. Am späten Nachmittag rib sie mir schlieb lich den Rechen aus der Hand und schrie: "Du schlesischer Esel, du bist so dumm, dab